ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2009Präventionsprogramme: Gegen Übergewicht im Kindes- und Jugendalter

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Präventionsprogramme: Gegen Übergewicht im Kindes- und Jugendalter

Sonnenmoser, Marion

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LNSLNS Immer mehr Kinder und Jugendliche sind übergewichtig. Programme sollen helfen, dieses Problem in den Griff zu bekommen. Die Maßnahmen sind allerdings nicht koordiniert, und nur wenige profitieren davon.

Immer mehr Kinder und Jugendliche sind übergewichtig. Spezielle Programme sollen beim Abnehmen helfen. Es wäre allerdings sinnvoll, schon vorher präventiv anzusetzen, um das Problem zu vermeiden. Foto: Fotolia
Immer mehr Kinder und Jugendliche sind übergewichtig. Spezielle Programme sollen beim Abnehmen helfen. Es wäre allerdings sinnvoll, schon vorher präventiv anzusetzen, um das Problem zu vermeiden. Foto: Fotolia
Seit einigen Jahren häufen sich Berichte über eine besorgniserregende Entwicklung: Immer mehr Kinder und Jugendliche sind übergewichtig, zum Teil adipös.
Die Probleme mit dem Körpergewicht setzen bereits früh ein. Mittlerweile sind schon Kindergartenkinder, ja sogar Säuglinge betroffen. Dem anfänglichen Schock folgten zahlreiche Initiativen und Aktionen, wie etwa Aufklärungskampagnen und Ernährungs- und Bewegungsprogramme. Auch die Bundesregierung hat sich des Problems angenommen. Viele Programme vermitteln jedoch den Eindruck, als versuche man zu retten, was noch zu retten ist. Im Eiltempo will man die jungen Übergewichtigen auf den „richtigen Weg“ führen, bevor aus ihnen übergewichtige Erwachsene werden. Diese könnten aufgrund gewichtsbedingter Krankheiten das Gesundheitssystem über Gebühr belasten. Allerdings lassen sich Gewohnheiten nicht so einfach ändern. Gerade Ernährungsgewohnheiten scheinen besonders hartnäckig zu sein. Daher ist es möglicherweise sinnvoller, den Kindern frühzeitig die Grundlagen gesunder Ernährung und Bewegung zu vermitteln. Präventionsprogramme, mit denen Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen verhindert werden sollen, gibt es hierzulande zurzeit jedoch nur relativ wenige (Kasten).

Fehlende Langzeitwirkung
Gemeinsames Ziel vieler Präventionsprogramme in Deutschland und anderen Ländern ist es, Übergewicht bereits im Kindes- und Jugendalter vorzubeugen. Die Programme werden im schulischen Rahmen umgesetzt, und der Information und Psychoedukation kommt in allen Projekten eine wichtige Rolle zu. Allerdings gibt es ganz offenbar mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten, zum Beispiel hinsichtlich des Alters und Geschlechts der Schüler, des Einbezugs von Eltern und Lehrern, der aktiven Maßnahmen und Bewegungsförderung, lokaler und regionaler Begrenzung, der Intensität der Maßnahmen, Projektlaufzeit und des Förderumfangs.

Durch die Vielzahl der Unterschiede sind etliche Projekte sehr spezifisch und können kaum miteinander verglichen oder auf andere Kinder- und Jugendlichenpopulationen übertragen werden. Zudem lassen sie immer noch besonders adipositasgefährdete Gruppen außer Acht beziehungsweise fördern diese nicht intensiv genug, zum Beispiel Kinder aus bildungsfernen, sozial schwachen Familien und Kinder mit Migrationshintergrund. Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass einige Projekte lediglich Information und Psychoedukation einsetzen. Diese Maßnahmen werden den komplexen Phänomenen Übergewicht und Adipositas jedoch nicht gerecht und reichen keinesfalls aus, um Verhaltensweisen einzuüben und zu etablieren. Darüber hinaus ist die mangelnde Vernetzung und fehlende Koordination vieler Projekte zu kritisieren. Die Experten, Wissenschaftler und Teilnehmer scheinen sich weder auszutauschen noch lernen sie voneinander oder nutzen die Erfahrungen und Ergebnisse parallel laufender beziehungsweise bereits abgeschlossener Projekte. Vieles wird daher immer wieder neu „erfunden“, und die Forschungen fördern wenig Neues zutage. Darüber hinaus profitieren nur einige, ausgewählte Schulen von den Projekten, da viele Projekte, selbst wenn sie erfolgreich verlaufen, keine weiteren Fördergelder erhalten und nicht in anderen Schulen, Regionen oder Bundesländern übernommen oder in anderer Form fortgeführt werden. Auch ist zu fragen, was mit den beteiligten Schulen geschieht, wenn ein Projekt beendet ist. Über eine fortlaufende Betreuung oder Förderung durch das Projektteam und den Geldgeber ist so gut wie nichts bekannt. Daher ist zu vermuten, dass die Schulen nach Projektende wieder sich selbst überlassen werden. Für eine selbstständige Fortführung der Projekte im Sinn der Initiatoren durch die Schulen gibt es allerdings kaum Hinweise.

