ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2009Arztgeschichte: Honny soit qui mal y pense

SCHLUSSPUNKT

Arztgeschichte: Honny soit qui mal y pense

Klöpper-Auffermann, Annette

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Zeichnung: Elke R. Steiner
Zeichnung: Elke R. Steiner
„Die Tochter wird Margarete heißen. Das war mir noch nie passiert. Ich freue mich sehr.“

Ein Paar angolanischer Herkunft sitzt mir in meiner gynäkologischen Praxis gegenüber. Die Patientin spricht nur portugiesisch. Er spricht gebrochenes Deutsch und arbeitet am Flughafen; stolz berichtet er, dass er dort die großen (Reinigungs-)Maschinen bedient. Er erzählt von dem seit mehreren Jahren bestehenden Kinderwunsch; seine Frau ist 32 Jahre alt und hat, soweit ich es verstehe, einen etwas verkürzten, regelmäßigen Zyklus. Außer einer nicht näher in Erfahrung zu bringenden Bauchoperation gibt es keine Auffälligkeiten. Diagnostik inklusive der Hormone, der Durchgängigkeit der Eileiter, Beratung über das Konzeptionsoptimum und urologische Diagnostik beim Mann; es ergeben sich keine krankhaften Befunde außer einer diskreten Follikel-Reifungsstörung. Zu allen Terminen kommen die beiden zu zweit. Die Patientin bringt mir schön gemusterten angolanischen Stoff mit, freundlich lächelt sie mich an. Ich lächle zurück; Portugiesisch kann ich nicht. Aber wir verstehen und mögen uns und drücken uns das „sprachlos“ aus.

Einmal sagt sie zu ihrem Mann: „Medico e un anjo“ („Der Doktor ist ein Engel“.) Balsam auf meine kassenärztliche Seele, das verstehe ich dann auch. Schließlich entscheide ich mich zur Gabe von einem Eireifungsmittel in niedriger Dosis und kläre über die Einnahme, die Ultraschalluntersuchungen und Nebenwirkungen auf, gebe ein Ärztemuster in die Hand. Nächster Besuch: „Frau Doktor, Ihre Tabletten haben geholfen“, und schiebt die Packung zurück über den Schreibtisch; zerstreut nehme ich sie in die Hand. Ja, ich weiß, dass ich keine Packungen zurücknehmen darf. Alle zehn Tabletten sind noch vorhanden. „Aber Ihre Frau hat ja gar keine genommen . . .?“ – „Sie sagten doch, dass sie sie neben das Bett legen soll.“ Hatte ich überhaupt das Wort Bett benutzt, als ich über die Einnahme sprach? Ohne Bedeutung; der Kinderwunsch ist in Erfüllung gegangen.

Die Schwangerschaft verläuft glücklich. Als wir im Ultraschall sehen, dass es ein Mädchen ist, übersetzt er mir ihre Frage, wie ich denn mit Vornamen heiße: Annette. Verständnislose Gesichter. Mir fällt mein zweiter Name ein: „Margarete!“ Die Tochter wird Margarete heißen. Das war mir noch nie passiert. Ich freue mich sehr. Die bereits vergebenen Kontrolltermine am Ende der Schwangerschaft nimmt sie nicht mehr wahr.

Ein halbes Jahr später treffe ich den Mann auf mich wartend an der Anmeldung; er schenkt mir ein Babyfoto von Margarete. Was war passiert? „Meine Frau war in Lissabon und die Fluggesellschaft wollte sie hochschwanger nicht mehr mit zurücknehmen; sie hat das Baby in Portugal geboren und ist da geblieben.“ Nun gut. Andere Kulturen, eine Fernfamilie, warum aber?

Acht Jahre später; natürlich habe ich Margarete und ihre Eltern nicht vergessen. Margarete lernt ihre Namensgeberin kennen. Meine Arzthelferinnen erinnern sich gar nicht und präsentieren mir eine leere Karteikarte für die Mutter: „Nein, die Patientin war noch nie hier, ist nicht mal im PC.“ PC hin und her, ich kenne sie doch. Der Name kommt mir aber wirklich unbekannt vor; Margarete ist acht Jahre alt, die Mutter laut Chipkarte jetzt 36. Frage an den Mann: „Ihre Frau hieß doch anders?“ „Ah, das wurde in Angola und dann in Portugal alles falsch geschrieben.“ „Aha.“

Sie kommen mit dem Wunsch nach einem weiteren Kind. Mittlerweile hat sich ein großer Uterus myomatosus entwickelt, der diesem Anliegen eindeutig entgegensteht. Ich erkläre es geduldig und während ich spreche, beginne ich zu ahnen, was sich in diesem Zusammenhang abgespielt hat: Die portugiesische Frau ohne Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland besucht ihren Mann oder Freund, borgt sich von einer Bekannten die Chipkarte, fliegt zur Entbindung nach Portugal zurück, hat erneuten Kinderwunsch, Fortsetzung folgt gerade jetzt.

Ich prüfe meine gefühlsmäßigen Reaktionen. Ärger? Empörung? Nichts ist festzustellen in meinem Herzen. Und meine Pflichten gegenüber den Krankenkassen? Thema Chipkarten-Missbrauch? Gibt es Vorschriften, Vordrucke? Was habe ich als Kassenärztin jetzt zu tun? Mein wehmütig gefärbter Wunsch lautet: „Meine Margarete noch einmal wiederzusehen . . . in sieben Jahren oder zehn?“
Annette Klöpper-Auffermann
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema