ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2009Arzt ignorierte Krankenvorgeschichte

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Arzt ignorierte Krankenvorgeschichte

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LNSLNS Ein Arzt ist auch während seines nächtlichen Bereitschaftsdienstes verpflichtet, eine Patientin sorgfältig zu untersuchen und dann erst über die Behandlung zu entscheiden. Das hat das Berufsgericht für Ärzte in Stuttgart entschieden.

Der beschuldigte Facharzt wurde gegen 23.15 Uhr vom Nachtpersonal eines Altenpflegeheims angerufen, da eine Bewohnerin über Bauchschmerzen klagte. Ohne weiter nachzufragen, verordnete er 25 Tropfen Novalgin und 25 Tropfen MCP. Die Pflegekräfte entnahmen die verordneten Tropfen aus dem Bestand anderer Patienten. Dass die zu versorgende Patientin erst kurz zuvor nach einer Darmoperation aufgenommen worden war, die nach einem Dünndarmdurchbruch notwendig wurde, und sie weiter wegen einer arteriellen Embolie des rechten Beins operiert worden war, erfuhr der Facharzt nicht. Er hatte sich nicht nach der Krankenvorgeschichte erkundigt.

Nachdem sich der Zustand der Patientin zunächst verbessert hatte, klagte sie gegen 4.45 Uhr erneut über Bauchschmerzen und bat dringend um einen Besuch des Arztes. Auch jetzt erkundigte sich dieser nicht nach ihrer Vorgeschichte, sondern diagnostizierte telefonisch eine Magen-Darm-Grippe und verordnete erneut die Tropfengabe. Der Hausarzt der Patientin wurde gegen 8.30 Uhr aus der Sprechstunde heraus zu seiner Patientin ins Pflegeheim gerufen. Sie befand sich bei nicht messbarem Blutdruck im Schockzustand und klagte über diffuse Bauchschmerzen; am selben Tag verstarb sie.

Der beschuldigte Arzt, der sich berufswidrig verhalten hatte, hat eingestanden, dass sein Handeln fehlerhaft war. Zwar ist ihm nicht vorzuwerfen, dass sein Verhalten eine der Ursachen für den Tod der Patientin war. Jedoch hatte er die schwerkranke Frau nicht sorgfältig untersucht, sondern mit einer schnellen Diagnose bei unterschwellig erkennbarem Unwillen über den Anruf aus dem Pflegeheim versucht, sich seiner Verantwortung zu entledigen. Da der Arzt bislang berufsrechtlich nicht aufgefallen ist, erschien dem Berufsgericht jedoch eine Geldbuße in Höhe von 2 000 Euro als ausreichend. (Urteil vom 22. Oktober 2008, Az.: BGÄS 13/08) RAin in Barbara Berner
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