ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2009Klimawandel und Gesundheit: Die Gefahren ernst nehmen

THEMEN DER ZEIT

Klimawandel und Gesundheit: Die Gefahren ernst nehmen

Hibbeler, Birgit

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNSLNSLNS
Foto: CDC/James Gathany
Foto: CDC/James Gathany
Wie genau sich der Klimawandel auswirken wird, lässt sich noch nicht abschließend sagen. Deshalb müssen die Veränderungen überwacht und entsprechende An­passungs­strategien entwickelt werden.

Es war eine rätselhafte Krankheit, an der im Sommer 2007 rund 200 Menschen im norditalienischen Ravenna erkrankten. Sie hatten Fieber, klagten über Gelenk- und Kopfschmerzen und zeigten zum Teil ein masernähnliches Exanthem. Als schließlich die richtige Diagnose gestellt wurde, waren nicht nur die Patienten, sondern auch die Ärzte überrascht: Die Betroffenen litten am Chikungunya-Fieber, einer Erkrankung, die zuvor nur nach Tropenaufenthalten festgestellt worden war. Keiner der Erkrankten hatte aber eine Fernreise hinter sich. Wie also konnten sie sich anstecken? Ein Reiserückkehrer aus Indien – so stellte sich später heraus – hatte das Virus eingeschleppt. Übertragen wurde es von der Tigermücke (Aedes albopticus), die seit den 90er-Jahren in Italien vorkommt.

Wissenschaftliche Evaluation dringend notwendig
Nicht alle möglichen Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit sind so spektakulär wie das Chikungunya-Fieber in Italien. Neben der Ausbreitung „tropischer“ Krankheiten ist vor allem mit extremen Wetterereignissen zu rechnen. „Bisher ist es kaum abzuschätzen und quantifizierbar, inwieweit sich der Klimawandel in Deutschland auswirken wird“, sagte Dr. med. Martina Wenker bei einem gemeinsamen Forum der Ärztekammer Niedersachen und der Bundes­ärzte­kammer zum Thema „Klimawandel und gesundheitliche Folgen“ in Hannover. Aber man müsse vorbereitet sein, forderte die niedersächsische Kammerpräsidentin. Notwendig seien ein Monitoring der Veränderungen und eine wissenschaftliche Evaluation. „Es müssen außerdem Strategien erarbeitet werden, um die Gefährdung der Gesamtbevölkerung zu vermindern“, so Wenker. Denkbar sei der Ausbau von Hitze-, Pollen-, Ozon- und UV-Warnsystemen. Unter Federführung des Robert-Koch-Instituts würden bereits Überwachungsprogramme etabliert, um die Veränderungen im Auftreten von Infektionskrankheiten systematisch zu erfassen. Ebenso erforderlich seien aber auch Pläne zur Intervention im Fall von Epidemien, Pandemien und anderen klimabedingten Notsituationen. Wenker betonte in diesem Zusammenhang, wie wichtig ein leistungsstarker öffentlicher Gesundheitsdienst sei.

Foto: ddp
Foto: ddp
Dass diese Warnungen alles andere als übertrieben sind, zeigt ein Blick in die Vergangenheit: Im Sommer 2003 fielen rund 40 000 Menschen einer Hitzewelle in Westeuropa zum Opfer, davon 7 000 in Deutschland – besonders chronisch Kranke und alte Menschen. Die damalige Hitzewelle habe gezeigt, wie verletzlich die Gesellschaft bereits unter den heutigen klimatischen Bedingungen sei, gab Prof. Dr. Gerd Jendritzky, Freiburg, zu bedenken. „Wir müssen uns anpassen“, forderte der Meteorologe. Solche Adaptationsstrategien müssten auf mehreren Ebenen erfolgen: In den Verhaltensweisen des Einzelnen, aber auch durch Hitzewarnsysteme, wie sie der Deutsche Wetterdienst eingerichtet habe. Langfristig müssten aber auch die Architektur und die Stadtplanung geändert werden, damit sich Gebäude und dicht besiedelte Gebiete in Hitzeperioden nicht so stark aufheizten.

Die Welt­gesund­heits­organi­sation hat mehrere Folgen des Klimawandels für die Gesundheit identifiziert. Dazu zählen Nahrungsmangel, Hitzewellen, Wassermangel, Überschwemmungen und eine Verbreitung von krankheitsübertragenden Insekten (Vektoren). Gerade die Entwicklungsländer, so wird allgemein prognostiziert, werden die Leidtragenden der Erderwärmung sein, denn Prävention und Anpassung kosten Geld. In Deutschland könnte der Klimawandel eine Zunahme endemischer und sich neu ausbreitender Infektionskrankheiten verursachen.

