ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2009Erinnerungskultur: Gläubige Widerständler

KULTUR

Erinnerungskultur: Gläubige Widerständler

Dtsch Arztebl 2009; 106(9): A-411 / B-349 / C-341

Jachertz, Norbert

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Johannes Paul II. drängte die Ortskirchen dazu, die Erinnerung an die Märtyrer des 20. Jahrhunderts wachzuhalten. Die vatikanische Statistik seines Pontifikats weist 482 Heiligsprechungen auf. Foto: picture-alliance KNA
Johannes Paul II. drängte die Ortskirchen dazu, die Erinnerung an die Märtyrer des 20. Jahrhunderts wachzuhalten. Die vatikanische Statistik seines Pontifikats weist 482 Heiligsprechungen auf. Foto: picture-alliance KNA
Ein deutsches Martyrologium erinnert an katholische Märtyrer des politischen Terrors im 20. Jahrhundert, darunter Mediziner, aber auch Opfer medizinischer Experimente.

Seit 2 000 Jahren pflegt die katholische Kirche das Andenken an hervorragende Glaubenszeugen – eine uralte Variante der neuerdings so viel berufenen Erinnerungskultur. Die Liste der Seligen und Heiligen wird jedes Jahr länger. Hinzu kommen die vielen Glaubenszeugen, derer gedacht wird, die aber nicht dem streng reglementierten römischen Verfahren der Selig- und Heiligsprechung unterworfen wurden. Als besonders eifrig erwies sich der verstorbene Papst Johannes Paul II. Die vatikanische Statistik seines Pontifikats weist 482 Heilig- und 1 338 Seligsprechungen aus. Johannes Paul II. drängte die Ortskirchen 1994 zudem dazu, die Erinnerung an die Märtyrer des 20. Jahrunderts wachzuhalten („In unserem Jahrhundert sind die Märtyrer zurückgekehrt“). Schon bei seinem Besuch des KZ Mauthausen am 24. Juni 1988 hatte der Papst sich darüber besorgt gezeigt, dass wir „mit allzu großer Eile in unserem Gedächtnis und Bewusstsein die Spur der alten Verbrechen auslöschen“.

Die Ortskirchen reagierten darauf mit einer Fülle von Dokumentationen. Die wohl umfangreichste ist „Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts“ mit etwa 800 Biografien von Opfern der NS-Zeit und der Zeit des Kommunismus. Vor allem die NS-Zeit ist reich an Märtyrern. Ihre Lebensgeschichten sind in dem Martyrologium besonders gut dokumentiert. Darunter findet man auch einige Mediziner sowie viele mutige Kämpfer gegen die „Euthanasie“.

So habe der Berliner Domprobst Bernhard Lichtenberg am 26. August 1941 in einem Brief an Reichsärzteführer Leonardi Conti „in nahezu unerhörter Weise gegen die Euthanasie Stellung“ genommen, so ein Beamter des Reichskirchenministeriums. Lichtenberg habe von Conti „Rechenschaft für die Verbrechen“ gefordert, „die auf Ihr Geheiß oder mit Ihrer Beteiligung geschehen“. Der mutige Priester starb auf dem Transport ins KZ Dachau.

Der Pfarrer Heinrich Feurstein aus Donaueschingen kam im Juni 1942 in die Priesterbaracke des KZ Dachau und starb dort bereits im August. Feurstein hatte zu Neujahr 1942 gegen den Krankenmord gepredigt: „Nachdem sich vor eineinhalb Jahren bekanntlich in sämtlichen Anstalten für Geisteskranke und Geistesschwache schlagartig eine Seuche eingestellt hat, . . . geht der Kampf gegen das sogenannte lebensunwerte Leben zum Teil in hemmungsloser Weise weiter. Wenn der Arzt glaubt, daß ein Kranker hoffnungslos krank ist, soll er ihn künftig mit einer Giftspritze in ein anderes Leben befördern dürfen.“

Das Martyrologium erinnert auch an die Medizinstudierenden der Weißen Rose und tut damit einen zaghaften ökumenischen Schritt, denn nicht alle Mitglieder dieser Widerstandgruppe waren katholisch. Solcher Schritte gibt es nur wenige, leider, ist doch das Martyrium nicht konfessionsgebunden.

Die Ärztin Lisamaria Meirowsky kam aus einer Kölner jüdischen Familie. Sie selbst war konvertiert. Ihr Vater Emil leitete bis 1933 die Kölner Ärztekammer und emigrierte in die USA, während die Tochter sich in die Niederlande rettete. Sie, eine Jüdin wurde ins holländische KZ Westerbork gebracht; die Konversion zählte nicht. Im KZ arbeitete sie bis zum Abtransport nach Auschwitz als Lagerärztin. Dort verliert sich ihre Spur.

Viele wurden auch Opfer von medizinischen Experimenten, so im KZ Dachau unter anderem der Redemptoristenpater Josef Averesch, der Kaplan Fritz Keller und Vikar Heinrich König. Bei genauerer Betrachtung der Biografien fällt auf, dass viele keine hochgestellten Kirchenvertreter sind. Diese wurden oft von falschen Freunden oder Spitzeln denunziert. Der Herausgeber des Martyrologiums, Helmut Moll („Beauftragter für Selig- und Heiligsprechungsverfahren im Erzbistum Köln“), spricht offen ein vielfältiges Versagen der Kirche an. Diesem stünden aber heroische Glaubenszeugnisse gegenüber. „Die Kirche rühmt sich ihrer Zeugen nicht“, versichert Prälat Moll, „um damit eigenes Versagen vergessen zu machen, ist aber dankbar, dass es sie gibt.“
Norbert Jachertz

Zeugen für Christus. Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts. Herausgegeben im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz, Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn, 4., vermehrte und aktualisierte Auflage 2006, 2 Bände, LXXIV+1462 Seiten, 74 Euro
Im selben Verlag ist eine kurz gefasste Einführung („Die katholischen Märtyrer des 20. Jahrhunderts. Ein Verzeichnis“, 4. Auflage 2006, 100 Seiten) erschienen. 7,90 Euro
Helmut Moll: Martyrium und Wahrheit. Zeugen Christi im 20. Jahrhundert. Gustav-Siewerth-Akademie, Weilheim-Beierbronn, 3., aktualisierte Auflage 2007, 238 Seiten, 13,50 Euro
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