ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2009Kambodscha: Angkor lächelt wieder

KULTUR

Kambodscha: Angkor lächelt wieder

Dtsch Arztebl 2009; 106(8): A-355 / B-303 / C-295

Schiller, Bernd

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Foto: picture-alliance/united archives
Foto: picture-alliance/united archives
Es ist der größte Tempel aller Zeiten, faszinierend, aber vom Verfall bedroht. Deutsche und einheimische Spezialisten versuchen, das Weltwunder zu retten.

Sollen wir mit Jayavarman II. beginnen, der im neunten Jahrhundert n. Chr. Angkor gründete, die Hauptstadt eines geheimnisvollen Reiches im fernen Asien? Aber war nicht König Suryvarman II., 300 Jahre später, als Erbauer von Angkor Wat, dem größten Tempel aller Zeiten, viel bedeutsamer? Am besten, wir fangen in der Gegenwart an, mit dem Kölner Wissenschaftler Hans Leisen.

Seit 1997 versucht der Geologieprofessor, zusammen mit deutschen und kambodschanischen Helfern, die Steine von Angkor Wat wieder leuchten zu lassen. Es ist sein Lebenswerk geworden, den Apsaras, den göttlichen Tänzerinnen auf den Tempelreliefs, ihr Lächeln zurückzugeben. Mit Heißklebern und Hochtechnologie, mit Notverbänden und ausgefeilten Methoden zur Verfüllung bekämpft sein Team den Verfall des Sandsteins, aus dem die Tempeltürme und die meisten Friese vor fast 900 Jahren erbaut wurden.

Ein Sonntagmorgen im Frühjahr. Es ist die Mango-Regenzeit, die Zeit zwischen der langen Trockenperiode im Winter und den Monaten extremer Feuchtigkeit im Sommer. Die Fächer der Zuckerpalmen glitzern, und die Luft fiebert tropenschwer. Hans Leisen liebt solche Tage.

Vor uns, so sieht es aus, schweben die Türme von Angkor Wat über flaschengrünem Dickicht. Für ein paar Stunden spiegeln sich jetzt in einem Graben die fünf Türme, deren mittlerer, mit 65 Metern Höhe der größte, den Weltenberg Meru darstellt – in der indischen Kosmologie die Achse, die alles zusammenhält, überdies die Wohnung der Götter.

Es wird heiß und heißer. Wir klettern schwitzend die steilen Stufen zu einer der Galerien hoch, die die verschiedenen Ebenen des Tempels umlaufen. Hans Leisen streicht geradezu zärtlich mit den Fingern über die Reliefs.

Wettlauf gegen die Zeit: Im Angkor Conservation Center restauriert ein Experte eine Buddha-Statue. Foto: dpa
Wettlauf gegen die Zeit: Im Angkor Conservation Center restauriert ein Experte eine Buddha-Statue. Foto: dpa
Nie haben die Menschen aus dieser Region aufgehört, hier ihre Götter um Regen anzuflehen, um gute Ernten und, immer wieder, um Frieden. Wie man heute weiß, war von allen Tempeln des antiken Khmer-Reiches nur der große Angkor Wat als Kultstätte in steter Benutzung. So, für die Ewigkeit, hatten es die Gottkönige einst geplant, als sie 25 000 Menschen vier Jahrzehnte lang Steine von weither schleppen und sie hier schließlich die schönsten Figuren darin schnitzen ließen.

Ein chinesischer Reisender und Chronist staunte im 13. Jahrhundert über drei bis vier Reisernten im Land der Khmer. Ohne ausgeklügelte Bewässerung wäre das nicht möglich gewesen. Brunnen, Gräben, künstliche Seen, Speicher: Dieses unglaublich raffinierte System hielt Fruchtbarkeit und Reichtum lange Zeit am Leben.

Etwas mehr als 500 Jahre dauerte dieses goldene Zeitalter, straff geführt von vergötterten Königen, die abwechselnd den alten Hinduheiligen und dem Buddha, manchmal auch allen gleichzeitig, die prunkvollsten Wohnsitze bauten. Aber nach einem Einfall der Thai aus dem Westen, verlieren die Khmer ihre Vormachtstellung. Das Reich fällt ins Dunkel der Geschichte zurück. Nur die Reisbauern rund um Angkor Wat halten ihrem Weltenberg weiterhin die Treue. Alle anderen Tempel verschluckt auf Jahrhunderte der Urwald, bis der Franzose Henri Mouhot sie um 1860 beim Orchideensammeln wiederentdeckt.

Für heute macht das Leisen-Team Feierabend. Auf ein schnelles Tiger-Bier besuchen wir Mom, die Wirtin eines kleinen Open-Air-Restaurants neben dem Heiligtum. Anschließend klettern wir den Phnom Bakheng hinauf, den einzigen Hügel, der aus der brettflachen Ebene von Angkor ragt. Die Sonne versinkt im Urwald. Wenig später überzieht das Mondlicht den Tempel von Angkor mit einer Silberfolie.
Bernd Schiller
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