ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2009DGPPN-Kongress: In Illusionswolken
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Dass die psychiatrische Identität durch die DGPPN thematisiert und gesucht wird, ist ein Meilenstein an sich schon. Dennoch wäre es geradezu ein Fortführen der bisherigen Problematik, würde man in Deutschland von einer vorhandenen Psychiatrie-Identität ausgehen. Vielmehr muss sich hier eine solche erst entwickeln. Denn die Aufspaltung der früheren Psychiater-Generationen in Psychiker/psychodynamisch Denkende und Somatiker/biologische Psychiater bis in die heutige Weiterbildergeneration hinein, muss erst einmal anerkannt und realisiert werden, sonst bewegt man sich in Illusionswolken auf dem Weg von einem Luftschloss zum nächsten. Der Facharzt für „Psychiatrie und Psychotherapie“ kam ja nur unter dem Zugzwang zustande, dass die in Deutschland nicht integrierte psychotherapeutisch spezialisierte Psychiatrie ihr Heil in einem neuen Facharzt für „Psychotherapeutische Medizin“ suchte, was dank der facharztlosen Zusatztitler „Psychotherapie“ dann zu einer mächtigen Bewegung und Interessenartikulation führte. Zudem ist in der deutschen
Psychiatrie weiterhin die geschichtlich bedingte Verschränkung mit der Neurologie tabuisiert und somit ungelöst. Die großen Verbandszeitschriften heißen demnach ja auch immer noch „Der Nervenarzt“ und „Neurotransmitter“. In der ambulanten Versorgung gilt die „Neurologie und Psychiatrie“ nach wie vor als ein gemeinsames Planungs- und Abrechnungsgebiet. Wenn Nervenarzt-Psychiater sich als Generalisten rühmen, dann ist dies häufig mit der Vorstellung verknüpft, die Psychotherapie eines Patienten sei eine Detailtherapie wie Physiotherapie, während das Beraten und Weiterüberweisen des Patienten die eigentliche Behandlung sei . . . Für ein adäquates Beschreiben und Einschätzen von Psychotherapie eignet sich das gerade nicht, es verkennt völlig die Autonomie der Behandlungssituation und die Wertigkeit in der Patientenwahrnehmung. Es braucht nicht Generalisten, die Schnittstellen verwalten und Patienten weiterschicken, vielmehr Spezialisten, die tatsächlich eine durchdachte Therapie durchführen. Und da haben dann Pharmakologie-Spezialisten genauso ihren wichtigen Platz, wenn sie denn gute und stringente Behandlungsschemata durchführen. Psychotherapie ist nicht einfach nur Reden, Pharmakotherapie ist nicht einfach nur Rezeptschreiben . . . Für die immer mehr werdenden Psychiater, welche sich rein psychotherapeutisch spezialisieren, ist es ironischerweise ein Segen, dass es die psychologische Bundes­psycho­therapeuten­kammer gibt, denn sie sehen ihre Anliegen durch die ärztlichen Fachgesellschaften überhaupt nicht artikuliert, ja vielmehr verleugnet und teilweise bekämpft. Vielleicht war dieser Kongress ein erster Schritt, aber ohne Kenntnis und Anerkenntnis der eigenen Befangenheit und der bisherigen Defizite wird Veränderung nicht möglich.
Dr. med. Thomas Sporner, Chopinstraße 27, 40593 Düsseldorf
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