ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2009Rekonstruktion des Hymens: Zur Ethik eines tabuisierten Eingriffs

THEMEN DER ZEIT

Rekonstruktion des Hymens: Zur Ethik eines tabuisierten Eingriffs

Dtsch Arztebl 2009; 106(8): A-340 / B-292 / C-284

Wild, Verina; Poulin, Hinda; Biller-Andorno, Nikola

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Hymenorrhaphie: Auch in den Medien, hier ein Szenenbild aus dem Tatort „Familenaufstellung“, wird die Rekonstruktion des Hymens immer öfter thematisiert. Foto: Radio Bremen
Hymenorrhaphie: Auch in den Medien, hier ein Szenenbild aus dem Tatort „Familenaufstellung“, wird die Rekonstruktion des Hymens immer öfter thematisiert. Foto: Radio Bremen
Die „Wiederherstellung der Jungfräulichkeit“ berührt medizinische, ethische und kulturelle Aspekte. Doch gibt es bisher kaum wissenschaftliche Daten oder Richtlinien.

Eine Rekonstruktion des Hymens, die Hymenorrhaphie, lassen immer mehr Frauen vornehmen. Das Hymen, die „Schleimhautfalte am Vaginaleingang“ (1), ist nach dem griechischen Gott der Hochzeit, Hymenaeus, benannt. Neben Herz und Hirn ist kaum ein anderer Körperteil so mythos- und moralbelegt. Noch heute wird der blutige Riss des Hymens mit der Entjungferung gleichgesetzt. Auch aufgeklärte Frauen und Männer wissen oft nicht, dass es nur in etwas 50 Prozent der Fälle dabei zu einer Blutung kommt.

Der Preis für die Operation in einer Klinik für plastische Chirurgie bewegt sich in europäischen Ländern zwischen 500 und 4 000 Euro. Je nach Klinik und Angebot werden unterschiedliche Techniken geschildert, denn es gibt keinen gängigen Operationsstandard. Valide Auskünfte über Risiken oder Komplikationen werden kaum gegeben. Meist wird lediglich von einem kleineren, risikoarmen Eingriff gesprochen.

Was auf den Klinikseiten als freiwilliger Eingriff angeboten wird, sieht in privaten Internetforen ganz anders aus. Zahlreiche junge Frauen fragen verzweifelt nach Möglichkeiten, wie sie ihr Hymen „zurückbekommen“ können. Die „New York Times“ zitiert eine 23-jährige Studentin marokkanischer Abstammung, die die Operation vornehmen ließ: „In my culture, not to be a virgin is to be dirt. Right now, virginity is more important to me than life“ (2). Wie eine Studie zeigt, kann der soziale Druck, jungfräulich in die Ehe zu gehen, tatsächlich ernste Folgen für die psychische Gesundheit junger Frauen mit traditionell islamischem Hintergrund bedeuten: Depression, Einsamkeit, Identitätskonflikte und sogar Suizidalität (3).
Frauen scheinen aus zwei Gründen eine Hymenorrhaphie vornehmen zu lassen: Einerseits, um ihrem Ehemann oder Partner eine Freude zu bereiten – gewissermaßen als „Valentinsgeschenk“ oder „zweite Flitterwochen“ (4); andererseits aus Angst vor gesellschaftlicher Abwertung oder sogar, um sich vor einem „Ehrenmord“ zu schützen (5). In diesem Fall steht die Operation meist im Zusammenhang mit der bevorstehenden Hochzeit und wird Tage bis wenige Wochen vorher durchgeführt. Es gibt Hinweise, dass diese Praxis in den letzten Jahren stark zunimmt (6).
Die Debatte darüber, ob Ärzte eine solche Hymenorrhaphie durchführen sollen oder nicht, wurde bereits 1987 auf einer Tagung der Islamic Organization of Medical Sciences in Kuwait geführt. Der damalige Beschluss verbot alle Änderungen am menschlichen Körper, die Betrugscharakter hätten (7). Ein islamisches Rechtsgutachten aus dem Jahr 2007, eine sogenannte Fatwa, erklärte hingegen die Rekonstruktion des Hymens als zulässig (8) und wurde seither äußerst kontrovers diskutiert.
Unter anderem aufgrund der steigenden Nachfrage, beginnt derzeit international eine kontroverse Debatte über die Hymenorrhaphie. Es gibt keine medizinische Prozedur, die in vergleichbarer Weise kulturelle und soziologische Fragen aufwirft: Welches Vorgehen ist hier medizinisch angemessen? Soll ein Arzt oder eine Ärztin eine Operation durchführen, der ein problematisches Konzept von der Autonomie der Frau zugrunde liegt? Soll man einen Eingriff vornehmen, der keine medizinische Indikation hat, aber eine geringe Chance für Komplikationen aufweist? Soll man operieren, wenn der Eingriff im Kontext gesellschaftlicher Normen steht, die man selbst vielleicht nicht teilt?
Zur Klärung grundlegender Verständnisfragen baut das Institut für Biomedizinische Ethik der Universität Zürich derzeit eine von der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften geförderte Forschungskooperation mit Wissenschaftlerinnen in Tunesien zu den medizinethischen Fragen der Hymenorrhaphie auf. Die Erkenntnisse sollen langfristig einen wichtigen Baustein für einen verantwortungsbewussten und verständnisvollen Umgang mit Patientinnen auch in Europa liefern. In einer Pilotstudie sind bereits einige tunesische Ärzte und Ärztinnen sowie ausgewählte Personen zu der Praxis befragt worden. Darunter befanden sich Psychologen, Frauenrechtlerinnen und Begleiterinnen der Patientinnen bei den Operationen.

Hymenorrhaphie in Tunesien
Über die Häufigkeit der Hymenorrhaphie gibt es noch keine sicheren Daten. Doch in Tunesien ist sie bereits ein aktuelles Gesprächsthema, vor allem unter jungen Frauen und Männern. Etliche Frauen haben die Operation selbst erwogen. Fast alle befragten Personen kennen eine Frau, die sich hat operieren lassen.

Tunesien gilt als das liberalste der Maghrebländer. Gegenwärtig ist unabhängig vom politischen Klima jedoch ein Rückzug vieler Frauen zu traditionellen und strengeren religiös fundierten Rollen und Strukturen zu verzeichnen (9). Dies drückt sich auch im rechtlichen und gesellschaftlichen Umgang mit der Jungfräulichkeit vor der Ehe aus: Eine Frau, die bei der Eheschließung kein intaktes Hymen aufweist, ist in Tunesien juristisch nicht zu belangen, allerdings wird der ärztliche oder durch Hebammen erstellte Nachweis der Jungfräulichkeit häufig gesellschaftlich gefordert. Für die Durchführung der Hymenorrhaphie wiederum kann ein Arzt nicht verklagt werden. Jedoch führen die meisten öffentlichen Krankenhäuser die Operation nicht durch. Daher vermuten die Autorinnen, dass die Rekonstruktion des Hymens ein tabuisierter Eingriff ist, der nicht selten abseits öffentlicher Kliniken vorgenommen wird.

Erste Gespräche mit Psychologen und Ärzten ergaben im Wesentlichen drei Gruppen von tunesischen Frauen, die sich operieren ließen:
- Gebildete Frauen, die aufgrund der Ausbildung und Berufstätigkeit bereits älter sind, erhöhen ihre Chancen auf eine baldige Hochzeit und somit auf Nachwuchs, wenn sie angeben können, noch nie Geschlechtsverkehr gehabt zu haben.

