ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2009Hedwig Ewer, geborene Brandt (1890–1978): Kampf um die Existenz

THEMEN DER ZEIT

Hedwig Ewer, geborene Brandt (1890–1978): Kampf um die Existenz

Hahn, Judith

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Hedwig Ewer überwand massive Widerstände auf ihrem Weg, Ärztin zu werden. Foto: Privat
Hedwig Ewer überwand massive Widerstände auf ihrem Weg, Ärztin zu werden. Foto: Privat
Praktizierende Ärztin und Witwe einer „Mischehe“ – im Deutschland des 20. Jahrhunderts ein schwieriges Berufsleben

Als Frau während der Zeit des Kaiserreichs in Deutschland Medizin zu studieren und danach auch noch als Ärztin zu arbeiten, erforderte einige Hartnäckigkeit und war nicht ohne die Überwindung von Widerständen zu bewerkstelligen. An einer deutschen Universität konnten sich Studentinnen erst ab Ende des 19. Jahrhunderts immatrikulieren, in Preußen ab 1908 (1, 2). Noch lange nach der Zulassung zu den Universitäten wurden Frauen bei ihrer Ausbildung systematisch benachteiligt. Wollten sie beispielsweise nach bestandenem Staatsexamen, bevor sie eine Praxis eröffneten, praktische Erfahrungen als Assistenzärztinnen in einer Klinik sammeln, so fanden sie oft nur schwer Professoren, die sie annahmen (3).

Einige Professoren wollten keine Frauen unterrichten
Auch Hedwig Ewer, die am 6. März 1890 in Dobrilugk, Kreis Luckau, als Tochter des Amtsrichters Friedrich Brandt geboren wurde, musste während ihrer Ausbildung zur Ärztin solche Erfahrungen machen. Sie wuchs in Berlin-Schöneberg auf, wo sie das örtliche Mädchenrealgymnasium besuchte und 1909 ihr Abitur bestand. Ebenfalls in Berlin nahm Hedwig Ewer 1909 ein Medizinstudium auf. Nach drei Semestern wechselte sie zunächst nach Kiel, weil, wie ihr Sohn noch 1983 aus Erzählungen der Mutter wusste, einige Professoren sich weigerten, Frauen zu unterrichten (2, 4). Nach zwei Semestern in Kiel studierte sie in Marburg, dann erneut in Berlin und schließlich in Jena, wo sie mit Beginn des Ersten Weltkrieges im August 1914 ihr Staatsexamen absolvierte. Gleichzeitig erhielt sie ihre Approbation als Ärztin. Dabei handelte es sich um eine „Notapprobation“, wie sie zu Kriegsbeginn allen examinierten Medizinstudenten und -studentinnen erteilt wurde, damit diese ohne Verzögerung für den Militärdienst oder an der „Heimatfront“ zur Verfügung standen. Vor dem Hintergrund des wachsenden Bedarfs an ärztlichen Fachkräften für den Krieg, besserte sich die berufliche Situation für Ärztinnen 1914 insgesamt. Vor allem junge Ärztinnen erhielten Zugang zu Assistentenstellen, die vorher überwiegend mit männlichen Kollegen besetzt worden waren (5). Hedwig Ewer fand so nach Abschluss ihres Studiums eine Anstellung als stellvertretende Assistentin an der medizinischen Universitätsklinik in Jena. Dort promovierte sie 1915 im Fachbereich Chirurgie und Geburtshilfe mit einer Arbeit „Über Hernienbildung in Laparotomienarben“ (6). Danach nahm sie eine Stelle im Berliner Krankenhaus am Friedrichshain an. 1918 wechselte sie an das Kinderkrankenhaus in Berlin-Rummelsburg. Zu Kriegsende drohte ihr dort für kurze Zeit die Entlassung. Sie sollte ihre Stelle für einen männlichen Kollegen, der aus dem Militärdienst an die alte Arbeitsstätte zurückkehrte, frei machen. Dieser Kollege setzte allerdings durch, dass Hedwig Ewer ihre Anstellung behielt. Es handelte sich dabei um ihren späteren Ehemann, den Berliner Kinderarzt Hermann Ewer (4). Nach wenigen Jahren am Krankenhaus in Rummelsburg heirateten sie und ließen sich 1920 mit einer gemeinsamen Praxis, er als Kinderarzt, sie als praktische Ärztin nieder. Ab Dezember 1932 befand sich ihre Praxis in der Frankfurter Allee 278 in Berlin-Friedrichshain. Inzwischen hatten die Ewers eine Familie gegründet, die beiden Söhne Gerhard und Horst wurden 1922 und 1924 geboren. Die Praxis lebte vorwiegend von Kassenpatienten. Daneben wurden auch ärmere Familien, die auf die staatliche Wohlfahrt angewiesen waren, betreut. Zum Teil behandelte Hedwig Ewer zahlungsunfähige Kranke auch kostenfrei (4).

1928 starb Hermann Ewer. Hedwig Ewer führte die Praxis weiter, doch stellte es für sie keine leichte Aufgabe dar, allein ein Auskommen für ihre beiden Söhne und sich zu erwirtschaften. Um etwas Geld hinzuzuverdienen, übernahm sie im Auftrag des Groß-Berliner Ärztebundes, der damals zentralen ärztlichen Standesorganisation in Berlin, die Prüfung ärztlicher Abrechnungen und half bei der Erstellung von Statistiken (4, 7).

Schienen damit zunächst alle größeren Probleme überwunden, so war ihre Existenz 1933 mit der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten erneut bedroht. Nun wurde sie nicht mehr vor allem als Frau diskriminiert, sondern aufgrund der nationalsozialistischen Rassenideologie. Ihr verstorbener Ehemann galt nach nationalsozialistischen Vorstellungen als Jude. Hedwig Ewer, deren „Abstammung“ im Reichsarztregister mit „deutschblütig“ angegeben wird, hatte demnach eine „Mischehe“ geführt, ihre beiden Söhne wurden gemäß der „Nürnberger Gesetze“ von 1935 als „Halbjuden“ beziehungsweise „Mischlinge ersten Grades“ betrachtet (8). Bereits im ersten Jahr der nationalsozialistischen Herrschaft bekam Hedwig Ewer die Konsequenz der antisemitischen Ausschaltungspraxis ärztlicher Standesorganisationen zu spüren. Wie aus einem Beschwerdeschreiben vom 3. November 1933 an das Reichsarbeitsministerium hervorgeht, hatte ihr kurz zuvor einer der neu eingesetzten kommissarischen Leiter des Groß-Berliner Ärztebundes erklärt, dass sie, weil ihr verstorbener Ehemann Jude gewesen sei, die Prüfung der Liquidationen nicht mehr durchführen dürfe (7). Hedwig Ewer verlor dadurch eine für sie und ihre Familie wichtige Einnahmequelle. Sie musste auch feststellen, dass ihr Name in einem Verzeichnis „arischer“ Ärzte Berlins, die die Städtische Kran­ken­ver­siche­rungsanstalt 1933 eigens an ihre Mitglieder verteilt hatte, nicht aufgenommen worden war. Städtischen Angestellten und Beamten, deren Arztbesuche über die Kran­ken­ver­siche­rungsanstalt abgerechnet wurden, stellte die Stadt finanzielle Nachteile in Aussicht, wenn sie Ärzte konsultierten, die nicht in dieser Liste verzeichnet waren. Hedwig Ewer forderte in dem genannten Schreiben deshalb, in das Verzeichnis eingetragen zu werden (9).

Mit ihrer Beschwerde hatte sie nur teilweise Erfolg. Die Nebentätigkeit als Prüferin beim Groß-Berliner Ärztebund blieb ihr weiterhin verwehrt, zur Behandlung von Mitgliedern der städtischen Kran­ken­ver­siche­rungsanstalt wurde sie jedoch wieder zugelassen. Die Begründung lautete, dass Ende 1933 das Vorgehen gegenüber Ehepartnern von Juden abgemildert worden sei, und „das Nichtariertum der Großeltern des Ehegatten nicht mehr Anlass zum Ausschluss sein soll, in das ,Verzeichnis der von der Kran­ken­ver­siche­rungsanstalt zugelassenen, in Berlin (und Vororten) ansässigen Ärzte‘ aufgenommen“ zu werden (4, 10).

Kollegen riefen zum Boykott der Praxis auf
Damit wurden ihr von offizieller Seite bei der Ausübung ihrer Praxis erst einmal keine weiteren Steine in den Weg gelegt. Dafür aber machten ihr, wie der Sohn schilderte, Kollegen in der Umgebung das Leben schwer, indem sie zum Boykott der Praxis aufriefen und verbreiteten, Hedwig Ewer sei Jüdin. Ein SA-Mann, der über ihrer Wohnung eine Praxis als Heilpraktiker eröffnet hatte, fing nach Angaben des Sohnes „mitunter Patienten, die zu Mama wollten, im Treppenhaus ab“ (4, 11). Zusätzlich musste sie mitansehen, wie ihre beiden Kinder, da diese als „Mischlinge“ galten, zunehmenden Repressionen durch das nationalsozialistische Regime ausgesetzt waren. Der ältere Sohn Gerhard schloss sich, so die Überlieferung durch einen Enkel, einer Widerstandsgruppe an, woraufhin Hedwig Ewer ihn aus Angst, ihm könne etwas zustoßen, ins Ausland schickte (4). Der jüngere Sohn Horst durfte eigenen Angaben zufolge 1941 zwar noch das Abitur ablegen, als „Mischling“ erhielt er jedoch weder einen Studien- noch einen Ausbildungsplatz, ihm waren lediglich „untergeordnete Tätigkeiten“ gestattet. 1943 nach Schlesien „dienstverpflichtet“, das heißt im Sinne der Kriegswirtschaft zu einem Arbeitseinsatz beordert, wurde er dort später verhaftet und in das Zwangsarbeitslager Billroda, das 1944 als Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald errichtet wurde, gebracht. In einem Kalisalzbergwerk und beim Bau von Bahngleisen musste er Schwerstarbeit leisten (12). Hedwig Ewer konnte erst bei ihrem Wiedersehen im Juli 1945 sicher sein, dass ihr Sohn überlebt hatte. Dies war nicht selbstverständlich, wie das Schicksal vieler Verwandter und Bekannter der Familie zeigt. Erschütternde Aufzeichnungen des Sohnes über Verfolgung, Verhaftung, Misshandlung, Deportation, Tod und Selbstmord von Onkeln, Tanten und Freunden machen dies deutlich (4).

Hedwig Ewer hatte ihre Berliner Praxis in der Frankfurter Allee 278, die nun im sowjetisch besetzten Teil der Stadt lag, bis Kriegsende weitergeführt. Im Dezember 1949 erhielt ihr Haus, das sich nun auf dem Staatsgebiet der neu gegründeten DDR befand, die neue Anschrift Stalinallee 377. Hedwig Ewer blieb zunächst in der DDR und gab 1956, im Alter von nunmehr 66 Jahren, ihre Praxis schließlich auf (13). Vier Jahre später – nicht lange vor dem Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961 –, verließ sie Berlin und siedelte mit ihrem Sohn Horst, der inzwischen geheiratet und selbst eine Familie gegründet hatte, nach Westdeutschland über. Ihre letzten 18 Lebensjahre verbrachte Hedwig Ewer in der ostfriesischen Stadt Norden. Sie starb am 29. September 1978 (4).

Dr. phil. Judith Hahn
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Institut für Geschichte und Ethik der Medizin

Literatur und Quellennachweis im Internet: www.aerzteblatt.de/lit0909
E-Mail: hahnjf@web.de
Anzeige
1.
Bleker J: Vorspiel: Deutsche Ärztinnen mit ausländischem Doktorgrad 1871–1901. In: Bleker J, Schleiermacher S: Ärztinnen im Kaiserreich. Lebensläufe einer Generation. Weinheim 2000; 29.
2.
Burchardt A: Blaustrumpf – Modestudentin – Anarchistin? Deutsche und russische Medizinstudentinnen in Berlin 1896–1918. Stuttgart Weimar 1997; 37f.
3.
Ziegeler B: Weibliche Ärzte und Krankenkassen. Anfänge ärztlicher Berufstätigkeit von Frauen in Berlin 1893–1935. Weinheim 1993; 11ff.
4.
Brief eines Sohnes Hedwig Ewers vom 2.2.1983. In: Dokumentenmappe Hedwig Ewer, Dokumentation „Ärztinnen im Kaiserreich“ von Jutta Buchin, Institut für Geschichte der Medizin, Charité – Universitätsmedizin Berlin.
5.
Eckelmann C, Hoesch K: Ärztinnen – Emanzipation durch den Krieg?. In: Bleker J, Schmiedebach H-P (Hrsg.): Medizin und Krieg. Vom Dilemma der Heilberufe 1865–1985. Frankfurt/Main 1987; 161ff.
6.
Brandt H: Über Hernienbildung in Laparotomienarben. Med. Diss. Jena 1915.
7.
Landesarchiv Berlin, A Pr. Br. Rep. 057, Nr. 1700, Bl. 40f.
8.
Karteikarte Hedwig Ewer, DVD Reichsarztregister, Berlin 2004.
9.
Landesarchiv Berlin, A Rep. 005-06, Nr. 13, Bl. 37 sowie A Pr. Br. Rep. 057, Nr. 1700, Bl. 40f.
10.
Landesarchiv Berlin, A Pr. Br. Rep. 057, Nr. 1700, Bl. 42.
11.
Diese Aussage konnte durch weitere Recherchen bestätigt und präzisiert werden. 1937 befand sich in der Frankfurter Allee 278 eine naturheilkundliche Praxis, die Oswald Granzow betrieb. Berliner Adressbuch 1937: unter Benutzung amtlicher Quellen, Berlin 1937.
12.
Diese Angaben des Sohnes weisen darauf hin, dass er bei den damaligen Gustloff-Werken im Bergwerk Rastenberg unweit Billrodas zur Zwangsarbeit eingesetzt wurde. Wolf Gruner: Arbeitseinsatz. In: Benz W, Graml Hm Weiß H (Hrsg.): Enzyklopädie des Nationalsozialismus. München 1997; 369f. sowie www.weimar-rastenberger-kleinbahn.de/Teilkali.htm.
13.
Auskunft der Schwiegertochter Christa Ewer vom 3. 12. 2007 und vom 19. 12. 2007.
1. Bleker J: Vorspiel: Deutsche Ärztinnen mit ausländischem Doktorgrad 1871–1901. In: Bleker J, Schleiermacher S: Ärztinnen im Kaiserreich. Lebensläufe einer Generation. Weinheim 2000; 29.
2. Burchardt A: Blaustrumpf – Modestudentin – Anarchistin? Deutsche und russische Medizinstudentinnen in Berlin 1896–1918. Stuttgart Weimar 1997; 37f.
3. Ziegeler B: Weibliche Ärzte und Krankenkassen. Anfänge ärztlicher Berufstätigkeit von Frauen in Berlin 1893–1935. Weinheim 1993; 11ff.
4. Brief eines Sohnes Hedwig Ewers vom 2.2.1983. In: Dokumentenmappe Hedwig Ewer, Dokumentation „Ärztinnen im Kaiserreich“ von Jutta Buchin, Institut für Geschichte der Medizin, Charité – Universitätsmedizin Berlin.
5. Eckelmann C, Hoesch K: Ärztinnen – Emanzipation durch den Krieg?. In: Bleker J, Schmiedebach H-P (Hrsg.): Medizin und Krieg. Vom Dilemma der Heilberufe 1865–1985. Frankfurt/Main 1987; 161ff.
6. Brandt H: Über Hernienbildung in Laparotomienarben. Med. Diss. Jena 1915.
7. Landesarchiv Berlin, A Pr. Br. Rep. 057, Nr. 1700, Bl. 40f.
8. Karteikarte Hedwig Ewer, DVD Reichsarztregister, Berlin 2004.
9. Landesarchiv Berlin, A Rep. 005-06, Nr. 13, Bl. 37 sowie A Pr. Br. Rep. 057, Nr. 1700, Bl. 40f.
10. Landesarchiv Berlin, A Pr. Br. Rep. 057, Nr. 1700, Bl. 42.
11. Diese Aussage konnte durch weitere Recherchen bestätigt und präzisiert werden. 1937 befand sich in der Frankfurter Allee 278 eine naturheilkundliche Praxis, die Oswald Granzow betrieb. Berliner Adressbuch 1937: unter Benutzung amtlicher Quellen, Berlin 1937.
12. Diese Angaben des Sohnes weisen darauf hin, dass er bei den damaligen Gustloff-Werken im Bergwerk Rastenberg unweit Billrodas zur Zwangsarbeit eingesetzt wurde. Wolf Gruner: Arbeitseinsatz. In: Benz W, Graml Hm Weiß H (Hrsg.): Enzyklopädie des Nationalsozialismus. München 1997; 369f. sowie www.weimar-rastenberger-kleinbahn.de/Teilkali.htm.
13. Auskunft der Schwiegertochter Christa Ewer vom 3. 12. 2007 und vom 19. 12. 2007.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema