ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2009Online-Umfrage: Stand der Versorgung von Gehörlosen

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Online-Umfrage: Stand der Versorgung von Gehörlosen

Krüger-Brand, Heike E.

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Über die Gebärdensprache will man möglichst viele Gehörlose für die Studie erreichen. Foto: laif
Über die Gebärdensprache will man möglichst viele Gehörlose für die Studie erreichen. Foto: laif
Eine Umfrage wendet sich mit Gebärdenvideos im Internet an Betroffene.

Ein medizinischer Notfall kann sich für gehörlose Menschen schnell zur Katastrophe entwickeln, denn viele der Betroffenen können sich verbal nicht detailliert ausdrücken, medizinisches Personal hat oft keine Erfahrung im Umgang mit Gehörlosen, und Dolmetscher sind in Notfällen kaum verfügbar. Aber auch in der „normalen“ medizinischen Versorgung – vom Arztbesuch bis zur Teilnahme an Präventionskursen – sind sie benachteiligt. Gleichzeitig liegen nur wenige sozialmedizinische Daten zur gesundheitlichen und ärztlichen Versorgung dieser Bevölkerungsgruppe vor. Das Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Universität Mainz hat deshalb eine Studie gestartet, um bei den Betroffenen den aktuellen Versorgungsstand zu ermitteln und die Situation zu verbessern (www.uni-mainz.de/FB/Medizin/asu).

So gibt es nur wenige Ärzte, die die Gebärdensprache beherrschen. Gehörlose können daher zu einem Arztbesuch einen Dolmetscher mitnehmen, der ihre Handzeichen übersetzt – die Krankenkassen übernehmen die Kosten dafür. Ob allerdings ausreichend qualifizierte Gebärdensprachendolmetscher, vor allem in ländlichen Regionen, hierfür zur Verfügung stehen, ist fraglich. Zudem dürften Barrieren bestehen, diese Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Dieser eingeschränkte Zugang zu den Leistungen der Gesundheitsversorgung betrifft in Deutschland eine relativ große Gruppe: Rund 200 000 Menschen sind ertaubt, circa eine Million Menschen hochgradig schwerhörig. Etwa 50 000 Menschen sind ohne Hörvermögen geboren oder bereits vor dem Spracherwerb ertaubt. Bei diesen können Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben vorliegen. Das Bildungsniveau der Betroffenen reicht daher von Akademikern bis hin zu Analphabeten. Allen gemeinsam ist die Gebärdensprache.

Vor diesem Hintergrund geht das Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin bei seiner Umfrage neue Wege: Um den betroffenen Personenkreis in der eigenen Sprache anzusprechen, werden die Fragen in der Gehörlosensprache gestellt und in einem Gebärdenvideo im Internet gezeigt. Die Antworten können direkt am PC angeklickt werden. Die Fragen betreffen unter anderem die Erkrankung, die Informationsbeschaffung, die Zufriedenheit mit Arzt und Krankenhaus oder Übersetzungshilfen. Auch Cochlearimplantate (CI) werden thematisiert. Viele Ärzte meinen, dass die Gebärdensprache aufgrund der Zunahme von CI aussterben werde – die Gehörlosen begleiten diese Entwicklung kritisch.

Die Umfrageteilnehmer sollen mindestens 57 von 79 Fragen beantworten. Die einzige Voraussetzung ist, dass sie Gebärdensprache sprechen. Unter www.gl-umfrage.de ist die Internetseite freigeschaltet. Bis zum Sommer 2009 sollen die Ergebnisse der Studie vorliegen. KBr
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