ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2009Patientenverfügung: Aus der Urologie
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. . . Ich bezweifle den Sinn einer Patientenverfügung. Grundsätzlich wäre es schön, wenn man eine Grundlage für grenzwertige Entscheidungen hätte, wenn der Betroffene sich selbst nicht mehr äußern kann. Die Patientenverfügung ist dazu aber nicht tauglich. Ich muss dies am Beispiel erläutern. In der Urologie gibt es immer wieder einmal eine Krankheitssituation, wo ein maligner Tumor durch retroperitonäales Wachstum oder Metastasen beide Harnleiter verlegt und durch Harnstau zur Urämie führt, die unbehandelt tödlich endet. Der Patient erlebt dann das fortschreitende Wachstum, die zunehmende Metastasierung des Tumors nicht mehr, er trübt ein und entschläft – im Vergleich zum Tod durch einen metastasierten Tumor ein sanfter Tod. Nun gibt es die Möglichkeit, durch Einlage eines Harnleiterkatheters eine der Nieren zu entlasten, die Urämie abzuwenden und ein Weiterleben zu ermöglichen, bis der Tumortod (mit Metastasenschmerz und Tumorkachexie) eintritt. Das ist die klassische „Verlängerung“ nach dem Sprachgebrauch im Volksmund, die allenthalben von der Bevölkerung in den Diskussionen abgelehnt wird. Ich habe in achtundzwanzig Jahren Urologie zahlreiche solche Situationen erlebt, und oft wurde den Betroffenen zur Wahl gestellt, diesen Weg zu gehen oder den Harnweg zu entlasten. Jedes Mal entschied sich der Patient für die Nierenentlastung, sodass ich sagen kann, dass es die Entscheidung gegen eine „Verlängerung“ in der Wirklichkeit nicht gibt, obwohl ja alle allenthalben in gesunden Tagen sich so lauthals gegen sie aussprechen. Nun zurück zur Patientenverfügung: Wie muss ein Schriftstück aussehen, das uns in die Lage versetzt, für den bewusstlosen Patienten im Grenzbereich eine Entscheidung zu fällen, die er bei vollem Bewusstsein selbst nicht zu fällen in der Lage ist?!
Dr. Gottlob Flier, Schulkoppel 18, 24976 Handewitt
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