ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2009Arbeitsmedizin: Wie Stress auf Dauer das Herz schädigt

MEDIZINREPORT

Arbeitsmedizin: Wie Stress auf Dauer das Herz schädigt

Dtsch Arztebl 2009; 106(10): A-448

Heinzl, Susanne

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Psychische Dauerbelastung begünstigt ungesunden Lebensstil, aktiviert aber auch direkt neuroendokrine Funktionen.

Das Auftreten einer koronaren Herzkrankheit (KHK) wird durch Stress am Arbeitsplatz begünstigt, diese Erkenntnis ist nicht neu. Unklar waren bislang die genauen zugrunde liegenden Mechanismen. In einer britischen Studie wurden deshalb folgende Fragen untersucht: Steigt bei höherem Stress am Arbeitsplatz die Inzidenz der koronaren Herzkrankheit und der Risikofaktoren? Ist dieser Zusammenhang bei der arbeitenden Bevölkerung ausgeprägter? Wirkt Stress am Arbeitsplatz direkt durch eine Aktivierung neuroendokriner Mechanismen und/oder indirekt durch risikoreicheres Verhalten der Betroffenen?

Die Untersuchungen sind Teil der sogenannten Whitehall-II-Studie, in der 10 308 Angestellte in London seit 1985 beobachtet werden. Die Teilnehmer wurden zu verschiedenen Zeitpunkten klinisch untersucht und/oder mussten einen Fragebogen ausfüllen:
- Phase 2: 1989 bis 1990
- Phase 3: 1991 bis 1993
- Phase 4: 1995
- Phase 5: 1997 bis 1999
- Phase 6: 2001
- Phase 7: 2002 bis 2004

Als KHK wurde ein tödliches Koronarereignis oder ein Herzinfarkt mit oder ohne Angina pectoris eingestuft. Als weitere Risikofaktoren wurden Alkoholkonsum, körperliche Aktivität, Rauchen und ungesunde Ernährung registriert. Im Mittel wurde ein Zeitraum von zwölf Jahren erfasst (Eur H Journal 2008; 29: 640–8).

In Phase 7 lebten noch 9 692 Teilnehmer und 6 484 kamen zur klinischen Untersuchung. 7 721 Teilnehmer hatten in Phase 2 angegeben, dass sie in Phase 1 und 2 unter Stress am Arbeitsplatz litten. Sie litten in Phase 7 häufiger unter KHK als die entsprechenden Vergleichsteilnehmer. Je größer der Stress war, umso höher die KHK-Wahrscheinlichkeit.

Von einer KHK betroffen waren allerdings vorwiegend jüngere Arbeitnehmer. Die Teilnehmer, die in Phase 2 zwischen 37 und 49 Jahre alt waren, hatten ein deutlich höheres KHK-Risiko mit einer klaren „Dosis-Wirkungs-Beziehung“: je mehr Stress, desto höher das Risiko.

Ältere Teilnehmer, die in der Phase 2 zwischen 50 und 60 Jahre alt waren, zeigten nur eine geringe Assoziation zwischen Stress und KHK. Erklärt wird dies unter anderem damit, dass sich bei den Senioren durch den Ruhestand die Lage wieder entspannte und damit auch das KHK-Risiko sank. Hinzu kommen altersbedingte andere Risikofaktoren für eine KHK, durch die die Bedeutung von Stress am Arbeitsplatz als Risikofaktor sinkt.

Höherer Stress am Arbeitsplatz ging mit einer höheren Inzidenz des metabolischen Syndroms einher. Berechnungen ergaben, dass das metabolische Syndrom einen Anteil von etwa 16 Prozent am erhöhten KHK-Risiko durch Stress am Arbeitsplatz hat.

Die Gestressten aßen weniger Obst und Gemüse, bewegten sich weniger und waren häufiger übergewichtig. Außerdem tranken die Gestressten kaum Alkohol. Stress verringerte die Herzfrequenz-Variabilität und erhöhte die Cortisolspiegel am Morgen. Dies deutet auf direkte Wirkungen von Stress auf das autonome Nervensystem und neuroendokrine Funktionen hin.

Fazit: Dauerstress am Arbeitsplatz schadet der Gesundheit. Diese Erkenntnis ist zwar nicht völlig neu, in der aktuellen Studie mit einer großen Teilnehmerzahl konnte aber eine eindeutige Beziehung zwischen Stress und KHK gezeigt werden. Nicht unbedingt erstaunlich, weil schon fast selbstverständlich: neuroendokrine Mechanismen und Verhaltensfehler spielen eine Rolle.

Wer frustriert ist, isst mehr; wer gestresst ist, mag sich nicht noch zusätzlich viel bewegen. Das wissen wir schon lange, aber dieser Zusammenhang ist jetzt von der Arbeitsgruppe um Tarani Chandola in London wissenschaftlich korrekt nachgewiesen. Erstaunlich allerdings der Befund zum Alkoholkonsum, den man sich nach der Lebenserfahrung anders vorgestellt hat.

Immerhin: Der deutschen Arbeitsagentur ist der Zusammenhang zwischen Gesundheitsschädigung und Stress am Arbeitsplatz offenbar schon länger klar. Arbeitnehmer, die aus gesundheitlichen Gründen, zum Beispiel wegen Mobbing, kündigen und eine entsprechende ärztliche Bescheinigung vorweisen können, unterliegen nicht der sonst üblichen Sperrfrist bei der Bewilligung von Arbeitslosengeld.
Dr. rer. nat. Susanne Heinzl

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