- Frauen in einem traditionellen Umfeld, die heiraten wollen. Diese handeln aus dem sozialen Druck heraus und möchten die drohende „Schande“ für die eigene Familie verhindern, wenn sie aufgrund des fehlenden „Bluts auf dem Laken“ nicht sicher als Jungfrau zu identifizieren sind.
- Außerdem gibt es Frauen, die ihrem Partner das Bild von „wahrer Liebe“ vermitteln wollen und zeigen möchten, dass sie in Zeiten der Liberalisierung und Modernisierung ganz zu ihrem Mann stehen und sichergehen wollen, in der Hochzeitsnacht zu bluten.
Die tunesischen Ärzte werden ihrerseits bei der Entscheidung zu operieren von verschiedenen Faktoren beeinflusst. So verdient man mit einer Hymenorrhaphie circa 400 Tunesische Dinar, was dem monatlichen Gehalt einer Grundschullehrerin entspricht. Es liegt daher ein nicht zu unterschätzender finanzieller Anreiz für die Ärzte vor. Daneben stehen die Mediziner in einem kulturellen Spannungsfeld: Aus religiöser Sicht wird zwar keine einheitliche Position vertreten, allerdings gibt es laute Stimmen gegen den Eingriff. Die Inhalte des Medizinstudiums sind dagegen stark durch westliche Lehren geprägt – einem Gesundheitsverständnis, das sich an der Definition der Welt­gesund­heits­organi­sation orientiert, in der neben dem physischen auch das psychische und soziale Wohlbefinden beachtet wird.

Gespräche mit Gynäkologen und Sexualberatungsstellen bestätigen, dass die Nachfrage in Deutschland und der Schweiz steigt. Eine Berliner Gynäkologin gibt an, circa 90 Prozent der Anfragen bei ihr würden von jungen türkischen Frauen gestellt; die restlichen stammen vorwiegend aus dem Balkan und aus dem arabischen Sprachraum.

Da eine offizielle Technik für die Hymenorrhaphie fehlt, lernen Ärzte sich untereinander an. Motivation für den Eingriff ist auch hierzulande der dringende Wunsch, in der Hochzeitsnacht zu bluten. Um einen konstruktiven Umgang mit dem Thema im öffentlichen und politischen, aber auch im wissenschaftlich-normativen Diskurs zu fördern, ist Aufklärungsarbeit, zum Beispiel über die Anatomie des Hymens oder über die Häufigkeit der Blutung beim ersten Geschlechtsverkehr, ein zentraler Bestandteil. In den Niederlanden, wo man die Operation bereits verstärkt öffentlich diskutiert, wird sie in einer Aufklärungsbroschüre zum Thema „Hymen“ erwähnt (10). Wegen steigender Nachfrage nehmen derzeit auch Beratungsstellen, wie Pro-Familia, Balance e.V. und Terre des Femmes, das Thema verstärkt auf.

Ungeklärte Fragen
Neben solch wichtigen Schritten, das Thema zur Sprache zu bringen, sind nicht nur medizinische Fragen etwa nach Häufigkeit, Technik und Komplikationen der Operation ungeklärt. Aus medizinethischer Sicht ist zum Beispiel zu fragen, wie Prinzipien auf der individuellen Ebene (etwa die Fürsorge für die Patientin und der Respekt für die Person und ihre Autonomie) in ein angemessenes Verhältnis zu möglichen generellen Problemen (etwa Geschlechterungerechtigkeiten und Konsolidierung des Mythos von Jungfräulichkeit und Entjungferung mit problematischen psychosozialen Konsequenzen) gesetzt werden können – und wie Ärzte im Einzelfall handeln sollten. Gerade in europäischen Ländern, die sich als pluralistische Gesellschaften verstehen, ist die Erörterung dieser Fragen relevant. Am Beispiel der Hymenorrhaphie stellen sich die Fragen nach Kriterien für autonome Entscheidungen, nach der Universalisierbarkeit ethischer Prinzipien, moralischer Sozialisation und ethischer Kritik sowie der Rolle einer kultursensitiven Bioethik. Dabei sind generelle Beurteilungen der Praxis der Hymenorrhaphie klar von dem individuellen Schicksal und der Behandlung einzelner Frauen zu unterscheiden. Erst durch eine wissenschaftlich fundierte Diskussion, der sowohl Dialogbereitschaft als auch Kontextsensitivität vorausgehen und die empirische Ergebnisse mit berücksichtigt, sind Antworten sowohl auf genereller als auch auf individueller Ebene zu erwarten.

Zitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2009; 106(8): A 340–1

Anschrift für die Verfasserinnen
Dr. med. Verina Wild
Institut für Biomedizinische Ethik
Ethik-Zentrum Universität Zürich
Zollikerstraße 115, CH-8008 Zürich
E-Mail: wild@ethik.uzh.ch

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit0809
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1.
Pschyrembel. Klinisches Wörterbuch. Berlin, New York: Walter de Gruyter 2004.
2.
Sciolino E, Mekhennetm S: For muslim women in Europe: a medical road back to virginity. New York Times, 10.06.2008.
3.
Bekker M, Rademakers J, Mouthaan I, De Neef M, Huisman W, Van Zandvoort H et al.: Reconstructing Hymens or Constructing Sexual Inequality? Service Provision to Islamic Young Women Coping with the Demand to be a Virgin. Journal of Community & Applied Social Psychology 1996; 6: 329–34.
4.
Rekonstruktion des Jungfernhäutchens (Hymenoplastik), 13.01.2008 [cited 2008 13.09.08]; available from: http://www.kosmetische-plastische-chirurgie.eu/verfahren/rekonstruktion-des-jungfernhautchens-hymenoplastik.
5.
Kandela P: Egypt’s trade in hymen repair. Lancet 1996; 347(9015): 1615. MEDLINE
6.
Ates S: Der Multikulti-Irrtum. Berlin: Ullstein 2007.
7.
Bentlage B, Eich T: Hymen Repair on the Arabic Internet. ISIM Review 2007; 19: 20–1.
8.
Fatwastab. Ist die Durchführung einer das Hymen wiederherstellenden Operation von der Scharia her zulässig oder nicht? Das Ägyptische Fatwa-Amt 2007.
9.
Keller-Messahli S: Tunesien braucht dringend demokratische Verhältnisse. Neue Zürcher Zeitung 08.06.2008.
10.
Rutgers-Nisso-Groep: Feiten en fabels over het maagdenvlies. Netherlands 2005.
Institut für Biomedizinische Ethik, Ethikzentrum der Universität Zürich: Dr. med. Wild, Prof. Dr. Dr. Biller-Andorno; Ecole des hautes études en sciences sociales: Poulin (DEA Sciences Po und Diplomée du Département d’Etudes Arabes du Caire)
1. Pschyrembel. Klinisches Wörterbuch. Berlin, New York: Walter de Gruyter 2004.
2. Sciolino E, Mekhennetm S: For muslim women in Europe: a medical road back to virginity. New York Times, 10.06.2008.
3. Bekker M, Rademakers J, Mouthaan I, De Neef M, Huisman W, Van Zandvoort H et al.: Reconstructing Hymens or Constructing Sexual Inequality? Service Provision to Islamic Young Women Coping with the Demand to be a Virgin. Journal of Community & Applied Social Psychology 1996; 6: 329–34.
4. Rekonstruktion des Jungfernhäutchens (Hymenoplastik), 13.01.2008 [cited 2008 13.09.08]; available from: http://www.kosmetische-plastische-chirurgie.eu/verfahren/rekonstruktion-des-jungfernhautchens-hymenoplastik.
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7. Bentlage B, Eich T: Hymen Repair on the Arabic Internet. ISIM Review 2007; 19: 20–1.
8. Fatwastab. Ist die Durchführung einer das Hymen wiederherstellenden Operation von der Scharia her zulässig oder nicht? Das Ägyptische Fatwa-Amt 2007.
9. Keller-Messahli S: Tunesien braucht dringend demokratische Verhältnisse. Neue Zürcher Zeitung 08.06.2008.
10. Rutgers-Nisso-Groep: Feiten en fabels over het maagdenvlies. Netherlands 2005.

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