ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2009Ambient Assisted Living – Assistenzsysteme: Technik hilft auf Schritt und Tritt

POLITIK

Ambient Assisted Living – Assistenzsysteme: Technik hilft auf Schritt und Tritt

Dtsch Arztebl 2009; 106(7): A-279 / B-239 / C-231

Krüger-Brand, Heike E.

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LNSLNS Viel Geld wird derzeit in die Entwicklung altersgerechter Assistenzsysteme gesteckt. Chancen und Risiken sowie die Akzeptanz der neuen Technologien sind noch längst nicht ausgelotet.

Erstmals seit ihrem 40-jährigen Bestehen hat die einflussreiche US-amerikanische Elektronikmesse CES in Las Vegas die Älteren als Zielgruppe entdeckt und im Januar 2009 die Sonderschau „Silvers Summit“ veranstaltet (1). Gezeigt wurden unter anderem seniorengerechte Handys und GPS-Navigationsgeräte für Alzheimer-Patienten, die diesen die Orientierung im Alltag erleichtern sollen. Dabei sei auch das „Pill Phone“, ein Handy mit Erinnerungsfunktion für die Medikamenteneinnahme, groß herausgestellt worden, obwohl es eine umständliche Eigenprogrammierung erfordere, berichtete Prof. Dr. Wolfgang Wahlster vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz beim zweiten AAL-Kongress in Berlin* (2). Der kritischen Anmerkung auf dem Fuß folgte der Hinweis, dass man in Deutschland „schon eine bessere und weitergehende Lösung“ aufzuweisen habe, nämlich eine funkgesteuerte elektronische Medikamentenbox. Außerdem arbeite man an patientenindividuellen „Wochen- oder Monatsblistern“, bei denen der Patient beispielsweise seine Wochenpa-ckung mit allen einzunehmenden Arzneimitteln erhalte und per Handy an die Einnahme erinnert werde (3).

Räumlich verteilte, körpernahe oder sogar implantierbare Sensorsysteme sorgen für die Erfassung notwendiger Vital- oder Umgebungsdaten. Foto: Fraunhofer-Institut für Mikroelektronische Schaltungen und Systeme
Räumlich verteilte, körpernahe oder sogar implantierbare Sensorsysteme sorgen für die Erfassung notwendiger Vital- oder Umgebungsdaten. Foto: Fraunhofer-Institut für Mikroelektronische Schaltungen und Systeme
AAL-Technologien gefragt
Das weltweite Wettrennen um die Entwicklung lebensunterstützender intelligenter Assistenzsysteme, eine Umschreibung für das Geschäfts- und Technologiefeld Ambient Assisted Living (AAL), hat somit begonnen, und Deutschland liegt dabei bislang gut im Rennen. AAL-Technologien sollen mit dazu beitragen, den demografischen Wandel zu bewältigen. Bereits heute sind 22 Prozent der Haushalte in Deutschland Seniorenhaushalte. Statistischen Berechnungen zufolge werden im Jahr 2050 23 Millionen Menschen hierzulande über 65 Jahre alt sein. Intelligente Assistenzsysteme sollen ältere Menschen in ihrem Alltagsleben unterstützen, damit sie möglichst lange ein selbstständiges und unabhängiges Leben zu Hause führen können. Für die Volkswirtschaft geht man von einem Einsparpotenzial von rund drei Milliarden Euro aus, wenn nur etwa ein Zehntel der älteren Menschen mithilfe von Assistenzsystemen ein Jahr länger als bisher im eigenen Haushalt verbleiben könnte. Das Anwendungsspektrum von AAL reicht von der Unterstützung alltäglicher Verrichtungen über die Gesundheits- und Aktivitätsüberwachung, den Zugang zu medizinischen und zu Notfallsystemen bis hin zur Erleichterung sozialer Teilhabe. (4)

Zu den Schlüsseltechnologien für AAL-Lösungen zählen vor allem die Mikrosystemtechnik, Informations- und Kommunikationstechnik, Medizintechnik, Elektrotechnik, Automation und Robotik. Allein für telemedizinische Systeme soll der globale Markt jährlich von 4,8 Milliarden US-Dollar im Jahr 2006 auf 13,9 Milliarden US-Dollar bis 2012 zulegen. Das gesamte Marktpotenzial liegt nach Meinung von Experten noch erheblich höher. „Wir haben aber keine Zeit zu verlieren, denn viele Industrienationen sind in einer ähnlichen Situation“, betonte Thomas Rachel, parlamentarischer Staatssekretär im Bun­des­for­schungs­minis­terium (BMBF). Das Ministerium will in den nächsten drei Jahren 125 Millionen Euro für die Entwicklung von AAL-Standards und marktreifen Produkten und Dienstleistungen bereitstellen. Davon entfallen 45 Millionen Euro auf die Fördermaßnahme „Altersgerechte Assistenzsysteme“, für die 17 Projekte ausgewählt und beim Kongress vorgestellt wurden. (5)

Übergreifendes Netzwerk
Eine Innovationspartnerschaft mit dem VDE (Verband der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik) soll dabei zusätzliche Impulse für die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft geben. Ziel ist es, ein übergreifendes Netzwerk aus Technik, Politik, Sozialwissenschaft und Pflege zu schaffen, denn noch handelt es sich um einen sehr unübersichtlichen Markt, der sich vor allem durch die Heterogenität der Akteure, Technologien und Standards auszeichnet. Darüber hinaus werde Ende März 2009 eine AAL-Begleitforschung zu ethischen, rechtlichen, sozialen und politischen Fragen ausgeschrieben, kündigte Rachel an, denn eines sei klar, „wir brauchen die gesellschaftliche Akzeptanz“.

Einer Studie des Berliner Instituts für Sozialforschung zufolge wollen mehr als 58 Prozent der Seniorinnen und 37 Prozent der Senioren mit Unterstützung technischer Systeme in den eigenen vier Wänden leben (6). Die höchsten Akzeptanzwerte erreichen dabei Anwendungen wie die automatische Sicherung der Wohnung, das Telemonitoring für Herz-Kreislauf-Kranke sowie die mobile Gesundheitsassistenz, etwa durch ein Shirt mit EKG-Funktion.

Dennoch stellen ältere und behinderte Menschen keine homogene Nutzergruppe dar. Darauf verwies Klaus-Peter Wegge, Leiter des Accessibility-Kompetenzzentrums bei Siemens und selbst blind. Bei der AAL-Zielgruppe handele es sich um Menschen mit alterstypischen Fähigkeiten, um Menschen mit Behinderungen in jedem Alter, um solche mit temporären Einschränkungen und alle diejenigen, die sich Komfort und Unterstützung leisten könnten. Barrierefreiheit sei eine grundsätzliche Voraussetzung für die Akzeptanz von AAL-Systemen, betonte Wegge. Allerdings werde Barrierefreiheit je nach Alter, Behinderung, Training und persönlicher Erfahrung unterschiedlich wahrgenommen und teilweise widersprüchlich bewertet. Die Nutzer sollten generell schon im frühen Designstadium mit einbezogen werden („entwickeln mit“ statt „entwickeln für“). Wichtig sei die Vermeidung von Stigmatisierung und Diskriminierung. „Entwickeln Sie niemals einen AAL-Service, den Sie nicht auch selbst nutzen würden“, so die Empfehlung des Experten.

Nutzer gut für Überraschungen
Anschauungsunterricht dazu lieferte die Studie zu einem intelligenten mobilen Notrufsystem, die Helma Toepper (Slash Work, Frankfurt/M.) vorstellte. Gefragt war ein System für die Generation 60 plus, das sowohl Hilfe im Notfall gewähren als auch Informationen über Vitaldaten liefern sollte, gedacht wurde zunächst an ein Armband. Anhand von Benutzerbeobachtungen und -befragungen ergab sich während des Designs von Prototypen, dass störende oder auffällige Geräte abgelehnt werden, weil sie als stigmatisierend empfunden werden. Am Ende des Entwicklungsprozesses stand daher ein akzeptiertes alltägliches Produkt: die Armbanduhr, die zusätzlich Temperatur, Herzfrequenz und Position einer Person messen, die Signale per Funk an die Servicestation weitersenden und so bei Bedarf Hilfe für die ältere Person anfordern kann (7). Die Freude am Benutzen eines Gerätes und das Vertrauen in die Technik seien wesentliche Komponenten eines „behavioral design“, erläuterte Toepper. Das „mentale Modell“ des Nutzers – das, was dieser kenne und gewohnt sei zu benutzen – müsse mit berücksichtigt werden.