Einen besonderen Einfluss auf diesen Prozess haben aus Sicht von Prof. Dr. med. Uwe Groß, Göttingen, nicht die warmen Sommer, sondern die milden, feuchten Winter. Der Grund: Sie bieten Vektoren gute Überlebensbedingungen. Ein gutes Beispiel dafür seien Zecken. Bereits in den vergangenen Jahren seien deutlich mehr Menschen an Borreliose und Frühsommer-Meningoenzephalitis erkrankt. Auch die Zahl der Hantavirusinfektionen sei nach milden Wintern gestiegen. Dabei handelt es sich um eine fieberhafte Infektionskrankheit, die zur Thrombozytopenie und Nierenversagen führen kann. Übertragen wird sie durch Kontakt mit Urin und Kot von Nagern, beispielsweise der Rötelmaus. Gefährdet sind Menschen, die sich beruflich bedingt oder in ihrer Freizeit in Laubwäldern aufhalten. Ein gehäuftes Auftreten sei in Süddeutschland und in der Gegend um Osnabrück zu beobachten gewesen. In Niedersachsen hat die Zahl der Hantavirusfälle 2007 einen Höchststand von 93 erreicht. 2003 waren es drei.

Auch bislang nicht endemische Erkrankungen, wie das Chikungunya-Fieber, könnten in Deutschland künftig auftreten. „Die asiatische Tigermücke ist auf einem globalen Siegeszug“, betonte Groß. In Deutschland wurden die Eier erstmals 2007 am Oberrhein nachgewiesen. Sie werden durch Altreifen und Versandbehälter mit Schnittblumen weltweit verbreitet. Eine Infektion, wie in Ravenna, ist also ebenfalls in Deutschland denkbar. Das Gleiche gilt für das Dengue-Fieber. Denn auch hierfür ist Aedes albopticus ein Vektor. Voraussetzung: Es müssen infizierte Wirte da sein. Die Tigermücke ist anpassungsfähig. Sie ist tagaktiv, wird daher häufig in ihrer Blutmahlzeit unterbrochen und sticht meist viele Personen.

Auch das West-Nil-Fieber hat den Weg nach Europa gefunden. „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis in Deutschland die ersten Fälle nachgewiesen werden“, prognostiziert Groß. Das Reservoir des Virus sind Vögel, Überträgerin ist die Hausmücke (Culex pipiens).

Autochtone – also vor Ort entstandene und nicht eingeschleppte – Leishmaniose-Infektionen beim Menschen hat es in Deutschland bereits gegeben. Es handelt sich um eine häufige „Importkrankheit“ bei Hunden, die aus dem Mittelmeerraum mitgebracht werden. Übertragen wird sie von der Sandmücke (Phlebotomus), die 1999 in Baden-Württemberg nachgewiesen wurde und mittlerweile auch in anderen Gebieten anzutreffen ist.

Rückkehr der Malaria eher unwahrscheinlich
Im Zusammenhang mit dem Klimawandel wird auch immer wieder die Ausbreitung von Malaria diskutiert. Groß wies darauf hin, dass beispielsweise mit Anopheles artroparvus bereits ein Vektor für das Plasmodium vivax vorhanden sei. Auch die notwendige Temperatur zur Entwicklung sei gegeben. Trotzdem sei Deutschland seit 1951 malariafrei, bis dahin habe es autochtone Infektionen gegeben. „Die Rückkehr der Malaria nach Deutschland ist eher unwahrscheinlich“, erklärte er. Es gebe für die Vektoren kein Reservoir an infizierten Menschen. Außerdem spielten grundsätzlich auch sozioökonomische Faktoren bei den Infektionen eine Rolle, nicht nur die Temperatur.

Eine bereits reale Folge des Klimawandels ist ein veränderter Pollenflugkalender. Außerdem könnten neue Gewächse heimisch werden. Bestes Beispiel dafür ist die Ambrosia-Pflanze. „Ambrosia breitet sich explosionsartig aus und hat ein enormes allergenes Potenzial“, warnte Prof. Dr. med. Tobias Welte, Hannover. Wärme habe darüber hinaus einen Einfluss auf die Luft. Eine veränderte Partikelzusammensetzung könne die Symptomatik bei Asthma und chronisch obstruktiver Lungenerkrankung verstärken, aber auch die Allergene aggressiver machen.

Tropenkrankheiten, neue Allergene und Hitzewellen drohen: asiatische Tigermücke (Aedes albopticus), Ambrosia-Pflanze und vertrockneter Acker im Sommer 2003 (von links) Foto: Visum
Tropenkrankheiten, neue Allergene und Hitzewellen drohen: asiatische Tigermücke (Aedes albopticus), Ambrosia-Pflanze und vertrockneter Acker im Sommer 2003 (von links) Foto: Visum
Anzeige
Ob nun Hitze, Infektionen oder Allergene – die Menschen werden sich an die Veränderungen anpassen müssen. Das gilt auch für die Sonnenexposition. Die UV-Strahlung habe in Deutschland zugenommen, sagte Dr. med. Wolfgang Lensing, Hannover. Aber auch die Lebensgewohnheiten hätten zu einem deutlichen Anstieg der Hautkrebsrate geführt. Hier müsse dringend Aufklärungsarbeit geleistet werden – auch durch die Ärzte. „Bräunung ist immer das Ergebnis eines karzinogenen Prozesses“, mahnte Lensing. Der Hautarzt riet davon ab, sich gezielt der Sonne auszusetzen. Am Strand solle man sich eher an- als ausziehen. Künftig werde es zur Regel werden müssen, die Sonne insbesondere in der Mittagszeit zu meiden, außerdem zum Schutz der Augen UV-Gläser zu tragen.
Dr. med. Birgit Hibbeler

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote