ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/200933. Interdisziplinäres Forum der Bundes­ärzte­kammer: Prävention kann Kindern mit psychischen Störungen helfen

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33. Interdisziplinäres Forum der Bundes­ärzte­kammer: Prävention kann Kindern mit psychischen Störungen helfen

Gieseke, Sunna

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LNSLNS Häufig wissen die Erwachsenen aus dem direkten Umfeld nicht, was mit einem verhaltensauffälligen Kind los ist. Experten fordern mehr Aufklärung und Beratung der Eltern, in Kindergärten und Schulen.

Unter der Klassenarbeit des kleinen Sven* steht eine rote Sechs. Der Fünftklässler hat zwar eigentlich alles gewusst, aber kein Wort richtig geschrieben. Statt Kunstdünger schrieb er zum Beispiel „Kunstbürger“. „Ohne Fleiß kein Preis“, notierte die Lehrerin neben die Note. Der bayerische Junge hat eine bis dahin unerkannte Lese- und Rechtschreibschwäche. Gleichaltrige hänseln Sven aufgrund seines Handicaps. „Das Kind ist dumm“, kann auch das Urteil von Lehrern und Eltern lauten, oder aber: „Eigentlich ist er schlau, aber sehr faul. Wenn er sich nur mehr anstrengen würde, dann könnte er auch besser lesen und schreiben.“ „Mit beiden Meinungen wird aber der Mensch und nicht die Leistung bewertet“,

betonte Prof. Dr. med. Andreas Warnke von der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Universität Würzburg auf dem 33. Interdisziplinären Forum der Bundes­ärzte­kammer Anfang Januar dieses Jahres in Berlin.

Die Stigmatisierung könne bei Kindern mit Legasthenie oder auch Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) zu einer hohen Frustration führen. Daher sei die Diagnostik so wichtig, um zu klären, was eigentlich mit dem Kind los sei. „Diese Frage zu lösen, ist häufig schon ein erster bedeutender Schritt in der Prävention“, erklärt Warnke. „Psychische Störungen haben Folgen“, so der Facharzt. Sie seien nicht nur für die betroffenen Kinder und Jugendlichen eine schwere Belastung. Auch ihre Familien und das Umfeld litten unter der Situation. „Darüber hinaus wird in Deutschland immer noch verkannt, dass es auch ein gewaltiges gesellschaftliches und ökonomisches Problem darstellt“, ergänzte Prof. Dr. med. Dr. phil. Helmut Remschmidt, Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie der Universität Marburg. „Der Austausch und die Verbreitung moderner präventiver, diagnostischer und therapeutischer Methoden tragen dazu bei, das Leid zu verringern und die ökonomische Situation der Betroffenen zu verbessern.“

Gesellschaft ignoriert das Problem konsequent
Rund 15 Prozent aller Kinder und Jugendlichen leiden an psychischen Auffälligkeiten oder Erkrankungen. Ein Drittel von ihnen benötige eine ambulante oder stationäre Behandlung. „Es ist ein Skandal, wie konsequent unsere Gesellschaft Kinder und Jugendliche mit psychischen Störungen ignoriert und ihnen damit die Zukunft verbaut“, kritisierte Remschmidt. In die Prävention solcher Erkrankungen wird seiner Meinung nach immer noch zu wenig investiert. Präventionsprogramme für Schulverweigerer oder Schulabbrecher hätten aber gezeigt, dass psychische Störungen verhindert oder in ihrer Intensität reduziert werden könnten, wenn die Gründe für einen Schulabbruch minimiert würden, erklärte Remschmidt.

Besonders den Kindern mit ADHS könnten präventive Maßnahmen helfen, sagte Warnke. Gerade hier raubten die Kinder mit ihrer Energie Eltern und Lehrern die letzte Kraft. Sie entwickelten Ticks, säßen nicht still und lenkten damit auch Geschwister oder Schulkameraden ab. Er nannte das Beispiel einer Mutter, die ihrem Sohn bei den Hausaufgaben helfen will. Er konzentriert sich aber nicht und gibt – auf dem Stuhl hin und her rutschend – keine vernünftigen Antworten. Die Mutter schlägt dem Jungen auf den Arm: „Was ist denn bloß mit dir los? Was redest du für einen Blödsinn?“ Bei Erwachsenen mit bereits schwachen Nerven könne es aus der Verzweiflung heraus im schlimmsten Fall auch zu Misshandlungen kommen, erklärte Warnke. „Oft verstehen wir diese Kinder einfach nicht. Sie sind immer auf Achse.“ Zwei Drittel dieser Kinder litten darüber hinaus an zusätzlichen Störungen, 20 bis 25 Prozent von ihnen hätten beispielsweise auch eine Legasthenie. Diese vielfältigen Störungen könnten häufig das Alltagsleben beeinträchtigen. Darüber hinaus entwickelten die Betroffenen teilweise auch sekundäre Anpassungsstörungen. Diese äußerten sich unter anderem in Ängsten, Depressionen und in einem gestörten Sozialverhalten. „Deshalb muss sich die Prävention psychischer Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter weiterhin auf die Primärstörungen bei ADHS und der Legasthenie konzentrieren. Doch bedarf es zudem einer Diagnostik der sekundären Psychopathologie, um einerseits den Ursachen nachzugehen, die zu psychischen Erkrankungen führen können, und um andererseits Begleiterkrankungen nicht zu übersehen“, forderte Warnke.

Eltern und das soziale Umfeld in Kindergärten und Schulen müssen seiner Ansicht nach über ADHS aufgeklärt und beraten werden. „Ist eine solche Beratung binnen kurzer Frist nicht hilfreich, so ist zur Prävention sekundärer psychischer Fehlentwicklungen die Behandlung der Kernsymptome mit Psychostimulanzien indiziert und zu bevorzugen.“ Um impulsives und desorganisiertes Verhalten der Kinder zu mindern, seien eine Verhaltenstherapie, Elterntraining und Interventionen in der Familie sowie im Kindergarten und in der Schule hilfreich.
Sunna Gieseke
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