ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2009E-Learning in der Medizin: Lernort Krankenhaus

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E-Learning in der Medizin: Lernort Krankenhaus

Krüger-Brand, Heike E.

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Krebskranke Kinder und Jugendliche können in einem österreichischen Projekt während ihrer Therapie den „Europäischen Computerführerschein“ erwerben. Foto: die Berater/Elterninitiative Kinder-Krebs-Hilfe
Krebskranke Kinder und Jugendliche können in einem österreichischen Projekt während ihrer Therapie den „Europäischen Computerführerschein“ erwerben. Foto: die Berater/Elterninitiative Kinder-Krebs-Hilfe
Nicht nur Ärzte oder Pflegekräfte können Adressaten von computergestützten Fortbildungen in medizinischen Einrichtungen sein, sondern auch die Patienten.

Mit der Umsetzung von cme (continuing medical education) beziehungsweise cne (certified nursing education) in Form von E-Learning ist man in anderen Ländern teilweise bereits deutlich weiter als in Deutschland. Ein gutes Beispiel dafür sind die Niederlande. In der „HealthCare Arena“ bei der Learntec 2009 in Karlsruhe präsentierte André Matera, Noordhoff Uitgever, ein E-Learning-Programm für Krankenhäuser, das inzwischen zehn Kliniken mit rund 70 Einrichtungen in den Niederlanden, darunter die Universitätsklinik Amsterdam, implementiert haben. Das von dem niederländischen Unternehmen entwickelte System „CampusMed“ (www.campus-med.de) unterstützt die Einrichtungen bei Fortbildungen zu den sogenannten Basishandlungen für Pflegekräfte und Ärzte sowie bei Zertifizierungsprozessen. So regelt in den Niederlanden das Heilberufsgesetz unter anderem, welcher Heilberuf wann welche Handlungen vornehmen darf. Rund 40 Handlungen sind beschrieben, für die bestimmte Zertifizierungen erforderlich sind und für die es Rezertifzierungs- und Reakkreditierungsregelungen gibt. Darunter fallen Tätigkeiten wie eine Spritze setzen, eine Magensonde legen oder Blutprodukte verabreichen – Handlungen, die nach der Schulung von Ärzten an das Pflegepersonal übertragbar sind. Für die Lernreihe „Durchführung medizinischer Tätigkeiten“ wurden bislang 21 Handlungen umgesetzt. Die Lernprogramme richten sich sowohl an das Pflegepersonal und an Pflegeschüler wie auch an junge Ärzte und sollen dazu beitragen, eine hohe Versorgungsqualität durch eine kontinuierliche Fortbildung zu gewährleisten. „Die Aufmerksamkeit für Qualitätssicherung in den Kliniken ist in den Niederlanden sehr viel ausgeprägter als in Deutschland“, betonte Matera. So sei es in der Folge von Gesundheitsinspektionen wiederholt zu Klinikschließungen gekommen.

E-Learning ist für die medizinischen Einrichtungen Matera zufolge kosteneffizient und flexibel einsetzbar, da es die rechtlichen Aspekte der Fortbildung abdecken und gleichzeitig die berufliche Entwicklung der Mitarbeiter strukturiert abbilden kann. Die Krankenhäuser erhalten hierfür eine komplexe technische Infrastruktur. Diese umfasst eine elektronische Lehrumgebung einschließlich eines Autorentools, damit die Nutzer ihre Lehrinhalte selbst anpassen und weiterentwickeln können. Auch eine Testumgebung zur strukturierten Erstellung und Auswertung von Fragen ist enthalten. Das System ermöglicht es, individuelle Lernprogramme für jeden Mitarbeiter zu erstellen und Kompetenzprofile anzulegen sowie Zertifikate und die Freischaltung von Befugnissen zu verwalten. Schnittstellen zu Personalmanagement- und zu Qualitätsmanagementsystemen sind ebenfalls vorhanden. Die Daten sind exportierbar, damit absolvierte Fortbildungen bei einem Arbeitsplatzwechsel nachgewiesen werden können. Die Krankenhäuser hätten sich allerdings noch keine Gedanken darüber gemacht, wie mit nicht bestandenen Tests der Mitarbeiter oder „gesperrten“ Tätigkeiten umzugehen sei, sagte Matera. Eine E-Learning-Kultur müsse eben häufig erst noch wachsen.

Von E-Learning im Krankenhaus, jedoch nicht aufseiten von Ärzten oder Pflegekräften, sondern aufseiten der Patienten berichtete Dr. Elisabeth Frankus vom Consultingunternehmen „die Berater“. Sie stellte das österreichische Projekt „ECDL für krebskranke Kinder und Jugendliche“ vor, an dem sich mehrere Kliniken, die Österreichische Kinder-Krebs-Hilfe und „die Berater“ beteiligen (www.ecdl.at/themen/training.html).

Positiv für die Genesung
Junge Krebspatienten zwischen zehn und 19 Jahren können dabei die European Computer Driving Licence, den „Europäischen Computerführerschein“ erwerben. Die Schulungen werden – je nach Gesundheitszustand und Behandlungsphase der Teilnehmer – durch speziell ausgebildete Trainer in den Räumlichkeiten der Kinder-Krebs-Hilfe, im Krankenhaus oder zu Hause durchgeführt. Die Patienten erhalten Notebooks, damit sie zeit- und ortsunabhängig lernen können. Das Ziel sei es, den Genesungsprozess der Kinder und Jugendlichen dadurch positiv zu beeinflussen und andere Maßnahmen, wie psychologische oder ergotherapeutische Maßnahmen, zu unterstützen, erläuterte Frankus. Mit großem Erfolg: Seit dem Start 2002 haben 248 junge Krebspatienten an den Kursen teilgenommen, mehr als 685 Teilprüfungen absolviert und unterschiedliche Zertifikate erlangt.

Ein weiteres Beispiel ist das EU-Projekt „eHospital“, das 2005 bis 2008 im Rahmen des europäischen EU-Bildungsprogramms Grundtvig zur Förderung des lebenslangen Lernens lief. Es beruht auf dem Grundgedanken, dass das Krankenhaus ein potenzieller Lernort ist, der von den Patienten während ihres Aufenthalts genutzt werden kann (www.ehospi tal-project.net). Ziel des Projekts war die Entwicklung und Erprobung von E-Learning-Programmen für erwachsene Langzeitpatienten, unter anderem um ihnen die Wiedereingliederung in das berufliche und soziale Leben zu erleichtern. Einbezogen wurden Patienten, die beispielsweise an Burn-out, Anorexie, psychischen Störungen oder Bewegungseinschränkungen litten. Trainingsinhalte betrafen hierbei zum Beispiel digitale Kompetenz, das Informationsmanagement und die Berufsorientierung. Wesentlich für das Gelingen eines solchen E-Learning-Projekts seien die verbindliche Verpflichtung der Beteiligten und die Integration in den Krankenhausalltag, erklärte Frankus. Darüber hinaus müssten einfache Technologien genutzt und die Kompetenzen der Patienten im Umgang mit Informations- und Kommunikationstechnologien verbessert werden. Der Nutzen für die Patienten: ein sinnvoller, unterhaltender Zeitvertreib während des Kranken­haus­auf­enthalts, die soziale Anbindung über elektronische Medien, der Erwerb neuer Fähigkeiten und die Steigerung der Arbeitsfähigkeit.

Das 2008 gestartete Folgeprojekt „Educationel Counselling during Rehabilitation“ baut darauf auf und adressiert als Zielgruppe Patienten, die nach einem Unfall oder einer Krankheit körperlichen Schaden erlitten haben, der ihre Arbeitsfähigkeit gefährdet. Ihnen wird ein durch E-Learning-Komponenten unterstütztes Bildungs- und Berufsberatungsprogramm angeboten, das auf die spezifischen Bedingungen in Rehabilitationszentren zugeschnitten ist.
Heike E. Krüger-Brand
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