ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2009Ethik in der Psychotherapie: Schweigepflicht – Unterschiedliche Auslegungen

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Ethik in der Psychotherapie: Schweigepflicht – Unterschiedliche Auslegungen

PP 8, Ausgabe Februar 2009, Seite 67

Sonnenmoser, Marion

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In der Praxis ist es manchmal erforderlich, die Schweigepflicht zu durchbrechen. Zuvor sollte sich der Therapeut rechtlich beraten lassen.

Die Schweigepflicht ist grundlegend für eine therapeutische Beziehung. Patienten offenbaren oft nur deshalb ihre Ängste und Probleme, weil sie wissen, dass diese beim Therapeuten gut aufgehoben sind. Jeder noch so kleine Bruch der Geheimhaltung kann bei Patienten Misstrauen auslösen und zum Therapieabbruch führen. Die Regelungen zur Schweigepflicht findet man zum einen in § 203 Strafgesetzbuch (StGB), zum anderen in § 8 der (Muster-)Berufsordnung für die Psychologischen Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (Kasten) sowie in den jeweiligen Berufsordnungen der Landespsychotherapeutenkammern. Gibt ein Psychotherapeut unbefugt ein zum persönlichen Lebensbereich gehörendes Geheimnis eines Patienten preis, kann er mit einer Geldstrafe oder mit einer Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr bestraft werden. An die Schweigepflicht sind nicht nur Psychologen und Psychotherapeuten, sondern auch deren Assistenten, Praxishelfer, Sekretärinnen und andere Angestellte gebunden.

Im beruflichen Alltag ist es immer wieder erforderlich, die Schweigepflicht zu durchbrechen. Die zulässigen Fälle sind relativ genau beschrieben. „Psychotherapeuten sind über diese Fälle allerdings zu wenig informiert“, meinen Jeffrey Younggren und Eric Harris von der American Psychological Association Insurance Trust. Aus diesem Grund bestehen viele Unsicherheiten. Zudem kommt es immer wieder vor, dass Psychotherapeuten aus Unwissenheit Fehler begehen, die strafrechtliche, zivilrechtliche und berufsrechtliche Folgen haben.

Die Schweigepflicht darf beispielsweise im Einzelfall aus dem „Prinzip der Güterabwägung“ durchbrochen werden. Besteht ein „rechtfertigender Notstand“, das heißt eine Gefahr für Leben, Leib, Freiheit, Ehre und Eigentum oder ein anderes Rechtsgut, dann darf der Psychotherapeut Patientengeheimnisse offenbaren, um die Gefahr von sich oder anderen abzuwenden. Es ist zulässig, bei Suizidgefahr die Angehörigen des Patienten zu informieren. Auch wenn ein Patient droht, eine andere Person zu verletzen oder umzubringen, darf die betroffene Person oder die Polizei informiert werden. Zudem ist ein Therapeut berechtigt, die Polizei oder das Jugendamt zu benachrichtigen, wenn er Misshandlung oder Missbrauch von Kindern feststellt. Für den Therapeuten besteht Anzeigepflicht von bestimmten Straftaten (Mord, Totschlag, Raub, Brandstiftung), von Wiederholungsgefahr und im Rahmen der Aufklärung von Kapitalverbrechen. Nicht immer liegen die Fälle so eindeutig. Und auch die Gesetzestexte erlauben manchmal eine großzügige Auslegung. Dann müssen Rechte der Beteiligten und Werte gegeneinander abgewogen werden, was juristische, ethische Überlegungen und letztlich die Übernahme der Verantwortung erfordert. „Der behandelnde Therapeut muss sich im Klaren darüber sein, dass er in persönlicher Verantwortung im Einzelfall entscheiden muss“, sagen die Reutlinger Rechtsanwältin Susanne Locher-Weiß und die Juristin Kerstin Burgdorf, Mitarbeiterin der DGVT-Bundesgeschäftsstelle in Tübingen. Auch vor Gericht gibt es unterschiedliche Auslegungen, etwa im Fall des Gene Chase. Er suchte 1997 die Psychiaterin Kay Dieter auf und drohte während einer Therapiesitzung damit, mehrere Personen zu töten, darunter auch zwei FBI-Agenten. Im Einklang mit der kalifornischen Gesetzgebung brach Dieter die Schweigepflicht, um die potenziellen Opfer zu schützen. Sie informierte die Betroffenen und die Polizei, und Chase wurde verhaftet und angeklagt. Sein Anwalt argumentierte, dass das Recht auf Durchbrechung der Schweigepflicht nur so lange bestand, bis die Betroffenen informiert und die unmittelbare Gefahr abgewandt war. Da dies zum Zeitpunkt der Gerichtsverhandlung der Fall war, bestand nun wieder Schweigepflicht. Deshalb dürfe Dieter nicht vor Gericht aussagen. Das Gericht lehnte den Einspruch ab mit der Begründung, dass die Morddrohungen die Patientenrechte minderten. Dieter sagte aus, Chase wurde verurteilt, zog aber erneut vor Gericht und bekam diesmal Recht. Das zweite Gericht befand, dass Dieter zwar die Betroffenen über die Bedrohung informieren musste. Die Schweigepflicht sei jedoch ein höheres Gut als die Fortsetzung der Durchbrechung.

