ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSSUPPLEMENT: PRAXiS 1/2009Unternehmensanleihen: Nichts für schwache Nerven

SUPPLEMENT: PRAXiS

Unternehmensanleihen: Nichts für schwache Nerven

Jobst, Peter

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Foto: i-stockphoto
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Nicht nur Aktienfans leiden unter der Finanzkrise. Auch die Besitzer von Unternehmensanleihen – im Branchenjargon „Corporate Bonds“ – verzeichneten zumindest auf dem Papier enorme Verluste.

Festverzinsliche Wertpapiere gelten – gerade in Krisenzeiten – als „sicherer Hafen“, in dem sich Anleger vor dem turbulenten Börsengeschehen schützen können. Doch nicht jedes Papier bietet solchen Schutz: Während etwa die Notierungen von Staatsanleihen und Emissionen erstklassiger Emittenten auch in den vergangenen Wochen ein recht stabiles Kursverhalten aufwiesen und die Renditen auf historische Tiefststände gesunken sind, stehen Unternehmensanleihen seit Herbst 2008 massiv unter Druck. Kursverluste zwischen zehn und 30 Prozent waren zumindest zeitweise mehr die Regel denn die Ausnahme. Die Renditen sind selbst bei Titeln mit wenigen Jahren Restlaufzeit oftmals in den zweistelligen Bereich gesprungen.

Mehrere Gründe waren ausschlaggebend für diesen Kurssturz: Einerseits hat die Finanzkrise, verbunden mit den aktuellen Konjunktursorgen, dazu geführt, dass sich viele private Anleger aus diesem Segment zurückziehen und der Spread – also die Differenz zur Rendite etwa von Bundeswertpapieren – erkennbar anzieht. Erleichtert wird ihnen der Wechsel durch die attraktiven Renditen, die derzeit am Geldmarkt etwa für Tages- und Festgelder immer noch zu erzielen sind.

Weitaus bedeutender sind jedoch die Verkäufe institutioneller Anleger, also etwa Investmentgesellschaft, Vermögensverwalter und Versicherungsgesellschaften. Kein Fondsmanager will sich nachsagen lassen, eine mögliche Bonitätsschwäche eines Emittenten übersehen zu haben. Folgerichtig werden alle Papiere zum Verkauf gestellt, bei denen die Rückzahlung nicht 100-prozentig sichergestellt erscheint. „Tabula rasa“ ist aber auch bei vielen Banken und Investmentfonds angesagt, die dringend nach liquiden Mitteln suchen. Im Gegenzug fanden sich allerdings oftmals keine Käufer, sodass die Notierungen unter Druck gerieten.

Dies spiegelt sich auch an den enormen Spannen zwischen dem Geld- und Briefkurs wider. Wer sich etwa Mitte Oktober 2008 von der EADS-Anleihe mit Laufzeit bis zum Jahr 2010 trennen wollte, konnte allenfalls einen Kurs von 89 Prozent erlösen – angeboten von „Schnäppchenjägern“, die sich die daraus errechnete Rendite von rund 13 Prozent pro Jahr sichern wollten. Zum gleichen Zeitpunkt lag jedoch der Briefkurs, also der Preis für Kaufwillige, bei 98 Prozent, was einem Spread von mehr als zehn Prozent entspricht. Damit war das Papier allerdings kein Schnäppchen mehr, errechnet sich doch eine Rendite von nur noch rund fünf Prozent – was für dieses Papier als „normal“ anzusehen ist.

Mangelte es einem Titel jedoch gänzlich an Nachfrage oder bestanden nur die geringsten bonitätsmäßigen Bedenken, war ein Kurssturz programmiert. So erlebten es etwa Anleger, die auf die TUI-Anleihe mit Laufzeit bis zum Dezember 2012 gesetzt hatten. Sie wurde im Oktober in einer Spanne von 66 bis 71 Prozent gehandelt, was einer Rendite von mehr als 13 Prozent pro Jahr entspricht. Und während sich die Situation inzwischen bei vielen Papieren wieder etwas entspannt hat, ist die TUI-Anleihe den Käufern sogar noch nur rund 61 Euro wert.

Vor dem Hintergrund der aktuellen Baisse raten Analysten derzeit bei den meisten Papieren zum Abwarten. Ein Verkauf zu Dumpingpreisen erscheint allenfalls sinnvoll, wenn es bonitätsmäßige Bedenken gibt. Dies gilt insbesondere für die „Hybridanleihen“, deren Gläubiger im Insolvenzfall erst nachrangig bedient werden.

Keineswegs sollten sich Anleger auch von den publizierten Kursen schrecken lassen, wie man sie jetzt oftmals in den Depotauszügen lesen wird. Entscheidend für die Einschätzung sind vielmehr die tatsächlichen Geld- und Briefnotierungen sowie die dahinterstehenden Umsätze. Oft zeigt sich dann, dass die Lage weitaus weniger dramatisch ist, als auf den ersten Blick vermutet. Der Markt, so die einhellige Meinung der Analysten, übertreibt derzeit zulasten der Unternehmenspapiere, und erfahrungsgemäß werden solche Übertreibungen meist innerhalb kurzer Zeit wieder korrigiert.

Mittlerweile wittern die ersten Schnäppchenjäger ihre Chance. Wenn Papiere von Bertelsmann, der Allianz, BMW oder Sixt zweistellige Renditen bringen, kann sich der Einstieg zu niedrigen Preisen lohnen. Niemand kann jedoch garantieren, dass die Finanzkrise nicht noch größere Opfer fordert. Die hohen Renditen sind mithin durchaus als „Zitterprämien“ zu verstehen, die dem Anleger für das zuletzt deutlich gestiegene Risiko bezahlt werden. Peter Jobst
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