Eine große Schwäche der meis-ten Präventionsprogramme gegen Übergewicht ist die fehlende Langzeitwirkung. Oft wird der Erfolg kurz nach Beendigung eines Programms ermittelt. Dabei zeigt sich in der Regel, dass die Interventionsgruppe im Vergleich zur Kontrollgruppe von den Maßnahmen profitieren konnte – allerdings nur in beschränktem Umfang und in wenigen Bereichen, zum Beispiel im Hinblick auf das Wissen über Ernährung. Auf weitere Nachuntersuchungen, die mindestens einmal ein bis drei Jahre nach Beendigung des Interventionsprogramms stattfinden sollten, wird meistens verzichtet. Die Langzeitwirkung von Programmen in noch größeren Zeiträumen, zum Beispiel über zehn oder 20 Jahre, wurde bisher nur sehr selten untersucht. Möglicherweise liegt das daran, dass es sich kaum lohnt. Denn schon die wenigen Studien, die die Langzeitwirkung innerhalb von ein bis drei Jahren erfassen, kommen fast durchweg zu ernüchternden Ergebnissen. Ein Beispiel ist das Projekt CHOPPS (Christchurch Obesity Prevention Programme in Schools): Zwischen 2001 und 2002 nahmen Schulkinder aus Südengland an einer vierteljährlichen Schulung in gesunder Ernährung teil. Angestrebt wurde eine Konsumreduktion von süßen Getränken. Bei einer Nachuntersuchung ein Jahr nach Projektende zeigte sich noch eine geringfügige Langzeitwirkung, denn bei der Interventionsgruppe wurde etwas weniger häufig Übergewicht festgestellt als bei der Kontrollgruppe. Dieser Effekt war zwei Jahre später vollends verschwunden, was möglicherweise an den zu einseitigen und niederfrequenten Maßnahmen lag.

In vielen Fällen erfüllen Präventionsprogramme nicht einmal ansatzweise die Erwartungen. So zeigen verschiedene Studien aus den 80er- und 90er-Jahren, dass oft nur Einzeleffekte, beispielsweise im Hinblick auf das Geschlecht oder bestimmte Verhaltensweisen, erzielt werden konnten. Noch öfter führten die Präventionsprogramme jedoch zu keinerlei messbaren Unterschieden zwischen Interventions- und Kontrollgruppen. Die Kritikpunkte sollen die Leistungen, die einzelne Programme zumindest kurzfristig erzielen, keinesfalls negieren. Allerdings wäre es insgesamt erforderlich, die Methoden und Vernetzungen der verschiedenen Programme systematischer zu prüfen und zu verbessern, um nachhaltige Wirkungen zu erzielen.
Dr. phil. Marion Sonnenmoser



Exemplarisch ausgewählte PräventionsProgramme

URMEL-ICE
Bei dem Programm „Ulm Research on Metabolism, Exercise und Lifestyle Intervention in Children“ (URMEL-ICE) handelt es sich um ein wissenschaftlich begründetes, strukturiertes Präventionsprogramm, das Kinder zu einem gesünderen Lebensstil motivieren soll. Es wurde an der Ulmer Universitätsklinik entwickelt und in 34 Grundschulen im Alb-Donau-Kreis und im Kreis Neu-Ulm getestet. Das Besondere an diesem Programm ist, dass es über die Schule wirkt. Darüber hinaus kommt es ohne zusätzlichen Expertenunterricht aus und bezieht das soziale Umfeld der Kinder, zum Beispiel Schulklassen und Familien, mit ein. Maskottchen ist das „Urmel“, eine Figur der Augsburger Puppenkiste.

