ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2009Mehr Unterstützung statt mehr Druck

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Mehr Unterstützung statt mehr Druck

Richter-Kuhlmann, Eva

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LNSLNS Das Tauziehen innerhalb der Großen Koalition um das Schwangerschaftskonfliktgesetz geht weiter. Bislang konnte sie sich noch nicht auf eine gesetzliche Neuregelung verständigen. Experten wiesen bei einer Anhörung der CDU/CSU-Fraktion zum Thema „Spätabtreibung“ am 9. Februar jedoch erneut darauf hin, dass eine Änderung des Gesetzes dringend erforderlich sei, um die Situation bei späten Schwangerschaftsabbrüchen zu verbessern. Lediglich untergesetzliche Regelungen seien nicht ausreichend. „Nur mit guten Bedingungen kann man der Würde der Frau und des ungeborenen Kindes gerecht werden“, betonte
Prof. Dr. med. Heribert Kentenich, Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Bundes­ärzte­kammer. Zu diesen „guten Bedingungen“ zählt der Chefarzt der DRK-Frauenkliniken Berlin-Westend vor allem eine ausreichende Bedenkzeit, um sich über kurz- und langfristige Aspekte der Entscheidung klar zu werden, sowie eine psychosoziale Beratung.

Beide sind zum jetzigen Zeitpunkt nicht vorgeschrieben. Nach gültiger Rechtslage darf eine schwangere Frau ein schwer erkranktes oder behindertes Kind bis zum Zeitpunkt der Geburt abtreiben, sobald ihre Ärztin oder ihr Arzt ihr die Gefahr der eigenen schweren psychischen Beeinträchtigung bescheinigt. Eine Beratung ist bei solch einer medizinischen Indikation nicht erforderlich. „Berichte aus der Praxis machen deutlich, dass oft allein aufgrund einer Behinderung des Kindes die medizinische Indikation gestellt wird“, sagte der frauenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Johannes Singhammer. Betroffene Schwangere würden nach erfolgter Pränataldiagnostik oftmals alleingelassen und erhielten keine ausreichende Beratung. „Das wollen wir jetzt ändern“, teilte Singhammer mit. Den entsprechenden Gesetzentwurf der Union brachte der Christsoziale Ende vergangenen Jahres gemeinsam mit dem Vorsitzenden der CDU/CSU-Fraktion, Volker Kauder, in die parlamentarischen Beratungen ein. Er sieht unter anderem eine Beratungspflicht und eine dreitägige Bedenkzeit vor, sofern keine akute Gefahr für die Mutter besteht.

Viele der anwesenden Experten unterstrichen die Bedeutung einer unabhängigen, nicht direktiven Beratung. Sie werde Studien zufolge von den betroffenen Frauen als sehr hilfreich empfunden, erklärte Dr. med. Christiane Woopen, stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Ethikrats. „Ärztinnen und Ärzte müssen diese Hilfe allerdings nicht nur anbieten, sondern auf Wunsch auch vermitteln.“ Dies ist auch ein Anliegen von Dr. med. Jeanne Nicklas-Faust, stellvertretende Vorsitzende der Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung e.V. Viele Frauen wüssten momentan gar nicht, welche Beratungsmöglichkeiten es gebe, berichtete sie. Für eine interdisziplinäre Zusammenarbeit in Bezug auf die Beratung sprach sich der Berliner Gynäkologe Prof. Dr. med. Rolf Becker aus. Pränataldiagnostiker müssten die Möglichkeit haben, betroffene Paare an einen spezialisierten Kollegen, wie Kinderkardiologen oder Humangenetiker, zu überweisen.

Eine große Anhörung zu allen fünf inzwischen vorliegenden Gesetzesinitiativen (Übersicht in DÄ, Heft 1–2, 2009) wird am 16. März stattfinden. Ende April soll dann das Parlament über eine Gesetzesänderung entscheiden. „Wir wollen nicht die Abtreibungsdiskussion erneut aufrollen, sondern wir wollen Eltern helfen, in einer schwierigen Lebenssituation zu einer Entscheidung zu kommen“, sagte Kauder. Dabei gebühre jeder Entscheidung voller Respekt. Unterstützt wird der Unions-vorschlag bereits von 212 Abgeordneten, darunter Bun­des­fa­mi­lien­mi­nis­terin a.D. Renate Schmidt (SPD). Dringenden Handlungsbedarf sehen auch die Bundes­ärzte­kammer, die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, die Kirchen und Behindertenverbände. Gegen eine Gesetzesänderung und für eine qualifizierte freiwillige Beratung sprechen sich dagegen in einem offenen Brief zwölf Verbände aus, darunter der Pro-Familia-Bundesverband. Sie sehen die Anonymität der Frauen gefährdet. Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann
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