ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2009Antidepressiva: Nebenwirkungsprofil individuell beachten

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Antidepressiva: Nebenwirkungsprofil individuell beachten

Dtsch Arztebl 2009; 106(9): A-414

Simm, Michael

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LNSLNS Schlafstörungen, Gewichtszunahme und sexuelle Dysfunktion sind für die Patienten von Bedeutung.

Zwei von fünf depressiven Patienten leiden unter den Nebenwirkungen ihrer Medikation, so das Ergebnis einer Internetbefragung, die am Rande des 21. Kongresses des European College of Neuropsychopharmacology (ECNP) in Barcelona, Spanien, vorgestellt wurde. Schläfrigkeit, sexuelle Funktionsstörungen und Gewichtszunahme seien dabei unter den 212 deutschen und spanischen Teilnehmern der Erhebung die am häufigsten genannten Gründe zur Besorgnis gewesen, referierte Prof. Michael Bauer (Universitätsklinikum Dresden).

Umfrage: 30 Prozent der Patienten wechseln Therapie
„Diese Nebenwirkungen können die Lebensqualität der Patienten beträchtlich vermindern und einen Teufelskreis erzeugen, der die Behandlung der Grunderkrankung noch schwerer macht“, sagte der Wissenschaftler. Mehr als 30 Prozent der Teilnehmer an der Internetbefragung gaben an, wegen dieser und weiterer Nebenwirkungen zu einer anderen Therapie gewechselt zu haben.

Bauer zitierte in diesem Zusammenhang eine Metaanalyse, basierend auf sechs randomisierten kontrollierten Studien mit insgesamt 632 depressiven Patienten, die eine Remission erreicht hatten. Hier waren residuelle Schläfrigkeit und Fatigue bei mehr als 30 Prozent derjenigen Studienteilnehmer beobachtet worden, die einen selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) erhalten hatten, gegenüber 20 Prozent derjenigen, die ihre Remission mit Bupropion erzielt hatten.

Bupropion ist ein spezifischer Noradrenalin- und Dopamin-Wiederaufnahmehemmer, der in den USA erstmals 1985 zugelassen wurde und in retardierter Formulierung (XL) in Deutschland Anfang 2007 als Elontril® auf den Markt kam.

In einer zweiten Metastudie, auf die Bauer verwies, waren die gepoolten Daten von annähernd 750 Patienten unter den SSRI Fluoxetin, Sertralin und Paroxetin hinsichtlich der Nebenwirkung Somnolenz mit denen einer gleich großen Gruppe unter Bupropion verglichen worden. Auch hier hatte sich Bupropion mit drei Prozent gegenüber den SSRI (zwölf Prozent) als hochsignifikant überlegen erwiesen.

Die Nebenwirkung Schlaflosigkeit (Insomnie) wurde jedoch in den beiden Gruppen mit 16 versus 17 Prozent (SSRI versus Bupropion) annähernd gleich häufig beobachtet und lag signifikant über dem Placeboniveau von sieben Prozent. Unter den Nebenwirkungen, die für jeweils mehr als ein Zehntel der Studienteilnehmer berichtet wurden, gab es weiterhin signifikante Unterschiede zugunsten von Bupropion (Durchfall: acht versus 18 Prozent) und zugunsten der SSRI (Mundtrockenheit: 16 versus 21 Prozent). In beiden Metaanalysen waren auch Patienten vertreten, die Bupropion in höheren Dosierungen erhalten hatten, als sie in Europa lizenziert sind.

Wie Bauer berichtete, ist auch die Inzidenz sexueller Dysfunktionen in klinischen Studien mit Bupropion signifikant geringer gewesen als für Fluoxetin, Paroxetin, Sertralin, Escitalopram und Venlafaxin. „Die Wahl des Antidepressivums muss daher gemäß den Symptomen der individuellen Patienten maßgeschneidert werden, wobei die wahrscheinlichen Nebenwirkungen bestimmter Therapien zu berücksichtigen sind“, empfahl Bauer.

Prof. Angel Luis Montejo (Universitätsspital Salamanca/Spanien) verwies auf die mögliche Gefährdung des Therapieerfolgs durch sexuelle Funktionsstörungen infolge von Arzneimittelnebenwirkungen. „Dieses Problem wird häufig unterschätzt, weil die Patienten nicht gerne über das Thema reden“, so Montejo. In einer eigenen Erhebung mit fast 1 400 Patienten unter SSRI fand der Psychiater heraus, dass nur 20 Prozent spontan über sexuelle Dysfunktionen berichteten. Wurden die Patienten jedoch anhand eines speziellen Fragebogens auf das Thema angesprochen, verdreifachte sich der Anteil derjenigen mit sexuellen Funktionsstörungen auf 60 Prozent.

Als eine Option für den Umgang mit diesem Problem nannte Montejo die Umstellung von SSRI auf ein anderes Antidepressivum. Hier könne Mirtazapin eine Normalisierung sexueller Funktionen bewirken, und auch Bupropion sowie Reboxetin zeigten im Vergleich zu SSRI und Venlafaxin wenig nachteilige Effekte bei gleich guter Wirksamkeit.
Michael Simm

Medical Media Briefing „Patient Priorities in Depression and Insomnia“ und Satellitensymposium „Towards remission – balancing efficacy and tolerability“ in Barcelona, Veranstalter: Glaxosmithkline
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