ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2009Filmkritik: „Es war so einfach“

KULTUR

Filmkritik: „Es war so einfach“

Osterloh, Falk

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Der Film „Sieben Tage Sonntag“ zeigt den Mord an zwei Passanten als universelle Studie über die Entstehung von Gewalt.

Nicht selten werden Ärztinnen und Ärzte mit den Folgen körperlicher und seelischer Gewalt konfrontiert. Von ihnen wird erwartet, die Unversehrtheit des Patienten wiederherzustellen. Doch wie entsteht Gewalt? Ist sie in der Natur eines jeden Menschen angelegt, oder ist sie eine krankhafte Anomalie? Über die Ursprünge von Gewalt, insbesondere wenn sie von männlichen Jugendlichen verübt wird, wurde viel diskutiert, die Schuld unter anderem bei schlecht verarbeiteter Reizeinwirkung von außen gesucht, zum Beispiel bei Gewalt verherrlichenden Videospielen oder Filmen. Der Regiedebütant Niels Laupert liefert mit dem Film „Sieben Tage Sonntag“, für den er auch das Drehbuch geschrieben hat, seinen Beitrag zu dieser Diskussion.

Adam und Tommek wohnen in einer Plattenbausiedlung. Sie treffen sich mit ihrer Clique auf den Vorplätzen aus Sichtbeton und trinken Bier. Seit sie nicht mehr zur Schule gehen, ist für sie jeder Tag Sonntag. Tommek spielt gern den Anführer, kommandiert mit rauem Ton die anderen herum und macht der blonden Sara unzweideutige Avancen. Auch Adam ist in Sara verliebt, doch er ist zu schüchtern, um es ihr zu zeigen. Und dann sind sie nachts auf einer Party, wie so oft. Alkohol und Eintönigkeit verwandeln Lebensfreude in Ödnis. Und dann gehen sie los, aus einer plötzlichen Laune heraus, Adam und Tommek, und sie töten Menschen. Es sind Passanten, die ihnen zufällig begegnen, die sie noch nie gesehen haben. Sie tun es schlicht, um es getan zu haben. Und hinterher wird Adam sagen: „Es war so einfach.“

Alkohol und Eintönigkeit haben die Lebensfreude von Adam, der sich mit seiner Clique auf den Vorplätzen aus Sichtbeton trifft, in Ödnis verwandelt. Fotos: Timebandits Films
Alkohol und Eintönigkeit haben die Lebensfreude von Adam, der sich mit seiner Clique auf den Vorplätzen aus Sichtbeton trifft, in Ödnis verwandelt. Fotos: Timebandits Films
Manchmal sieht man Filme, bei denen man den Eindruck hat, der Drehbuchautor hätte ein wenig übertrieben und die dargestellten Aktionen seien nicht so recht glaubwürdig. Dieses Gefühl entsteht, weil im Kino zumeist Geschichten mit bestimmten Kausalitätsketten gezeigt werden, bei denen die Aktionen der Charaktere einen Sinn ergeben. Wenn sie auf den ersten Blick sinnlos zu sein scheinen, hält man sie für unrealistisch. Dabei vergisst man, dass in der Realität viele Dinge und viele Handlungen keinen Sinn haben. Die Aktionen von Adam und Tommek scheinen absolut sinnlos zu sein. Und doch basiert „Sieben Tage Sonntag“ auf einer wahren Geschichte, die sich 1996 in Polen ereignet hat. Regisseur Laupert hat sich weitgehend an den tatsächlichen Geschehnissen orientiert, er hat die Täter im polnischen Gefängnis interviewt und Gerichtsprotokolle gelesen.

„Sieben Tage Sonntag“ liefert keine einfache Erklärung für die Entstehung von Gewalt, aber dafür eine umso plausiblere. Gewalt muss nicht immer zielgerichtet, muss nicht von einem rational nachvollziehbaren Motiv geleitet sein. Sie ist gleichsam eine Urgewalt, die dicht unterhalb der zivilisatorischen Oberfläche existiert und die, vulkangleich, in Momenten fehlender (Selbst-)Kontrolle zum Ausbruch kommen kann. Der Film zeigt ungeschönt und ohne moralische Überheblichkeit eine Welt, die nicht immer so ist, wie man sie sich wünscht.

Atmosphärisch: dichte Inszenierung
Das eindringliche Spiel der beiden Hauptdarsteller Ludwig Trepte und Martin Kiefer lässt nachvollziehen, was nicht zu verstehen ist. Die atmosphärisch dichte Inszenierung legt das beklemmende Umfeld der Jugendlichen offen, die mit einem Mord ihr eintöniges Leben mit Bedeutung füllen wollen und deren Alltag in Freiheit sich kaum von ihrem Alltag im Gefängnis unterscheidet. „Sieben Tage Sonntag“ zeigt dabei nicht allein die Geschehnisse auf, sondern liefert darüber hinaus in einem universellen Ansatz eine Erklärung über die Funktion von Gewalt für die überaus komplexe menschliche Psyche.
Falk Osterloh
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