Ausnahmen bei Kindern
Die Schweigepflicht muss auch gegenüber Familienangehörigen des Patienten eingehalten werden. Ausnahmen bestehen nur nach den Kriterien des rechtfertigenden Notstands und bei minderjährigen Kindern. Hier ist einerseits zwischen dem Geheimhaltungsinteresse des Kindes und andererseits dem Anspruch der Eltern auf Mitwissen abzuwägen. Das Wohl des Minderjährigen erfordert eine Mitteilung an die Eltern, wenn eine erfolgreiche Behandlung des Kindes nur im Zusammenwirken mit den Eltern erzielt werden kann. Die Mitteilung von Geheimnissen an die Eltern kann Kindern aber auch schaden, vor allem bei Missbrauch durch ein Elternteil oder gerichtlichen Auseinandersetzungen um das Sorgerecht. Ein Beispiel dafür ist der Fall des sechsjährigen Daniel, dessen Eltern sich scheiden ließen. Im Sorgerechtsprozess sagte ein Psychologe aus, dass der Junge vermutlich von seinem Vater missbraucht worden sei. Da der Psychologe jedoch nicht unbefangen war und der Tatbestand nicht zweifelsfrei festgestellt werden konnte, wurde ein weiterer Psychologe herangezogen. Er verweigerte die Aussage, weil er das Patientengeheimnis wahren wollte. Er argumentierte, dass weitere Informationen über den psychischen Zustand des Jungen von den Eltern nur als Waffen im Rechtsstreit benutzt würden. Daraufhin pochte der Vater auf sein Sorgerecht und sein berechtigtes Interesse am Gesundheitszustand des Sohnes. Das Berufungsgericht entschied, dass der Psychologe die Aussage verweigern durfte. Es begründete die Entscheidung damit, dass Daniel, obwohl minderjährig und noch nicht einsichtsfähig, eigene Vorrechte besaß, die unabhängig von der elterlichen Vormundschaft waren. Den Eltern stand damit kein Recht auf Informationen zu allein aus dem Grund, dass sie sorgeberechtigt waren. Für Psychotherapeuten, die Minderjährige behandeln, ist es nicht einfach, sich in solchen Fällen richtig zu verhalten. Sie sind einerseits auf die Kooperation mit den Eltern angewiesen, andererseits haben sie die Pflicht, die Interessen des Kindes zu wahren. Folgende Empfehlungen können dazu beitragen, Unsicherheiten im Vorfeld zu reduzieren:

- Psychotherapeuten sollten sich vom Patienten von der Schweigepflicht ausdrücklich entbinden lassen – am besten in schriftlicher Form –, zum Beispiel, wenn sie aufgefordert werden, Patientendaten weiterzugeben oder vor Gericht auszusagen.
- Angehörige und Begleitpersonen von Patienten sollten über die Schweigepflicht informiert werden, die auch ihnen gegenüber besteht. Eltern sollten auf die Selbstbestimmungsfähigkeit des Kindes hingewiesen werden. Ab dem Alter von 14 bis 15 Jahren ist das Patientengeheimnis zu beachten.
- Bereits bei geringen Unsicherheiten bezüglich der Rechtslage sollten Psychotherapeuten sich beraten lassen, beispielsweise von Kollegen, Berufsverbänden und Rechtsanwälten.
Marion Sonnenmoser



