ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2009Rituale: Mehr Aufmerksamkeit

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Rituale: Mehr Aufmerksamkeit

Degner, Renate

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Ein Blick über den Tellerrand heutiger psychotherapeutischer Heilungsvorgänge hin zu kultur- und zeitübergreifenden Konstanten von Heilung gelingt dem Autor auf unterschiedlichen Wegen. Beginnend mit der Definition und Geschichtlichkeit von Ritualen schließt er mit der These, dass mystische Erfahrung eine anthropologische Konstante sei und die Empfindung des „Heiligen“ eine Grundausstattung mit der Funktion: „Das Heilige kann Heilung bewirken.“

Als Psychologe, Professor und Akademischer Rat der Universität zu Köln ist Martin Schuster wissenschaftlich daran interessiert, Wirksamkeit und Wirkprinzipien alter und neuer Rituale herauszufiltern. Somit gliedert sich sein Buch auch in Schilderungen traditioneller Rituale und Analyse wesentlicher Wirkfaktoren sowie heutiger allgemeiner und psychotherapiespezifischer Rituale. Nicht zu verleugnen sind seine psychologischen Anleihen bei C. G. Jung, Stanislav Grof und der Hypnotherapie. Jedoch zeigt er durch eine Vielzahl von Beispielen die weite Verbreitung von Ritualen: Sie durchdringen alle Lebensbereiche und seelischen Tiefenschichten (vom christlichen Kirchgang hin zu Joseph Beuys’ Fettobjekten oder Werbungssuggestionen „Du darfst“). Zahlreiche Abbildungen und ein ausführliches Literaturverzeichnis belegen und ergänzen Schusters Ausführungen.

In den einzelnen Kapiteln differenziert er Ritualeinsatz, -inszenierung oder -einfluss in den verschiedenen Bereichen: in der Psychotherapie, Kunsttherapie, in zeitgenössischer Kunst oder geheimen Alltagsritualen. Dazwischen ruft er in einem eigenen Kapitel zur Neugestaltung von Ritualen in unserem Leben auf. Insbesondere in diesem Kapitel wird der Unterschied deutlicher zwischen allgemein gültigen, in die jeweilige Kultur oder Religion eingebetteten Ritualen und den individuellen Ritualen, die im Kontext einer Psychotherapie entstehen können. Gemeinsam ist ihnen die jeweilige Funktion: Rituale zu sein der Wandlung oder der Heilung oder der Trauer – wobei es Vermischungen gibt. Ein Heilungsritual ist immer mit Wandlung und oft mit Trauer verbunden.
An zwei Beispielen sei eine Umsetzungsmöglichkeit im psychotherapeutischen Kontext angedeutet: Erstens schlägt Schuster im Zusammenhang mit „Waschzwängen“ vor, das Symptom möge als Ritualelement verstanden und therapeutisch in ein vollständiges Wandlungsritual eingebaut werden. Dabei warnt er vor Aktionismus und zielt auf ideologische Passung des therapeutischen Vorschlags ab. Zweitens: Ein über „esoterische“ Rituale herbeigeführter veränderter Bewusstseinszustand oder ein transpersonales Erleben könne für die Zuversicht des Klienten genutzt werden – und somit aus Hilflosigkeitszuständen herausführen. Auch gebe es eine Ähnlichkeit zwischen Ritualen und Placebos.

Beim Lesen dieses Buchs wird sich selbst der kognitiv orientierte Verhaltenstherapeut nicht davor verschließen wollen, kleinen Ritualen in der Psychotherapie und im Alltag (mehr) Aufmerksamkeit zu schenken, um seine kreativen Kompetenzen zu erweitern. Ebenso wird die praktizierende Kunsttherapeutin Behandlungselemente ihrer Arbeit von akademischer Seite gewürdigt sehen. Renate Degner

Martin Schuster: Rituale, Kunst und Kunsttherapie. Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Berlin 2008, 211 Seiten, broschiert, 24,95 Euro
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