ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2009Vietnam: Die stillen Opfer von Agent Orange

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Vietnam: Die stillen Opfer von Agent Orange

Merten, Martina

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Ausgeschlossen. Die vietnamesische Regierung kümmert sich kaum um Menschen mit Behinderungen. Innerhalb der Gesellschaft werden sie stigmatisiert und ausgegliedert.
Ausgeschlossen. Die vietnamesische Regierung kümmert sich kaum um Menschen mit Behinderungen. Innerhalb der Gesellschaft werden sie stigmatisiert und ausgegliedert.
Nahe der Stadt Hanoi finden behinderte Kinder und Kriegsveteranen in einem Rehadorf zumindest eine Zeitlang das, was ihnen durch den Vietnamkrieg genommen wurde: Normalität. Dieser Bericht ergänzt die Titelgeschichte in Heft 6 über das Gesundheitswesen in Vietnam.

Einen Moment lang blickt Xuyen auf, dann wendet er seinen Kopf wieder ab. Er bewegt ihn einige Zentimeter zu weit nach rechts, scheint es. Dabei zuckt sein rechter Arm, seine Pupillen drehen sich wild im Kreis. Xuyen sei nervös, erklärt Elisabeth Dabrowski, schließlich kämen nicht täglich Besucher hierher. Die Physiotherapeutin streichelt dem vietnamesischen Jungen liebevoll über den Kopf, sie sagt, er habe sich hier gut entwickelt. Sie sagt auch, Xuyen nehme mehr wahr, als auf Anhieb zu erkennen sei. Xuyen ist eigentlich kein Junge mehr, er ist 28 Jahre alt. Er wurde an diesen Ort – in das Dorf der Freundschaft – gebracht, weil er zu den geschätzten 300 000 Kindern in Vietnam zählt, die Opfer des dioxinhaltigen Entlaubungsmittels Agent Orange sind. Es sind unschuldige Kinder, die mit körperlichen Missbildungen und geistigen Behinderungen zur Welt gekommen sind. Viele Jahre nach dem Ende des Vietnamkriegs.

Das Dorf der Freundschaft hilft rund 120 behinderten Kindern auch medizinisch-therapeutisch. Foto: Martina Merten
Das Dorf der Freundschaft hilft rund 120 behinderten Kindern auch medizinisch-therapeutisch. Foto: Martina Merten
Das Dorf der Freundschaft sollte „ein Schritt hin zur Versöhnung sein“, erläutert Rosemarie Mizo, eine Versöhnung zwischen ehemaligen Feinden. Mizo ist die deutsche Frau des Dorfgründers George Mizo (Kasten „Das Dorf der Freundschaft“). Nach dessen Tod im Jahr 2002 hat sie die Leitung des Projekts übernommen. Vor mehr als zehn Jahren befand sich hier, in einem kleinen Dorf bei Van Canh in der Provinz Ha Tay, lediglich ein Reisfeld. Heute stehen auf dem 2,7 Hektar großen Gelände sechs komfortable Steinhäuser, mit Waschbecken und Toiletten. An die Steinhäuser gliedern sich mehrere Werkstätten an. Es gibt eine Klinik und einen Gymnastikraum. Zwischen den einzelnen Häusern haben freiwillige Helfer aus den USA einen Garten angelegt. Hinter dem Garten liegt ein Spielplatz. Nur wenige Meter vom Eingangstor des Dorfs entfernt verliert sich jegliche Infrastruktur, die Straße ist unbefestigt, in der Luft hängt Staub. Nur hin und wieder stehen einfache Hütten am Wegesrand.

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Wenn Kinder wie Xuyen in einer solchen Hütte zur Welt kommen, haben sie erst einmal keine Chance. Viele Eltern, weiß Mizo aus Erfahrung, verstecken ihre Kinder. Schließlich haben sie Angst vor der Reaktion der Nachbarn. Gehbehinderte Kinder müssen häufig zu Hause bleiben, weil den Eltern für einen Rollstuhl das Geld fehlt. Zentren für Behinderte seien häufig weit von der Wohnung der Kinder entfernt, ergänzt Joyce Dreezens-Fuhrke, die beim Deutschen Entwicklungsdienst (DED) in Vietnam für den Bereich Gesundheit zuständig ist. Die Kinder würden weder ärztlich betreut noch sozialpädagogisch gefördert.

