ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2009Die Finanzkrise am Kunstmarkt: Kein größerer Einbruch bei der klassischen Moderne

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Die Finanzkrise am Kunstmarkt: Kein größerer Einbruch bei der klassischen Moderne

Jaeschke, Helmut

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Mehr als 38 000 Kunstinteressierte haben das Art Forum Berlin besucht. Dennoch waren die Geschäfte wohl mehr als flau.
Mehr als 38 000 Kunstinteressierte haben das Art Forum Berlin besucht. Dennoch waren die Geschäfte wohl mehr als flau.
Ähnlich wie beim Aktienmarkt ist es fraglich, ob die Tiefststände bei den Kunstpreisen schon erreicht sind.

Wenn Galeristen auf Kunstmessen davon schwärmen, dass sie wieder mehr Zeit für intensive Gespräche mit den Besuchern haben – so geschehen auf dem letztjährigen Art Forum Berlin – dann kann man getrost davon ausgehen, dass die Geschäfte mehr als flau waren. Auf den Erhalt exakter Verkaufszahlen wird man auf Kunstmessen sowieso vergeblich hoffen.

Spektakuläre Abschlüsse auf der Messe für Gegenwartskunst am Funkturm wie der Verkauf des neuen Großformats von Neo Rauch für 500 000 Euro durch die Galerie Eigen und Art an einen Privatsammler sind nicht repräsentativ, wenn man bedenkt, dass die Warteliste für diesen Künstler (noch?) sehr lang ist. Die Stunde der Wahrheit schlug spätestens bei den Herbstauktionen. Und gleich der Auftakt in New York war zumindest bei der Gegenwartskunst mehr als enttäuschend. Vermeintlich sichere Kandidaten wie Francis Bacon und Gerhard Richter, die in der Vergangenheit für Rekorderlöse gesorgt hatten, blieben unverkauft oder weit unter den Schätzpreisen und bescherten den Auktionshäusern Christie’s und Sotheby’s große Verluste; allein bei Christie’s beliefen sich die Einbußen durch gegebene Verkaufsgarantien auf geschätzte 60 Millionen US-Dollar.

Fotos: Messe Berlin GmbH
Fotos: Messe Berlin GmbH
In den deutschen Auktionshäusern sah es bei der zeitgenössischen Kunst besser aus, da eher Werke im mittleren Preissegment zum Aufruf kamen. Doch auch dort war die Liste der unverkauften Lose bei manchen Auktionshäusern länger als die der verkauften. Zudem wurden auffallend häufig Werke unter Vorbehalt, das heißt deutlich unter den Limits der Einlieferer zugeschlagen. Herausragende Werke wurden allerdings angemessen bewertet. So konnte die Villa Grisebach, Berlin, für das frühe, großformatige Lüpertzgemälde „Arrangement für eine Mütze“ 107 000 Euro erlösen und den „Roten Vogel“ von Baselitz, ebenfalls ein Frühwerk von 1971/72, für 452 000 Euro verkaufen. Bei den jüngeren Künstlern behauptete sich Eberhard Havekost mit 178 500 Euro für sein Gemälde „National Geographic“ von 2003 als feste Größe. Wenig Gegenliebe fanden dagegen Werke der bislang erfolgreichen Repräsentanten kruder, bewusst dilettantischer Malerei, allen voran Jonathan Meese, A. R. Penck und Martin Kippenberger. Von Letzterem wurden bei Van Ham, Köln, von sieben Arbeiten nur zwei zugeschlagen und auch die nur unter Vorbehalt.

Die Arroganz so mancher Galeristen wird verfliegen
Bei der klassischen Moderne zeigten sich übereinstimmend alle deutschen Auktionshäuser zufrieden darüber, dass ein größerer Einbruch vermieden werden konnte. Zwar lagen die Zuschläge häufig am unteren Schätzpreis, aber Corinth, Hofer, Kirchner, Liebermann, Nolde und Macke punkteten meist deutlich darüber und trösteten so über die nicht seltenen Rückgänge hinweg. Ähnlich wie am Aktienmarkt ist es fraglich, ob die Tiefststände bei den Kunstpreisen schon erreicht sind. Besonders bei der Gegenwartskunst wird noch so manche Korrektur zu beobachten sein. Das Gute daran: Die Arroganz so mancher Galeristen wird sehr schnell verfliegen, und statt Wartelisten aufzustellen, werden sie auf Kunden warten müssen und sich diesen wieder intensiver widmen. Die Sammler sollten künftig nicht zuallererst fragen, ob ein Kunstwerk eine gute Investition ist, sondern ob es einen berührt oder inspiriert, sodass es auch noch nach Jahren nicht an Reiz verliert und vielleicht doch eine gute Investition war.
Dr. med. Helmut Jaeschke
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