ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2009Pharmazeutische Industrie: Mehr Seriosität wünschenswert

MEDIEN

Pharmazeutische Industrie: Mehr Seriosität wünschenswert

Schott, Gisela

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Hans Weiss: Korrupte Medizin. Ärzte als Komplizen der Konzerne – ein Pharma-Consultant packt aus. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008, 272 Seiten, gebunden, 18,95 Euro
Hans Weiss: Korrupte Medizin. Ärzte als Komplizen der Konzerne – ein Pharma-Consultant packt aus. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008, 272 Seiten, gebunden, 18,95 Euro
Der Wiener Journalist Hans Weiss, Mitverfasser von Bestsellern wie „Gesunde Geschäfte – die Praktiken der Pharmaindustrie“ und „Bittere Pillen“, hat ein neues Buch veröffentlicht: „Korrupte Medizin – Ärzte als Komplizen der Konzerne.“ Um sich einen Blick hinter die Kulissen zu verschaffen, wechselt er seine Identität und tritt als Pharma-Consultant, Arzt, Pharmavertreter oder Export-Import-Händler auf. Das laut Klappentext „erschreckende Ergebnis seiner Recherchen: Weite Bereiche unserer Medizin stehen unter der Kontrolle der großen Pharmakonzerne. Und zahlreiche Ärzte – vom Klinikchef bis zum Allgemeinarzt – machen sich zu gut bezahlten Handlangern“.

Prinzipiell, teilweise ebenso richtig wie empörend, ist dieses Resultat nun nicht ganz neu. Eine differenzierte und sachliche Darstellung der Missstände findet man zum Beispiel in dem Grundsatzpapier von Transparency Deutschland „Transparenzmängel, Korruption und Betrug im deutschen Gesundheitswesen – Kontrolle und Prävention als gesellschaftliche Aufgabe“ vom Juni 2008. Doch da fehlt wohl das spannende Element der Undercover-Ermittlungen? Andererseits wird aber bei Hans Weiss mehr verdeckte Aufklärungsarbeit behauptet, als man sie tatsächlich findet. So begleitet er zum Beispiel einen Pharmavertreter nur einen einzigen Tag lang für ein Kapitel über deren Arbeit. Als ihm ein Job als Pharmavertreter angeboten wird, lehnt er ab.

Überflüssig und unangemessen sind die Zeugenaussagen von Opfern medizinischer Versuche im Nationalsozialismus als Einleitung zu einem Kapitel über placebokontrollierte Studien, die für einige Indikationen doch eine Voraussetzung für die Zulassung eines Arzneimittels sind und von den Zulassungsbehörden gefordert werden. Am Ende des Buchs befindet sich eine Liste wohl willkürlich ausgewählter leitender Ärzte mit Angaben zu ihren Tätigkeiten für pharmazeutische Unternehmen, wie sie in medizinischen Fachpublikationen deklariert wurden. Die Veröffentlichung von Interessenkonflikten ist in der heutigen Situation, in der das Einwerben von Drittmittelprojekten zu den gewünschten Qualifikationen von Klinikchefs gehört, jedoch nicht zu verurteilen, sondern als Versuch der Transparenz zu werten.

Insgesamt wäre mehr Seriosität wünschenswert – beim Agieren der pharmazeutischen Industrie im Gesundheitswesen ebenso wie bei der journalistischen Bearbeitung des Themas. Gisela Schott
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema