ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2009Medizingeschichte: Unterhaltsam

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Medizingeschichte: Unterhaltsam

Burgstett, Oliver Andreas

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Andreas Winkelmann: Von Achilles bis Zuckerkandl. Eigennamen in der medizinischen Fachsprache. 2. Auflage. Huber, Bern 2009, 320 Seiten, gebunden, 24,95 Euro
Andreas Winkelmann: Von Achilles bis Zuckerkandl. Eigennamen in der medizinischen Fachsprache. 2. Auflage. Huber, Bern 2009, 320 Seiten, gebunden, 24,95 Euro
„Ich trage einen großen Namen“ – so heißt es seit 1977 im Südwestfernsehen in einer Ratesendung, und genauso dürfte zweifelsohne auch der Titel des Buchs von Andreas Winkelmann lauten. „Von Achilles bis Zuckerkandl“ ist ein Nachschlagewerk der Eponyme (Begriffe, die Gegenstände und Sachverhalte mit Personen assoziieren). Auf 320 Seiten sind knapp 500 Kurzbiografien von Medizinern zu finden und mehr als 600 mit diesen in Verbindung zu bringende anatomische Strukturen und/oder Krankheiten. Im Vergleich mit der Erstauflage aus dem Jahr 2004 kamen 30 weitere Seiten hinzu, entsprechend einem Stichwortzuwachs von circa zehn Prozent.

Es sind die häufigsten Eigennamen in der Medizin aufgelistet, jedoch ohne den Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben; dass in der zweiten Auflage auch „Schellong-Test“, „G-Punkt“, „Knaus-Ogino-Methode“ und „Frenzelbrille“ neu hinzukamen, ist löblich, auch dass Autor und Verlag die Leserschaft um Ergänzungen bitten. Ferner ist es kein Manko von großer Tragweite, dass den Entdeckern seltener Erb- und/ oder Stoffwechselkrankheiten die Ehre vorenthalten bleibt, hier beim „Namen genannt“ zu werden; dass jedoch manch ein Medizinstudent vergeblich nach dem „guten alten Frank Starling“ blättert, wenn er sich für dessen Mechanismus interessieren muss, ist ein klarer Kritikpunkt. So wird er hier auch nicht lernen, dass Otto Frank eben nicht der Vorname von Ernest Starling ist. Der Autor weist ausdrücklich darauf hin, dass das Werk, welches auf einer Nomenklatur von anatomischen Eponymen fußt, die er seit 2001 zusammenträgt, aus Anekdoten besteht und dass seine Intention eben nicht das bloße Auflisten von Lebensdaten großer Wissenschaftler ist. Deshalb kann der Leser sich teilweise schmunzelnd in reichlich Skurrilem vertiefen, so dass Stalin möglicherweise Bechterew ermorden ließ oder dass die Guillotine nach Dr. J. Guillotin benannt wurde. Auch der große Goethe hat seinen „Goethe-Knochen“, und es darf auch Alois Alzheimer nicht fehlen mit seiner Abhandlung über den Ohrenschmalz und dessen Drüsen, weiter gibt es „Ungereimtheiten“ beim „Erb’schen Punkt“. Ebenso kommen Sagengestalten wie „Achilles“ oder der biblische „Adam“ nicht zu kurz, wobei diese, wie auch andere antike Figuren, doch eher die Ausnahme sind; der Schwerpunkt wird auf die Forscher ab dem 16. Jahrhundert und auf klinische Begriffe ab dem 19. Jahrhundert gelegt.

Diese „Erbauungsliteratur“ ist sowohl Merkhilfe für Studenten beim „Büffeln“, erschließt aber auch sämtlichen Medizinern und medizininteressierten Laien Medizingeschichte auf unterhaltsame Weise. Durch Querverweise bei den einzelnen Stichworten werden ganze Epochen angesprochen. Der größte Kritikpunkt ist jedoch folgender: Bei aller unheilvollen deutschen Geschichte sollte sich der moralische Zeigefinger des Autors nicht im Uferlosen überdimensionieren. Wenn bei Max Clara (Clara-Zelle des Bronchialgewebes) in der Kurzbiografie über 17 Zeilen ein „strammrechtes“ Zitat abgedruckt wird, welches einer dessen politischen Reden zuzurechnen ist, aber der Leser kaum etwas über das wissenschaftliche Leben Claras erfährt und Winkelmann abschließend allen Ernstes fragt, ob man die „Clara-Zelle“ nicht umbenennen sollte, ist ihm der Vorwurf der Verunglimpfung und Nestbeschmutzung nicht zu ersparen, schließlich wurde Clara im Entnazifizierungsprozess vollständig entlastet. Die gesamte Medizingeschichte aller Herren Länder aus heutiger Sicht betrachtet mit unseren aktuellen ethischen und moralischen Wertevorstellungen lässt einen Großteil früherer verdienter Forscher und Wissenschaftler in rabenschwarzem Licht erscheinen, dessen sollte sich der Leser jederzeit bewusst sein.

Doch alles in allem wird durch dieses lesenswerte Lexikon dem Leser eine gelungene Kombination aus Nachschlagewerk und amüsanter Schmökerliteratur angeboten.

Oliver Andreas Burgstett
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