ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2009Von schräg unten: Neues Jahr

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Neues Jahr

Böhmeke, Thomas

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Das neue Jahr fängt gut an; mit meinen eigenen guten Vorsätzen möchte ich Sie nicht langweilen, diese erschöpfen sich in einer Zeile. Aber bei meinen Patienten habe ich einen Ruck ausgemacht, nicht nur hinsichtlich meiner flehentlich vorgetragenen Bitten um leitliniengerechte Askese, sondern auch eine tief greifende Verinnerlichung medizinischer Terminologie. „Herr Doktor, ich habe das Rauchen abgesetzt“, berichtet mir stolz mein koronarkranker Patient, den ich immer schon auf Knien um ebendieses gebeten hatte. Nicht nur sein Entschluss, sondern auch die Art seines Vortrags streicheln meine ärztliche Seele. „Mein Übergewicht, Herr Doktor Böhmeke, nehme ich dieses Jahr in Regress“, berichtet mir stolz meine Patientin mit einem BMI von 33 und einem schweren metabolischen Syndrom. Ich lobe sie dafür und biete ihr meine umfangreiche Unterstützung an. Beim Abnehmen könne zwar mein eigener BMI nichts mehr hergeben, aber bei drohenden Regressverhandlungen könnte ich mit Fug & Recht und Rat & Tat beiseitestehen. Der Nächste, bitte. Nun komme ich aus dem Staunen nicht heraus. „Ich habe mir für dieses Jahr vorgenommen, die doppelte Facharztschiene zu entdecken!“ Ich wünsche ihm auf seinem steinigen Weg alles erdenkliche Glück. Er möge aber nicht allzu traurig sein, wenn sein Forschungsdrang an Wartezeiten zerschellt, die mehrere Monate betragen.

Zufrieden und glücklich gehe ich nach Hause und lasse meinen Arbeitstag abends vor dem Kamin vor meinem geistigen Auge Revue passieren. Nach dem ersten Glas Rotwein sehe ich alles noch rosé; die Prognose meines koronarkranken Patienten ist gesichert, die HbA1c-Werte meiner übergewichtigen Patientin im Fallen begriffen. Aber danach stellen sich nagende Zweifel ein: Hätte ich dem Sucher der doppelten Facharztschiene nicht ein Antidepressivum verordnen sollen? Oder lieber gleich zum Psychiater überweisen sollen? Aber diese elend langen Wartezeiten – alleine wenn ich mir den Umfang der Stellenanzeigen im vorliegenden Ärzteblatt ansehe, muss ich Schlimmstes für den armen Teufel befürchten.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe
in Gladbeck.
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