ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2009Medizinstudium: Die Qualität der Lehre nicht dem Zufall überlassen

THEMEN DER ZEIT

Medizinstudium: Die Qualität der Lehre nicht dem Zufall überlassen

Fegert, Jörg M.; Obertacke, Udo; Resch, Franz; Hilzenbecher, Manfred

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Die fünf Medizinischen Fakultäten in Baden-Württemberg haben das „Kompetenznetz Lehre in der Medizin“ gegründet. Das Ziel: Die angehenden Ärzte sollen eine hochwertige Ausbildung erhalten und nach festgelegten Standards unterrichtet werden.

Die Ärztliche Approbationsordnung (ÄAppO) aus dem Jahr 2002 hat wichtige Impulse für die Qualität der medizinischen Ausbildung gesetzt. Zwei wesentliche Vorgaben: Die Fakultäten sollen vorklinische und klinische Inhalte stärker verknüpfen. Die Lehre hat sich stärker am Patienten zu orientieren. Darüber hinaus haben universitäre Prüfungen ein stärkeres Gewicht, denn in der neuen ÄAppO sind nur noch zwei Staatsexamina vorgesehen. Für die Fakultäten stellt die neue Approbationsordnung eine große Herausforderung dar, denn sie macht neue Lehr- und Lernformen erforderlich. Ein Hochschullehrer ist heutzutage „nicht mehr primär Anbieter von Wissen. Erfolgreiche Lehre hängt vielmehr künftig davon ab, wie gut er sich in den Vermittlungsprozess einbindet und den Lernweg förderlich begleitet“ (1).

Die fünf Medizinischen Fakultäten in Baden-Württemberg an den Standorten Freiburg, Heidelberg, Mannheim, Tübingen und Ulm haben die neue ÄAppO stets als Chance begriffen. 2007 gründeten sie das „Kompetenznetz Lehre in der Medizin Baden-Württemberg“. Jeder der fünf Standorte verfügt über ein spezielles Kompetenzzentrum und damit eine besondere Lehrexpertise. Das Landesministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst hat diesen Verbund von Beginn an unterstützt und die Zentren mit einer Anschubfinanzierung gefördert. Der Wissenschaftsrat hatte solche „standortübergreifenden und thematisch auf die Lehre fokussierten Kompetenzzentren“ bereits 2004 ausdrücklich begrüßt (2). Das Kompetenznetz verfolgt das Ziel, die Lehre zu verbessern und zu standardisieren. Dozenten und Prüfer sollen sich fortbilden, mit Lehrevaluationen wird die Qualität des Unterrichts überprüft. Das Netz fördert außerdem neue, internetbasierte Lehr- und Lernformen.

Das „Kompetenzzentrum Medizindidaktik“ wurde am Standort Tübingen eingerichtet. Dort war das notwendige Know-how vorhanden, denn Mitarbeiter der dortigen Fakultät entwickeln bereits seit 2001 ein medizinisch-didaktisches Qualifizierungsprogramm, das sich eng an den Bedürfnissen der Lehrenden orientiert und aus zwei Stufen besteht: Medizindidaktische Qualifikation eins und zwei (MQ1 und MQ2). Jede Qualifikationsstufe schließt mit einem Zertifikat ab. Damit können Dozenten ihre Lehrqualifikation dokumentieren, beispielsweise bei Bewerbungsverfahren. Das Kompetenzzentrum hat Umfang, Inhalt und Methode internationalen Standards angepasst. Die Fortbildung umfasst – entsprechend den OECD-Kriterien – 200 Unterrichtseinheiten (UE) mit einer Länge von 45 Minuten. Die Basisstufe MQ1 besteht aus 120 UE, die Aufbaustufe MQ2 aus 80 UE. Seit der Gründung des Tübinger Kompetenzzentrums haben mehr als 1 600 Lehrende an Kursen teilgenommen – mit steigender Tendenz. Die Lan­des­ärz­te­kam­mer Baden-Württemberg honoriert die Kursbesuche mit cme-Punkten.

In einer Befragung aus dem Jahr 2006 urteilten 82 Prozent der Teilnehmer, dass sie ihre Lehraufgaben besser ausführen könnten. 85 Prozent meinten, dass der Kurs ihre Lehre überwiegend oder völlig verändert habe – vor allem, was die inhaltliche Vorbereitung sowie die Methodenwahl angeht. Bei fast drei Vierteln der Teilnehmer schnitten die Lehrveranstaltungen in der Evaluation durch die Studierenden besser ab als vor dem Besuch des Kurses.

Neue Lernformen etablieren
Seit 2004 stellt das „Kompetenzzentrum E-Learning in der Medizin“ in Ulm für die Medizinischen Fakultäten in Baden-Württemberg Serviceleistungen zur Verfügung, um computergestütztes Lernen und Lehren in den Unterricht zu integrieren. Multimediale und interaktive Lernmedien stellen medizinische Sachverhalte verständlich und jederzeit wiederholbar dar. Die Ausbildung kann damit unabhängig von räumlichen und zeitlichen Gegebenheiten stattfinden.

