ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2009Hörsysteme: Binaurale Technologie

TECHNIK

Hörsysteme: Binaurale Technologie

Dtsch Arztebl 2009; 106(10): A-473 / B-406 / C-394

Warncke, Horst

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Offenes Gehäuse eines Hörsystems Foto: Oticon
Offenes Gehäuse eines Hörsystems Foto: Oticon
Unser Gehör ist in der Lage, Stimmen und Klänge exakt zu lokalisieren. Es erkennt, aus welcher Richtung Geräusche auf das Ohr treffen. Diese Fähigkeit ist vor allem in lärmintensiver Umgebung von essenzieller Bedeutung. Denn in solchen Situationen filtert unser Gehirn den Störlärm und fixiert sich auf das Schallsignal, welches es bevorzugt wahrnehmen möchte.

Bei Menschen mit Hörminderungen ist diese Fähigkeit beeinträchtigt. Sie kann zu großen Teilen durch Hörsysteme ausgeglichen werden. Zwar bringen auch die besten Hörsysteme seinem Nutzer nicht das natürliche Hörvermögen zurück, sie ermöglichen es ihm aber, wieder klar und deutlich zu hören. Die Art und Weise, wie sie Richtungshören technisch möglich machen, ist ein wesentliches Qualitäts- und Unterscheidungsmerkmal zwischen den einzelnen Modelltypen. Die besten Hörsysteme erzeugen einen authentischen und natürlichen Raumklang. Sie schaffen es, die vielfältigen Klangquellen in eine Balance zu bringen, die den Bedürfnissen des Nutzers in der jeweiligen Situation entspricht. Sie tun dies, indem sie alle akustischen Signale in ihre Einzelteile zerlegen, diese „säubern“, „bearbeiten“ und anschließend wieder neu zusammensetzen. Für diese Prozedur nutzen sie eine breite Palette an technischen Verfahren, die hier nur angedeutet werden können. Schlagwörter wie Lärmmanagement, Störschallunterdrückung, Spracherkennung, Dynamikanpassung oder Klangdesign vermitteln jedoch einen Eindruck davon, welcher Mittel sich die Entwickler von Hörsystemen dabei bedienen.

In der Vergangenheit beruhten Hörsysteme ausschließlich auf digitaler Technologie. Mit ihr lassen sich gute bis sehr gute Ergebnisse im Sprachverstehen erzielen. Sie stößt jedoch beim Richtungshören an Grenzen. Seit Kurzem gibt es jetzt sogenannte binaurale Hörsysteme, die einen großen Fortschritt darstellen. Denn anders als herkömmliche Hörsysteme verstärken sie die eintreffenden Schallwellen nicht für beide Ohren getrennt. Stattdessen interagieren sie miteinander und bearbeiten die Signale für beide Ohren gemeinsam. Zu diesem Zweck tauschen sie per Funk große Datenmengen zwischen rechtem und linkem Ohr aus, berechnen diese neu und passen sie der akustischen Situation an – genauer und präziser, als dies bislang möglich war. Im Kern ahmen binaurale Hörsysteme die Funktionsweise des menschlichen Gehirns nach. Dadurch können sie natürliche Unterschiede, wie sie aus Zeitverzögerungen und Lautstärkedifferenzen resultieren, bewahren. Ein Beispiel verdeutlicht dies: Wenn eine Schallwelle im 90°-Winkel auf das rechte Ohr trifft, kommt es mit einer zeitlichen Verzögerung und in geringerer Lautstärke am linken Ohr an. Binaurale Hörsysteme berechnen diesen Unterschied und „übersetzen“ ihn in eine adäquate Programmeinstellung.

Für Träger von Hörsystemen bedeutet dies eine erhebliche qualitative Verbesserung. Denn sie können sich dadurch besser räumlich und akustisch orientieren. Der Unterschied zwischen herkömmlichen und binauralen Hörsystemen kann mit dem Unterschied zwischen Mono- und Stereoklängen verglichen werden.
Horst Warncke, hw@oticon.de
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