ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2009Erfahrungsbericht: Schwerhörig – Doktor, was nun?

TECHNIK

Erfahrungsbericht: Schwerhörig – Doktor, was nun?

Schmaltz, Karla

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Gesucht: eine Lösung, die Hörgerät und Stethoskopfunktion optimal verbindet. Foto: Schmaltz
Gesucht: eine Lösung, die Hörgerät und Stethoskopfunktion optimal verbindet. Foto: Schmaltz
Von der Schwierigkeit, mit einem Hörgerät auszukultieren

Man will es lange nicht wahrhaben, aber irgendwann fällt es einem dann doch auf: Das Fiepen des elektronischen Blutdruckmessgeräts fehlt. Man muss sich bei der Anamnese-Erhebung ordentlich anstrengen: Haben die Leute schon immer so leise gesprochen? Wenn man gar eine Erkältung bekommen hat, hört man plötzlich richtig schwer. Also auf zum HNO-Kollegen. Der bestätigt, was man schon geahnt hat: Die Hörfähigkeit ist in den hohen Frequenzen so eingebrochen, dass er zu einem Hörgerät rät.

Gut Ding ist teuer. Aber mithilfe des Hörgeräteakustikers, den der Kollege warm empfohlen hat, finde ich schließlich ein 5 000-Euro-Modell, das keinem meiner Vorurteile gerecht wird: Ich habe überhaupt keine Probleme, weder im Konzert noch bei einer großen Geburtstagsfeier mit mehr als 100 Gästen. Weder hallt es noch fließen die Geräusche ineinander. Das Blutdruckmessgerät fiept wieder, und ich höre die Kleidung beim Gehen rascheln. Toll! Warum habe ich mir nicht schon längst so ein kleines technisches Wunderwerk ins beziehungsweise hinters Ohr gesteckt?

Dann kommt der Montag. Schon beim ersten Patienten beginnt der Jammer: Ich kann mein Stethoskop nicht ins Ohr stecken. Die Olive drückt unbequem auf das Ohrstück des Hörgeräts, und ich höre – nichts. Das ist besonders ärgerlich, weil man auch als Schwerhöriger in der Regel problemlos auskultieren kann, sind die Frequenzen beim Auskultieren doch niedrig, während die meisten Kollegen ihre Höreinbrüche eher im höherfrequenten Bereich haben.

Notlösungen müssen her: Also ein „Ohr“ herausgenommen und „halb“ gehört. Das macht sich aber auf die Dauer nicht gut, wenn man dem Patienten sagen muss: „Kleinen Moment mal, Herr Müller, ich muss eben erst mein Ohr herausnehmen.“

Später experimentiere ich damit, die Luftlöcher im Ohrstück so groß ausbohren zu lassen, dass ich statt einer Olive ein Stück Plastikschlauch auf das Stethoskop schraube und versuche, mit der „Schlaucholive“ genau ins Ohrstückloch zu zielen. Das gelingt jedoch nur jedes zweite Mal und drückt zudem unangenehm in den Ohren. Zusätzlich verfolge ich drei Wege, um das Problem zu lösen:

1. Nachfrage beim Gehörgeräteakustiker. Um es gleich vorwegzunehmen: Der junge Mann hat sich redlich bemüht, aber nach vielem Suchen fand man lediglich eine Firma in Deutschland, die sich an technischen Lösungen versucht. Mit Betonung auf „versucht“. Nach monatelangem Warten bekam ich endlich ein extra angepasstes elektronisches Stethoskop, das die auskultierten Töne per Kabel direkt in eine Art Schuh spielte, der auf das Hörgerät aufgesteckt wurde. Das Ergebnis war niederschmetternd: Ich hörte – nichts. Einen Versuch mit einer Induktionsschleife um den Hals haben wir danach aufgegeben, zumal nicht herauszufinden war, wer diese theoretisch gute Idee praktisch umsetzen kann.

2. Die Nachfrage beim Medizingerätehandel entpuppte sich als absolute Fehlanzeige. Weder im Internet noch bei lokalen Firmen konnte mir jemand weiterhelfen. Zwar probierte ich ein herkömmliches elektronisches Gerät eines bekannten Herstellers aus, wegen der Oliven blieb das Problem aber weiter ungelöst.
Ich habe übrigens gelernt, dass sich auch bekannte Stethoskophersteller für Probleme von Randgruppen (= schwerhörige Ärzte und davon die Untergruppe der auskultierenden Kollegen) nicht zuständig fühlen. Die Entwicklungsabteilungen sitzen sowieso alle in Texas.

3.­ Die kollegiale Schiene. Allenthalben bei den Betroffenen große Begeisterung, dass ich nachfrage, und die dringende Bitte, doch Bescheid zu sagen, wenn ich eine praktikable Lösung gefunden hätte.
Was nun, Doktorin? Glücklicherweise hatten wir einen Familienbesuch nach Texas geplant (dort, wo die ganzen Stethoskopentwickler sitzen), und schon eine kleine Testanfrage ans US-amerikanische Google-System führte mich zu der „Association schwerhöriger amerikanischer Ärzte“, die – bebildert und praktisch – gleich ein ganzes Bündel von Vorschlägen und Adressen parat hatten.
Ich habe mir per Versand und mit günstigem Dollarkurs das abgebildete „E-Scope“ gekauft und bin seither sehr zufrieden. Zwar sieht das Outfit futuristisch aus mit Ohrhörern, die sich im Ruhezustand um den Nacken wickeln. Aber ich höre jetzt wirklich entspannt und ohne Ohrdrücken noch den klitzekleinsten Herzfehler. Die Patienten sind beeindruckt („Hat Frau Doktor aus Amerika mitgebracht.“).
Kollegen, denen es ähnlich geht wie mir, verrate ich gerne weitere Einzelheiten. Für gute andere Tipps bin ich dankbar.
Dr. med. Karla Schmaltz, Bremen,
E-Mail: karla.schmaltz@kfh-dialyse.de
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