Kontakt:
Susanne Locher-Weiß, Kerstin Burgdorf, DGVT-Bundesgeschäftsstelle, Hechinger Straße 203, 72072 Tübingen, E-Mail: dgvt@dgvt.de, Internet: www.dgvt-Verlag.de
Jeffrey Younggren, 827 Deep Valley Drive,
Suite 309, Rolling Hills Estates, CA 90274,
E-Mail: jeffyounggren@earthlink.net


§ 8 Schweigepflicht
Auszug aus der (Muster-)Berufsordnung der Bundes­psycho­therapeuten­kammer

1) Psychotherapeuten sind zur Verschwiegenheit über Behandlungsverhältnisse verpflichtet und über das, was ihnen im Zusammenhang mit ihrer beruflichen Tätigkeit durch und über Patienten und Dritte anvertraut und bekannt geworden ist. Dies gilt auch über den Tod der betreffenden Person hinaus.
2) Soweit Psychotherapeuten zur Offenbarung nicht gesetzlich verpflichtet sind, sind sie dazu nur befugt, wenn eine wirksame Entbindung von der Schweigepflicht vorliegt oder die Offenbarung zum Schutze eines höherwertigen Rechtsgutes erforderlich ist. Dabei haben sie über die Weitergabe von Informationen unter Berücksichtigung der Folgen für die Patienten und deren Therapie zu entscheiden.
3) Ist die Schweigepflicht aufgrund einer gesetzlichen Vorschrift eingeschränkt, so ist die betroffene Person darüber zu unterrichten.
4) Gefährdet ein Patient sich selbst oder andere oder wird er gefährdet, so haben Psychotherapeuten zwischen Schweigepflicht, Schutz des Patienten, Schutz eines Dritten beziehungsweise dem Allgemeinwohl abzuwägen und gegebenenfalls Maßnahmen zum Schutz des Patienten oder Dritter zu ergreifen.
5) Mitarbeiter und die Personen, die zur Vorbereitung auf den Beruf an einer psychotherapeutischen Tätigkeit teilnehmen, sind über die gesetzliche Verpflichtung zur Verschwiegenheit zu belehren. Dies ist schriftlich festzuhalten.
6) Im Rahmen kollegialer Beratung, Intervision, Supervision oder zum Zwecke der wissenschaftlichen Forschung und Lehre dürfen Informationen über Patienten und Dritte nur in anonymisierter Form im Sinne des Bundesdatenschutzgesetzes verwendet werden. Die Anonymisierung muss sicherstellen, dass keinerlei Rückschlüsse auf die Person des Patienten erfolgen können. Kann diese Anonymisierung nicht gewährleistet werden, ist die Weitergabe von Informationen nur mit vorausgegangener ausdrücklicher Entbindung von der Schweigepflicht zulässig.
7) Ton- und Bildaufnahmen psychotherapeutischer Tätigkeit bedürfen der vorherigen Einwilligung des Patienten. Ihre Verwendung unterliegt der Schweigepflicht. Der Patient ist über das Recht zu informieren, eine Löschung zu verlangen.
8) In allen Fällen der Unterrichtung Dritter nach den Absätzen 2–7 hat sich der Psychotherapeut auf das im Einzelfall erforderliche Maß an Informationen zu beschränken.
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1.
Lehmkuhl U: Ethische Grundlagen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. München: Vandenhoeck & Ruprecht 2003
2.
Locher-Weiß S, Burgdorf K: Schweigepflicht in der psychotherapeutischen Praxis. Tübingen: dgvt-Verlag 2007
3.
Younggren J, Harris E: Can you keep a secret? Confidentiality in psychotherapy. Journal of Clinical Psychology 2008; 64(5): 589–600
4.
www.schweigepflicht-online.de
1. Lehmkuhl U: Ethische Grundlagen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. München: Vandenhoeck & Ruprecht 2003
2. Locher-Weiß S, Burgdorf K: Schweigepflicht in der psychotherapeutischen Praxis. Tübingen: dgvt-Verlag 2007
3. Younggren J, Harris E: Can you keep a secret? Confidentiality in psychotherapy. Journal of Clinical Psychology 2008; 64(5): 589–600
4. www.schweigepflicht-online.de

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