An der kürzlich veröffentlichten Evaluationsstudie nahmen 1 037 Zweitklässler teil. Sie wurden durch Zufallszuweisung einer Interventions- und einer Kontrollgruppe zugewiesen. Die Interventionsgruppe beschäftigte sich in verschiedenen Unterrichtseinheiten ein Jahr lang mit den Themen „Ernährung“, „Medienkonsum“ und „Bewegung“ und nahm während des normalen Schulunterrichts an kleinen Bewegungseinheiten teil. Zu Beginn der dritten Klasse konnten 964 der Kinder nochmals untersucht werden. Dabei zeigte sich, dass die Interventionsgruppe im Vergleich zur Kontrollgruppe von der Intervention profitiert hatte. So fand man beispielsweise einen Unterschied in der Hautfaltendicke und im Bauchumfang, das heißt, die Körperfettmasse der Interventionsgruppe nahm im Vergleich zur Kontrollgruppe im selben Zeitraum weniger zu. Vorbeugend wirkten vor allem die Reduktion des Konsums zuckerhaltiger Getränke, eine Steigerung der täglichen Bewegungszeit und eine Verringerung der Zeit, die die Kinder vor Bildschirmmedien verbrachten. Da das Programm sich bewährt hat, planen die Ulmer Wissenschaftler jetzt, die erprobten Unterrichtsmaterialien von URMEL-ICE zu veröffentlichen.

Internet: www.uni-ulm.de/urmel-ice/stu die.html
Kontakt: Susanne Brandstetter, Universitätsklinikum Ulm, Sektion Sport- und Rehabilitationsmedizin, Steinhövelstraße 9, 89075 Ulm, Telefon: 07 31/5 00-2 65 11, E-Mail:
urmel-ice@uni-ulm.de


Anschub.de
Bei der „Allianz für nachhaltige Schulgesundheit und Bildung in Deutschland“ (Anschub.de) handelt sich um ein von der Bertelsmann-Stiftung initiiertes, nationales Programm zur schulischen Gesund­heits­förder­ung. Rund 100 Schulen in Bayern, Berlin, Mecklenburg-Vorpommern und Nordrhein-Westfalen nehmen bis 2010 daran teil. Ein Ziel liegt in der Prävention von Übergewicht und Adipositas bei Schulkindern. Hierzu wurde ein Handbuch („Schwere Zeiten… neue Wege…“) entwickelt, das kostenfrei im Internet heruntergeladen werden kann. Es informiert Lehrer über die Entstehung und Folgen von Übergewicht und Adipositas. Darüber hinaus enthält es einen Leitfaden für Gespräche mit Eltern übergewichtiger Kinder.
Internet: www.anschub.de
Kontakt: Rüdiger Bockhorst, Bertelsmann- Stiftung, Carl-Bertelsmann-Straße 256, 33311 Gütersloh, Telefon: 0 52 41/81-8 15 08


TOPP
Das Projekt „Teenager ohne pfundige Probleme“ (TOPP) wird ab 2007 an Thüringer Schulen zur Vorbeugung von Übergewicht und Adipositas für Jungen der sechsten Klasse angeboten und wissenschaftlich evaluiert. Es soll helfen, ein Bewusstsein für das eigene Bewegungs- und Ernährungsverhalten zu schaffen und Alternativen für ungünstige Gewohnheiten aufzeigen. Ziel ist eine langfristige positive Veränderung des Bewegungs- und Ernährungsverhaltens. Es sind neun Unterrichtseinheiten vorgesehen, in denen anhand von Postern und Unterrichtsmaterialien verschiedene Themen wie „Selbstwertgefühl“, „ausgewogene Ernährung“ und „Problembewältigung“ bearbeitet werden. Mit Ergebnissen ist ab 2009 zu rechnen.
Internet: www.med.uni-jena.de/mpsy/ topp/
Kontakt: Melanie Sowa, Universitätsklinikum Jena, Institut für Psychosoziale Medizin und Psychotherapie, Steubenstraße 2, 07740 Jena, Telefon: 0 36 41/93 77 89, E-Mail: Melanie.Sowa@med.uni-jena.de


CHILT
Bei dem Programm „Children’s Health Interventional Trial“ (CHILT) handelt es sich um ein stufenförmiges Programm zur Prävention und Therapie von Übergewicht und Adipositas im Kindes- und Jugendalter, das an der Deutschen Sporthochschule Köln entwickelt worden ist. Im Hinblick auf die Prävention ist vor allem die erste Stufe des Projekts interessant; die anderen beiden Stufen beziehen sich mehr auf die Behandlung bereits übergewichtiger beziehungsweise adipöser Kinder. Die erste Stufe wurde im Jahr 2001 zunächst an zwölf Grundschulen initiiert. Die Lehrkräfte wurden in den Bereichen Gesundheitsunterricht und Bewegung im Schulalltag geschult. Anhand von speziellen Unterrichtsmaterialien geben sie seither einmal wöchentlich Gesundheitsunterricht und führen mehr Bewegung im und um den Unterricht herum durch. Mittlerweile sind auch zwei Ordner mit Unterrichtsmaterialien für Lehrkräfte zu den Themen „Gesund­heits­förder­ung“ und „Bewegungsförderung“ erschienen.
Internet: www.chilt.de
Kontakt: PD Dr. med. Dr. Sportwiss. Christine Graf, Deutsche Sporthochschule Köln, Carl-Diem-Weg 6, 50933 Köln, Telefon: 02 21/ 49 82 52 30, E-Mail: chilt@dhsh-koeln.de