Lernplattformen sind eine grundlegende Technologie zur Integration von E-Learning in die medizinische Ausbildung. Das Ulmer Kompetenzzentrum unterstützt die Fakultäten beim Aufbau solcher Plattformen und bietet die Open-Source-Technologie MOODLE (Modular Object-Oriented Dynamic Learning Environment) an. Das Zentrum entwickelte außerdem ein E-Learning-Curriculum für Humanmedizin. Derzeit befinden sich mehr als 2 300 Inhalte in einer Datenbank, auf die alle Medizinischen Fakultäten im Kompetenznetz zugreifen können. Das Zentrum bietet Fortbildungskurse und Beratungen für die Mitarbeiter der Fakultäten an. Um einen Anreiz dafür zu schaffen, dass die Fakultäten E-Learning in die Lehre implementieren, wurde im Jahr 2007 der „E-Learning-Preis Medizin Baden-Württemberg“ ins Leben gerufen.

Dem Ziel, die Qualität des Studiums zu verbessern, dient auch die Lehrevaluation. Das „Kompetenzzentrum Lehrevaluation“ wurde 2003 in Freiburg gegründet, um die Grundlage für eine umfassende Qualitätssicherung zu schaffen. Die Einrichtung führt auch Projekte durch, mit denen die Qualität der Studienplanorganisation und der Studienberatung unter die Lupe genommen wird. Eine weitere wichtige Säule der Lehrevaluation sind Absolventenstudien. Das Kompetenzzentrum Lehrevaluation hat den „Freiburger Fragebogen zur Erfassung von Kompetenzen in der Medizin“ (FKM) entwickelt. Dieser berücksichtigt Ziele und Kompetenzen, die sich aus der ÄAppO ableiten lassen. Der FKM wurde 2008 für Baden-Württemberg im Rahmen einer bundesweiten Absolventenstudie eingesetzt (3).

Prüfungen steuern das Lernverhalten von Studierenden und sind damit ein Garant für die Qualität der medizinischen Versorgung. Das „Kompetenzzentrum Prüfungen“ in Heidelberg unterstützt seit 2004 die Fakultäten bei der Umsetzung der neuen ÄAppO und entwickelt einheitliche Standards für die universitären Prüfungen. Es koordiniert den Austausch von Inhalten und Prüfungsformaten.

Training für die Prüfer
Die Qualität der Prüfungen soll verbessert werden, ihre Konzeption soll sich an internationalen Standards orientieren. Gemeinsam mit dem Ausschuss für Prüfungen der Gesellschaft für medizinische Ausbildung hat das Zentrum Prüfungsleitlinien erarbeitet. Ein Schwerpunkt der Arbeit ist die didaktische Qualifizierung von Dozenten und Prüfern. Mehr als 400 Lehrende aus 34 deutschsprachigen Medizinischen Fakultäten nahmen bislang an Workshops teil. Die Teilnehmer trainieren die Konzeption, Durchführung und Auswertung von schriftlichen, klinisch-praktischen und mündlichen Prüfungen.

Ende 2005 begann die Medizinische Fakultät in Mannheim, das „Kompetenzzentrum Praktisches Jahr“ aufzubauen. Damit wurde den Vorgaben der neuen ÄAppO Rechnung getragen: Denn die veränderte Prüfungsstruktur mit der Zusammenlegung des ersten, zweiten und dritten Staatsexamens zum „M2-neu“ hat auch Auswirkungen auf das praktische Jahr (PJ). Es müssen Angebote geschaffen werden, die es den Studierenden ermöglichen, ihr klinisches Wissen zu erweitern und mit der Praxis zu verknüpfen. Ziel ist es, das Curriculum so zu gestalten, dass die Studierenden ärztliche Fähigkeiten, Fertigkeiten sowie Einstellungen erlangen und sich auf das Staatsexamen vorbereiten können. Dazu etablierte das Zentrum folgende Lehrstrukturen:
- wöchentliche Repetitorien in Form von Fallseminaren
- Praxisrepetitorien, in denen die Studierenden praktische Fertigkeiten trainieren, etwa Nähen und Anlegen von Verbänden
- verbindliche Curricula für die Tertiale
- Logbücher mit definierten Lernzielen
- eine elektronische Lernplattform, mit der Studierende fallbezogene Fragen trainieren können.
Das „Kompetenznetz Lehre in der Medizin Baden-Württemberg“ sieht es als eine seiner wichtigsten Aufgaben an, der noch immer vernachlässigten Lehr- und Lernforschung einen höheren Stellenwert zu geben. Dazu will das Netz einen Forschungsschwerpunkt „Lehre in der Medizin“ etablieren. Es folgt damit einer Empfehlung des Wissenschaftsrats. Dieser sprach sich im Juli 2008 nachdrücklich dafür aus, dass Qualitätsentwicklungen in Studium und Lehre durch eine deutlich auszubauende und fachlich differenzierte Lehr-/Lernforschung begleitet werden (4).

Lehrforschung stärker fördern
Bislang sind die Debatten zur Reform des Medizinstudiums oftmals nicht empirisch abgesichert. Die Ursachen dafür liegen auf der Hand: Forschung im Bereich Lehre ist nur wenig prestigeträchtig. Zeitschriften mit reputationsfördernden Impact-Punkten, die wissenschaftliche Arbeiten zum Thema medizinische Ausbildung veröffentlichen, gibt es kaum. Förderlich ist diesem Zusammenhang das Engagement des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft, der ein „Förderprogramm Exzellenzinitiative für die Lehre“ aufgelegt hat – mit dem Ziel, im deutschen Hochschulsystem langfristig eine Lehrkultur zu etablieren, die denselben Qualitätsansprüchen genügt wie die Forschung (5). Das „Kompetenznetz Lehre in der Medizin Baden-Württemberg“ wird sich an diesem Prozess aktiv beteiligen.

Zitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2009; 106(7): A 290–1

Anschrift für die Verfasser
Prof. Dr. med. Jörg M. Fegert
Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie/
Psychotherapie, Universität Ulm
Steinhövelstraße 5, 89075 Ulm
E-Mail: joerg.fegert@uniklinik-ulm.de

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit0709

Der Verbund
Das „Kompetenznetz Lehre in der Medizin“ ist eine Initiative der Medizinischen Fakultäten in Baden-Württemberg. Es besteht aus fünf Kompetenzzentren:
- Lehrevaluation, Freiburg
- Prüfungen, Heidelberg
- Praktisches Jahr, Mannheim
- Medizindidaktik, Tübingen
- E-Learning, Ulm
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1.
Wissenschaftsrat: Empfehlungen zu forschungs- und lehrförderlichen Strukturen in der Universitätsmedizin vom 30. Januar 2004, Berlin: www.wissenschaftsrat.de/ texte/5913-04.pdf.
2.
Wissenschaftsrat: Standortübergreifende Stellungnahme zur Weiterentwicklung der Universitätsmedizin in Baden-Württemberg vom 16. Juli 2004, Berlin: www.wissenschaftsrat.de/texte/6196-04.pdf.
3.
INCHER – Internationales Zentrum für Hochschulforschung Kassel, Projekt: Studienbedingungen und Berufserfolg – Analyse der Wirkungen hochschulischer Studienangebote und -bedingungen in Deutschland mit Hilfe von Absolventenbefragungen; www.uni-kassel.de/wz1/absolvent/.
4.
Wissenschaftsrat: Empfehlungen zur Qualitätsverbesserung von Lehre und Studium vom 4. Juli 2008, Berlin: www.wissenschaftsrat.de/texte/8639-08.pdf.
5.
Pressemitteilung Stifterverband vom 17. Januar 2008: www.stifterverband.info/presse/ pressemitteilungen/2008_01_17_ exzellenz iniative_fuer_die_lehre/index.html.
Vorsitzender des Kompetenznetzes Lehre, Studiendekan Medizinische Fakultät Ulm: Prof. Dr. med. Fegert; Sprecher des Kompetenznetzes Lehre in der Medizin in Baden-Württemberg, Geschäftsstelle Mannheim: Prof. Dr. med. Obertacke; Studiendekan Medizinische Fakultät Heidelberg: Prof. Dr. med. Resch; Ministerialrat im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg: Dr. rer. pol. Hilzenbecher
1. Wissenschaftsrat: Empfehlungen zu forschungs- und lehrförderlichen Strukturen in der Universitätsmedizin vom 30. Januar 2004, Berlin: www.wissenschaftsrat.de/ texte/5913-04.pdf.
2.Wissenschaftsrat: Standortübergreifende Stellungnahme zur Weiterentwicklung der Universitätsmedizin in Baden-Württemberg vom 16. Juli 2004, Berlin: www.wissenschaftsrat.de/texte/6196-04.pdf.
3. INCHER – Internationales Zentrum für Hochschulforschung Kassel, Projekt: Studienbedingungen und Berufserfolg – Analyse der Wirkungen hochschulischer Studienangebote und -bedingungen in Deutschland mit Hilfe von Absolventenbefragungen; www.uni-kassel.de/wz1/absolvent/.
4. Wissenschaftsrat: Empfehlungen zur Qualitätsverbesserung von Lehre und Studium vom 4. Juli 2008, Berlin: www.wissenschaftsrat.de/texte/8639-08.pdf.
5. Pressemitteilung Stifterverband vom 17. Januar 2008: www.stifterverband.info/presse/ pressemitteilungen/2008_01_17_ exzellenz iniative_fuer_die_lehre/index.html.

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