Vor und nach dem Einsatz von Agent Orange – Die Aufnahme zeigt Waldgebiete rund 90 Kilometer von Saigon im Jahr 1965 (oben) und fünf Jahre später. Nur ganz wenige Bäume überlebten. Fotos: ap
Vor und nach dem Einsatz von Agent Orange – Die Aufnahme zeigt Waldgebiete rund 90 Kilometer von Saigon im Jahr 1965 (oben) und fünf Jahre später. Nur ganz wenige Bäume überlebten. Fotos: ap
Aus all diesen Gründen macht sich Dr. med. Do Thi Binh mehrmals im Jahr auf die Suche nach Kindern wie Xuyen. Sie fährt in die umliegenden Dörfer. Sie spricht mit den Menschen. Sie versucht, einen Blick in deren Wohnstätten zu werfen. Binh ist Ärztin im Dorf der Freundschaft. Sie versucht zumindest, ärztlich tätig zu sein. Die Klinik, die sich auf dem Gelände des Dorfs befinde, sei keine wirkliche Klinik, beklagt Binh. „Es gibt kaum Medikamente. Wir haben keine Krankenakten und unsere diagnostischen Möglichkeiten sind gering.“ Binh hat in Hanoi studiert. Die Entscheidung, hier zu praktizieren, habe sie „aus Leidenschaft zu den betroffenen Kindern“ getroffen, erläutert sie. Mehr Geld gebe es in Hanoi. Auf die Frage, ob die Regierung mehr Geld für die ärztliche Versorgung der hier lebenden Kinder ausgeben sollte, schweigt Binh. Auch ihr Kollege Dr. Pham Van Dem senkt nur den Kopf. Was sie sagen könnten, sei, dass es ihnen an Wissen über die medizinischen Folgen von Agent Orange mangele. Alles, was sie täten, basiere nur auf Vermutungen. Und es gebe Schätzungen von lokalen Verbänden in jeder der 63 vietnamesischen Provinzen, die sich mit den Folgen des US-amerikanischen Dioxineinsatzes im Vietnamkrieg beschäftigten.

Die 120 Kinder, die Dr. Do Thi Binh regelmäßig hierher bringt, haben dennoch großes Glück. Denn in den zwei bis drei Jahren, die sie hier verbringen dürfen, erhalten sie gutes Essen und werden ärztlich versorgt. Zweimal jährlich kommen Orthopäden und Chirurgen aus der Schweiz ins Freundschaftsdorf, um die Kinder kostenfrei zu behandeln. Darüber hinaus lernen sie, wie man Seidenblumen herstellt, auch Nähen und Sticken bringen ihnen die Mitarbeiter im Dorf bei. Außerdem können sie neuerdings lernen, am Computer zu arbeiten. Dabrowski, die Physiotherapeutin, bietet jeden Vormittag Krankengymnastik und Yogaübungen für die Kinder an. Zudem hat sie auch die lokalen Physiotherapeuten fortbilden können. Manchmal, gesteht Dabrowski ein, gehe ihr zwar vieles zu langsam, es bestünden Sprachbarrieren und unterschiedliche Vorstellungen von Arbeitsmoral. Dennoch, so glaubt Mizo, nähmen die Kinder einiges mit nach Hause. „Und wenn es nur Kleinigkeiten wie eigenständiges Waschen, Anziehen und Essen sind.“

Während Xuyen über den Innenhof des Geländes läuft, ziehen zwei alte Männer an ihm vorbei. Die Köpfe sind leicht nach vorn gebeugt, die Rücken krumm. Als Dabrowski die beiden Männer auf vietnamesisch grüßt, grüßen sie höflich zurück. Hoang Dinh In, so der Name des einen, läuft gerade zum Essenssaal. Das Mittagessen ist ein heiliges Ritual. Später, nach dem Essen, sitzt der ehemalige Kriegsveteran mit einer Zeitung auf einer einfachen Liege in einem Zimmer. Das Zimmer teilt er sich mit drei weiteren Männern. Sie dürfen ebenfalls eine Zeitlang – wenngleich nicht so lang wie die Kinder – im Dorf der Freundschaft verbringen. Auch sie dürfen sich hier erholen und werden ärztlich versorgt. Das ist wichtig, denn sie alle leiden unter Schmerzen. Mal der Kopf, mal der Rücken, mal die Gliedmaßen, berichtet In, fühlten sich zeitweise taub an. Mit diesen Schmerzen, scheint es, haben sie jedoch gelernt zu leben. Die Männer machen keinen unglücklichen Eindruck. Schön sei es, sagen sie zum Abschied, dass das Essen im Dorf gut schmecke. Und auch die Luft hier tue ihnen gut.
Martina Merten

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