ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2009Arbeitssituation von Ärztinnen und Ärzten: Mehr Zeit für die Familie gewünscht

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Arbeitssituation von Ärztinnen und Ärzten: Mehr Zeit für die Familie gewünscht

Rabbata, Samir

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LNSLNS Schlechte Arbeitsbedingungen verleiden vielen Ärzten den Spaß an der Arbeit. Die Bundes­ärzte­kammer will dies ändern und den Ursachen mit Forschungsprojekten auf den Grund gehen. Erste Ergebnisse diskutierten Experten bei einer Tagung.

Zu viel getrunken hat die 49-jährige Chirurgin schon länger. Schichtarbeit, überlange Arbeitszeiten, Zeitdruck und die Doppelbelastung von Beruf und Familie ließen sich so besser ertragen. Erst als sich vor fünf Jahren der Ehemann umbrachte, ein Chefarzt, der ebenfalls Probleme am Arbeitsplatz hatte, gab es für sie kein Halten mehr. Das Trinken gehörte seitdem zum Alltag, so lange, bis es nicht mehr ging und die Ärztin selbst zur Patientin wurde.

Ärzten falle es schwerer als Angehörigen anderer Berufsgruppen, eine Erkrankung und erst recht eine Suchterkrankung anzuerkennen. Viele hielten sich für unverwundbar, meint Prof. Dr. med. Götz Mundle, Chefarzt an der Oberbergklinik Schwarzwald. Dabei würden die enormen Belastungen im Job an der Gesundheit vieler Kollegen zehren.

Vom Fall der suchtkranken Chirurgin berichtete der Psychiater bei einer von der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) in Zusammenarbeit mit der Medizinischen Hochschule Hannover und der Ludwig-Maximilians-Universität München organisierten Tagung unter dem Titel „Arbeitsbedingungen und Befinden von Ärztinnen und Ärzten“. Dabei wurde deutlich, dass immer mehr Ärzte in Klinik und Praxis über schlechte Arbeitsbedingungen, Zeitdruck und Bürokratie klagen.

Druck am Arbeitsplatz führt zu Depression und Burn-out
„Vor allem Klinikärzte in Weiterbildung berichten von häufigen Arbeitsunterbrechungen, hohem Zeitdruck sowie einer ausgeprägten Arbeitsmenge“, erläuterte Dr. med. Peter Angerer. Der Arbeitsmediziner von der Ludwig-Maximilians-Universität leitet das Forschungsprojekt „ÄsQuLAP“ (Ärzte steigern Qualität und Leistung durch Arbeitsfreude mit Patienten). Für die von der Bundes­ärzte­kammer im Rahmen ihrer Förderinitiative zur Versorgungsforschung in Auftrag gegebene Untersuchung befragten die Forscher mehr als 500 Ärzte zu ihrer Arbeits- und Gesundheitssituation. Das Ergebnis: Jeder zehnte Arzt in Weiterbildung neigt zu Depression. Burn-out, Angstzustände und Suizidgedanken kommen ebenfalls häufig vor.

Fuchs: Die ökonomischen Rahmenbedingungen ändern
Prof. Dr. Eberhard Ulich vom Institut für Arbeitsforschung und Organisationsberatung in Zürich wies darauf hin, dass die Arbeitssituation von Ärzten nicht nur negativ gesehen werden dürfe. Viele junge Menschen entschieden sich für den Beruf, weil er nach wie vor ein hohes Ansehen genieße und hohe fachliche Anforderungen verlange. Allerdings kollidierten die positiven Rollenerwartungen, die Patienten ihren Ärzten entgegenbrächten, mit den begrenzten zeitlichen Möglichkeiten der Mediziner. Die Folge: Fast jeder dritte Arzt glaube, er könne auch unter Stress noch gut arbeiten. Tatsächlich führten überlange Arbeitszeiten im Medizinbetrieb zu hohen Risiken, ohne dass dadurch Kosten gesenkt würden.

Für den Hauptgeschäftsführer der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Christoph Fuchs, wird anhand der Forschungsergebnisse deutlich, „wie sehr die ökonomischen Rahmenbedingungen einen negativen Einfluss auf die Berufsausübung und die Patient-Arzt-Beziehung haben“. Diese Rahmenbedingungen seien jedoch veränderbar.

Die BÄK arbeitet bereits daran, die Situation zu verbessern. So wird im Rahmen des ÄsQuLAP-Projekts anhand eines Modellkrankenhauses untersucht, wie die angespannte Arbeitssituation entschärft werden kann. Gemeinsam mit Ärzten und Patienten analysierten die Forscher Schwachstellen und bauten ärztliche Qualitätszirkel auf, in denen Fragen der Arbeitsgestaltung und Organisationsentwicklung diskutiert werden. Zudem entwickelten die Wissenschaftler Trainings, um die Kommunikation von Ärzten mit Patienten zu verbessern. Die Angebote seien gut angenommen worden, so Angerer.

Verhältnis von Arbeit und Freizeit neu austarieren
Auch Ulich betonte, nur wenn die „Work-Life-Balance“, also das Verhältnis zwischen Arbeitszeit und Freizeit, gut austariert werde, steige die Attraktivität des Arztberufs. „Für junge Ärzte ist vor allem wichtig, dass sie Familie und Beruf miteinander in Einklang bringen können. Geld und Karriere sind dem nachgeordnete Ziele“, sagte Ulich.

Das Projekt der BÄK soll der Politik beim Umsteuern helfen. So ist das Thema „Arbeitsbedingungen und Befinden von Ärztinnen und Ärzten“ eines der drei großen Felder, die die Bundes­ärzte­kammer im Rahmen ihrer Förderinitiative zur Versorgungsforschung ausgeschrieben hat.

Sämtliche Symposiumsbeiträge werden im zweiten Band des „Reports Versorgungsforschung“ veröffentlicht.
Samir Rabbata
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