ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2009Ethik: Gelegentliche Melancholie

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Ethik: Gelegentliche Melancholie

Goddemeier, Christof

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Giovanni Maio, Jens Clausen, Oliver Müller (Hrsg.): Mensch ohne Maß? Reichweite und Grenzen anthropologischer Argumente in der biomedizinischen Ethik. Karl Alber, Freiburg 2008, 436 Seiten, gebunden, 48 Euro
Giovanni Maio, Jens Clausen, Oliver Müller (Hrsg.): Mensch ohne Maß? Reichweite und Grenzen anthropologischer Argumente in der biomedizinischen Ethik. Karl Alber, Freiburg 2008, 436 Seiten, gebunden, 48 Euro
Was kann Ethik heute leisten, da moderne Medizin Menschen nicht mehr nur heilen, sondern auch nach individuellen Wünschen „verbessern“ kann? Ist mit der ständigen Erweiterung von Optionen menschliche Realität überhaupt noch angemessen beschreibbar, oder braucht es in der beschleunigten Moderne eine grundsätzliche Verständigung über das, was den Menschen ausmacht, über sein Maß?

Der Band versammelt dazu 20 Beiträge. Zunächst gilt es, sich über die „Natur des Menschen“ und sein Verhältnis zu ihr klar zu werden. In seiner „Rede über die Menschenwürde“ (1486) stellt Pico della Mirandola den Menschen als das Lebewesen vor, dessen Natur darin besteht, dass es keine Natur hat. So muss er aus der Fülle der Möglichkeiten wählen. Wer an einen Schöpfer glaubt, wird die schöpferischen Möglichkeiten des Menschen mit Demut zu verbinden suchen. Wer dagegen der Ansicht ist, dass der Mensch seit der Aufklärung auch zur Mitbestimmung an seinem biologischen Schicksal ermächtigt sei, wird sich mit Begrenzungen jeder Art schwertun. Hatte doch bereits Immanuel Kant zwei Aspekte des menschlichen Umgangs mit seiner Natur betont: Dem „lebe der Natur gemäß“ wird ein „mache dich vollkommener, als die bloße Natur dich schuf“ an die Seite gestellt. Mit Blick auf die moderne Medizin wird ein Dilemma deutlich: „Was durch Wissenschaft technisch disponibel geworden ist, soll durch moralische Kontrolle normativ wieder unverfügbar gemacht werden.“ (van den Daele)

Ein zweiter Teil fragt, was die „Natur des Menschen“ zu einzelnen ethischen Entscheidungen beitragen kann. Die Optimierung menschlicher Gehirnleistungen mittels „kosmetischer Psychopharmakologie“, „natürliche“ und „künstliche“ Leistungssteigerung im Sport, Reproduktionsmedizin, Nanotechnologie und Anti-Aging-Medizin werden behandelt. Der Aufsatz „Medizin und Menschenbild“ unterzieht einige Leitbilder der modernen Medizin, etwa das mechanistische und das Bild des Menschen als Einzelwesen, einer grundsätzlichen Kritik. Ein Gegenentwurf schlägt vor, den Menschen als „vulnerabel und angewiesen“ anzusehen. Eine in diesem Sinn humane Medizin betrachtet den kranken Menschen nicht als Störfall, sondern versteht Kranksein als eine menschliche Existenzweise.

Ein lesenswertes und notwendiges Buch. Angesichts der behandelten Fragen kann einen bei der Lektüre gelegentlich eine Melancholie beschleichen, deren Grund der Philosoph Peter Sloterdijk so formuliert hat: „Es gehört zur Signatur der Humanitas, dass Menschen vor Probleme gestellt werden, die für Menschen zu schwer sind, ohne dass sie sich vornehmen könnten, sie ihrer Schwere wegen unangefasst zu lassen.“ Christof Goddemeier

Giovanni Maio, Jens Clausen, Oliver Müller (Hrsg.): Mensch ohne Maß? Reichweite und Grenzen anthropologischer Argumente in der biomedizinischen Ethik. Karl Alber, Freiburg 2008, 436 Seiten, gebunden, 48 Euro
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