PAPI
Das Projekt „Paderborner Adipositas Prävention und Intervention“ (PAPI) ist auf Paderborn beschränkt und wurde von Ernährungs- und Sportwissenschaftlern der Universität Paderborn entwickelt. Ziel ist die Reduktion der Übergewichtsrate bei Kindern vom Säuglings- bis ins Teenageralter. Informationen, Fortbildungen und konkrete Handlungskonzepte sollen dabei helfen, Rahmenbedingungen für Heranwachsende zu schaffen, die in jeder Altersphase gesundheitsfördernd sind und einen aktiven Lebensstil unterstützen. Besonderer Wert gelegt wird auf die Steigerung von Alltagsaktivitäten, Aneignung von Grundkenntnissen über gesunde Ernährung, hochwertige Frühstücks- und Mittagsverpflegung in Kitas und Schulen, Förderung von gesunden Trinkgewohnheiten sowie Reduzierung des Medienkonsums zugunsten körperlicher Aktivitäten. In das Projekt werden Kinder, Eltern, Erzieher und Lehrer einbezogen.
Internet: www.papi-paderborn.de
Kontakt: Projekt PAPI, Universität Paderborn, Fakultät für Naturwissenschaften, Department Sport und Gesundheit, Warburger Straße 100, 33098 Paderborn


KOPS
Die Langzeitstudie „Kiel Obesity Prevention Study“ (KOPS) wurde im Jahr 1996 begonnen und wird noch bis zu diesem Jahr fortgesetzt. Sie besteht aus drei Querschnitts- und einer Längsschnittuntersuchung und verfolgt unter anderem das Ziel, Präventionsmaßnahmen durchzuführen und deren Einfluss zu untersuchen. Zur universalen Prävention wurden Schulinterventionen in Kieler Grundschulen durchgeführt, die einen sechsstündigen Ernährungsunterricht sowie Anleitungen zu „bewegten Pausen“ umfassten. Die Ergebnisse einer Nachuntersuchung vier Jahre nach den Interventionen zeigten, dass eine frühzeitige Adipositasprävention möglich ist, der Erfolg jedoch durch das Geschlecht des Kindes, den sozioökonomischen Status der Familie sowie das Gewicht der Mutter beeinflusst wird.
Internet: www.uni-kiel.de/nutrfoodsc/
nutrition/forschung.htm
Kontakt: Prof. Dr. med. Manfred Müller, Universität zu Kiel, Institut für Humanernährung und Lebensmittelkunde, Düsternbrooker Weg 17, 24105 Kiel, Telefon: 04 31/8 80-56 70,
E-Mail: mmueller@nutrfoodsc.uni-kiel.de
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1.
Campell K, Waters E, O’Meara S, Kelly S, Summerbell C: Interventions for preventing obesity in children (Cochrane Review). Cochrane Library 2004, Issue 1.
2.
Hilbert A, Rief W: Adipositasprävention. Bern: Huber 2006.
3.
James J, Thomas P, Kerr D: Preventing childhood obesity: Two year follow-up results from the Christchurch obesity programme in schools (CHOPPS). BMJ 2007; 335(7623): 762.
4.
Nething K et al.: Primärprävention von Folgeerkrankungen des Übergewichts bei Kindern und Jugendlichen. Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin 2006; 2: 42–5.
1. Campell K, Waters E, O’Meara S, Kelly S, Summerbell C: Interventions for preventing obesity in children (Cochrane Review). Cochrane Library 2004, Issue 1.
2. Hilbert A, Rief W: Adipositasprävention. Bern: Huber 2006.
3. James J, Thomas P, Kerr D: Preventing childhood obesity: Two year follow-up results from the Christchurch obesity programme in schools (CHOPPS). BMJ 2007; 335(7623): 762.
4. Nething K et al.: Primärprävention von Folgeerkrankungen des Übergewichts bei Kindern und Jugendlichen. Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin 2006; 2: 42–5.

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