„Alterstypische Einschränkungen älterer Nutzer werden in Innovationsprozessen häufig zu Vorteilen, da aus ihnen bereits hohe Anforderungen an die Bedienbarkeit resultieren, von denen auch Jüngere profitieren“, erklärte Sebastian Glende, Technische Universität Berlin. Intelligente Assistenzsysteme müssen zuverlässig, sicher und vertrauenswürdig arbeiten, sie müssen ihre Komplexität vor den Nutzern verbergen, individuell einstellbar, einfach zu bedienen und umweltverträglich sein und dürfen den normalen Lebensablauf nicht stören.
AAL verändere das Bild vom einzelnen Menschen und vom Zusammenleben, meinte Priv.-Doz. Dr. theol. Arne Manzeschke, Universität Bayreuth, in seinem Problemaufriss zu ethischen Aspekten. AAL betreffe die Balance zwischen den Polen Sicherheit und Freiheit, Unterstützung und Entmündigung, Kontrolle und Gleichgültigkeit, Normierungszwang und Individualismus, Be- und Entlastung. Hilfe verstanden als Totalvereinnahmung, die dem Menschen alle Last wegnehmen wolle, übersehe, dass zum Leben auch eine gewisse Belastung dazugehöre. Hilfe könne zudem den Druck erhöhen, sich mit gewissen technischen Hilfen zufriedenzugeben und ansonsten sozial unauffällig zu bleiben (Normierungszwang). Seine Forderungen: AAL darf die assistierte Person nicht überfordern. Die Einwilligung zum Einsatz von AAL muss freiwillig bleiben und darf keine Zwangsanwendung „zum eigenen Besten“ werden. Robotik darf nicht auf Kosten sozialer Nähe gehen. Es bedarf klarer menschengebundener, transparenter und intervenierbarer Entscheidungshierarchien beim AAL-Einsatz. „Das heißt, entscheiden muss stets ein Arzt oder Pfleger, nicht irgendein Rechner“, so Manzeschke.

Technik, die zu Leibe rückt
Der Berliner Datenschutzbeauftragte Alxeander Dix gab zu bedenken, dass die Intensität der Überwachung durch AAL-Technologien wie Sensorik, RFID, Telemonitoring oder Body Area Networks (BAN) erhöht wird. Angriffe auf AAL-Systeme könnten möglicherweise lebensbedrohlich sein, so Dix. „Die Technik rückt dem Menschen im BAN zu Leibe.“

Die Anforderungen des Datenschützers: Hilfebedürftige und alte Menschen dürfen nicht elektronisch bevormundet werden. Auch bei AAL-Anwendungen ist der Grundsatz der Datensparsamkeit und Datenvermeidung zu beachten. Technik ist von vornherein datenschutzfreundlich zu gestalten. Hilfsbedürftige dürfen mit AAL-Technologien nicht allein gelassen werden, was hohe Anforderungen an die Transparenz der Technikgestaltung erfordert. Ganz wichtig: Wer auf AAL-Technik verzichtet, sollte deswegen keine Nachteile befürchten müssen.
Heike E. Krüger-Brand

Internetadressen:
1. http://silverssummit.com CES (Consumer Electronics Show)
2. www.aal-deutschland.de AAL-Website des BMBF
3. www.semprom.de Semantic Product Memory – Produkte führen Tagebuch
4. www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?src=suche&id=59594
DÄ-Artikel „Ambient Assisted Living – Assistenzsysteme: Hightech für ein besseres Leben im Alter“
5. www.mstonline.de/news/news/ergebnisse-der-bekanntmachung-altersgerechte-assistenzsysteme
Ergebnisse der BMBF-Fördermaßnahme „Altersgerechte Assistenzsysteme“
6. www.bis-berlin.de/projekte/beendete-projekte.html
Studie „Smart Home für ältere Menschen – Akzeptanz von AAL-Technologien zur Unterstützung der Gesundheit und Sicherheit“
7. www.slash-work.de/projekte/case-stu dies/handy-connection.html
Studie „Intelligentes Notrufarmband“

* AAL = Ambient Assisted Living, 2. Deutscher AAL-Kongress, ausgerichtet vom Bun­des­for­schungs­minis­terium und VDE Ende Januar 2009 in Berlin
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