ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2009Gesundheitspolitik: Stiefkind Vorsorge

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Gesundheitspolitik: Stiefkind Vorsorge

Richter-Kuhlmann, Eva

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Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik in Berlin
Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik in Berlin
Obwohl es längst überfällig ist, wird ein Präventionsgesetz bis zu den Bundestagswahlen im September nicht mehr verabschiedet werden. Damit wird es zu den Vorhaben der schwarz-roten Regierung gehören, die im Koalitionsvertrag vereinbart waren, aber in dieser Legislaturperiode nicht umgesetzt werden. Das ist bedauerlich. Denn das gesundheitspolitische Stiefkind Gesundheitsvorsorge ist ebenso wichtig wie die Gesundheitsversorgung.

Das Beispiel USA (wo weltweit die meisten Mittel für Gesundheit aufgewendet werden) zeigt, dass der Gesundheitszustand einer Bevölkerung nicht unbedingt mit den Pro-Kopf-Ausgaben für Gesundheit korreliert. Dort wie hier senken sogenannte Zivilisationskrankheiten die Lebenserwartung der Bevölkerung. Allein das Übergewicht als Risikofaktor für verschiedene Erkrankungen hat in den letzten Jahren stark zugenommen: 75 Prozent der Männer, 58 Prozent der Frauen und sechs bis 20 Prozent der Kinder sind in Deutschland der International Association for the Study of Obesity (IASO) zufolge übergewichtig und büßen dadurch mehrere Jahre Lebenserwartung ein.

„Wenn es zwischen der Versorgung durch die gesetzliche und die private Kran­ken­ver­siche­rung einen Unterschied von zehn Jahren Lebenserwartung gäbe, wäre der Aufschrei groß. Wenn jedoch durch unterlassene Vorsorgemaßnahmen den Menschen zehn Jahre Lebenserwartung verloren gehen, so stört dies offensichtlich niemanden“, brachte es Prof. Dr. jur. Stefan Huster, Universität Bochum, beim Bioethikforum des Deutschen Ethikrats am 25. Februar in Berlin auf den Punkt. Zu häufig werde die Gesundheitspolitik auf die Versorgungspolitik reduziert, anstatt Vorsorgepolitik zu betreiben, beklagte er.

Staatliche Vorsorge ist jedoch nicht unproblematisch: Selbstbestimmte Entscheidungen des Einzelnen – und somit auch mögliches Risikoverhalten – müssen in einer freiheitlichen Gesellschaft akzeptiert werden. Allerdings ist die individuelle Lebensführung nur ein Faktor bei der Entstehung von Krankheiten. Beeinflusst wird der Gesundheitszustand weiterhin von der Genetik, der Umwelt, dem Lebensstil und einem sozialen Gradienten. Bei einigen dieser Faktoren darf sich der Staat keineswegs aus der Verantwortung nehmen. Der Philosoph am britischen Nuffield Council on Bioethics, Dr. Harald Schmidt, befürwortet deshalb eine Kombination von staatlicher Fürsorge und individueller Selbstbestimmung.

Darüber, wie staatliche Gesundheitsvorsorge konkret aussehen sollte, sind sich viele Experten mittlerweile einig: „Durch Kampagnen, die auf individuelle Prävention abzielen, wird nur wenig erreicht, weil die Lebensverhältnisse dagegenstehen“, sagte Priv.-Doz. Dr. med. Julika Loss vom Institut für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften der Universität Bayreuth. Sinnvoller sei es deshalb, Lebenswelten zu schaffen, die gesundheitsbewusstes Verhalten förderten.

Ziel eines deutschen Präventionsgesetzes muss es deshalb vor allem sein, Präventionsangebote in sozialen Brennpunkten sowie in Kindergärten und Schulen zu etablieren („Setting-Maßnahmen“). Gleichzeitig müssen Ärztinnen und Ärzte, die Primärprävention betreiben, besser unterstützt werden. Zu glauben, dass solch ein integrativer Ansatz in Deutschland einfach zu verwirklichen ist, wäre allerdings Augenwischerei. Dies zeigt das bereits zweimalige Scheitern des Präventionsgesetzes. Jetzt besteht jedoch Hoffnung, dass wieder Bewegung in das Anliegen kommt: Die Union ist zu erneuten Gesprächen mit der SPD bereit, die ihren ursprünglichen Vorschlag einer von allen Sozialkassen getragenen Präventionsstiftung fallen lassen will.
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