ArchivDeutsches Ärzteblatt20/1997Demonstration vor der Bundes­ärzte­kammer: „Wir sind keine Versuchskaninchen“

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Demonstration vor der Bundes­ärzte­kammer: „Wir sind keine Versuchskaninchen“

Klinkhammer, Gisela

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LNSLNS Mit einer sogenannten Forschungsvorlesung endete am 5. Mai eine Demonstration unter dem Motto "Wir sind keine Versuchskaninchen" vor der Bundes­ärzte­kammer in Köln. Dort wurde zunächst "an einem in einem rollenden Bett mitgeführten Patienten symbolisch von Ärzten in OP-Kitteln geforscht", so der Veranstalter, die Organisation "Netzwerk Artikel 3 - Bundeskoordination für die Gleichstellung behinderter Menschen".
Doch es blieb nicht nur bei reiner Symbolik; dezidiert trugen Politiker, Ärzte und Behinderte ihre Kritik an der Stellungnahme der Zentralen Ethikkommission bei der Bundes­ärzte­kammer "Zum Schutz nichteinwilligungsfähiger Personen in der medizinischen Forschung" (DÄ, Heft 15/1997) und an der sogenannten Bioethik-Konvention des Europarats vor. "Die persönlichen Rechte eines Menschen sind wichtiger als ein wirtschaftlicher oder wissenschaftlicher Nutzen", stellte Andreas Fritsch, stellvertretender Bundesvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Spina Bifida und Hydrocephalus, fest. Deshalb dürften die Aussagen des Grundgesetzes zur Würde des Menschen durch kein anderes Recht geschmälert werden. Fritsch kritisierte, daß mit der Stellungnahme der Ethikkommission der Boden für einen Beitritt der Bundesrepublik zur BioethikKonvention bereitet werden könne. Swantje Köbsell vom "Netzwerk" befürchtete, daß es auch der Bundes­ärzte­kammer darum gehe, fremdnützige Forschung an Nichteinwilligungsfähigen zuzulassen.
Prof. Dr. med. Christoph Fuchs, Hauptgeschäftsführer der Bundesärztekamme, betonte dagegen, daß die BÄK "ausschließlich fremdnützige Forschung" an Menschen keinesfalls für ethisch gerechtfertigt halte. Besonders die Lehren aus der nationalsozialistischen Vergangenheit müßten der Forschung auch weiterhin eine ethische Verpflichtung bleiben. Ein ethisches Dilemma trete in der Forschung allerdings dann auf, wenn voraussichtlich nicht der Betroffene selbst, sondern wenn beispielsweise eine andere Person gleicher Krankheit von den gewonnenen Erkenntnissen Nutzen haben werde. In diesem Fall stünde das Instrumentalisierungsverbot (fremdnützige Forschung) dem Interesse einer ganzen Gruppe entgegen, die anderweitig vom Fortschritt der Forschung gänzlich ausgeschlossen wäre.
Fuchs hält es für problematisch, bewußt auf Fortschritte in der Erkennung und Behandlung der Krankheit zu verzichten, vor allem auch deshalb, weil in der Stellungnahme der Ethikkommission "die Rechtfertigungsgründe zur Forschung an nichteinwilligungsfähigen Personen rigide verfaßt worden sind".
Kli
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