ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2009Phytotherapie: Skurrile Züge
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Den Autoren ist zuzustimmen, dass sich eine wissenschaftliche Phytotherapie im Grundsatz und Selbstverständnis von den beiden anderen „besonderen Therapierichtungen“, der Homöopathie und der Anthroposophie, unterscheidet beziehungsweise unterscheiden sollte. Allerdings ist ein solcher Anspruch mit Aussagen über natürliche Stoffgemische, denen man Synergieeffekte „zuschreibt“, die „bisher aber nur im präklinischen Bereich gestützt werden“ konnten und deren Sinnhaftigkeit nach heute gültigen Prüfregeln „weder zu beweisen noch zu widerlegen“ sei, nicht kompatibel. Eine Therapierichtung, die sich durch ein anachronistisches Statement, wie „pflanzliche Extrakte sind klinisch kaum prüfbar“, kritischen Nachfragen zu entziehen versucht, ist von anderen paramedizinischen Verfahren kaum noch zu unterscheiden. Skurrile Züge gewinnt der Artikel aber dann, wenn nach den ausführlichen Bemühungen, die Wichtigkeit von pflanzlichen Inhaltsstoffen und deren Synergieeffekten herauszustellen, im zweiten Teil des Artikels die besondere Bedeutung von „Placeboeffekten“ hervorgehoben wird. Wenn ein Arzneimittel sich prioritär über „Kontexteffekte“ (so der bessere Begriff) zu definieren versucht, dann ist dies mit der besonderen Bedeutung seiner Inhaltsstoffe unvereinbar. Dort, wo Kontexteffekte wirken (deren Bedeutung durchaus nicht infrage gestellt werden soll), sind eben (pflanzliche) Inhaltsstoffe nicht von Bedeutung. Nur der zu belegende Umstand, dass es einen über diese Kontexteffekte hinausgehenden eigenen Effekt von Inhaltsstoffen gibt, rechtfertigt den Begriff „Phytotherapie“. Sonst sollte man besser den Begriff „Kontexttherapie“ oder eben „Placebotherapie“ verwenden. Einer wissenschaftlich basierten Therapie mit pflanzlichen Mitteln wird mit einer solchen Argumentation ein Bärendienst erwiesen.
Prof. Dr. med. Jürgen Windeler,
Medizinischer Dienst des Spitzenverbandes Bund
der Krankenkassen e.V. (MDS), Lützowstraße 53, 45141 Essen
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