ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2009Psychisch Kranke Menschen: Immer noch stigmatisiert

EDITORIAL

Psychisch Kranke Menschen: Immer noch stigmatisiert

Gieseke, Sunna

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LNSLNS Menschen, die eine Psychotherapie in Anspruch nehmen, laufen Gefahr, stigmatisiert zu werden: immer noch. Auch wenn sich die Zeiten geändert haben und viele Menschen offener über ihre seelischen Probleme sprechen, gibt es Vorbehalte in der Gesellschaft gegenüber einer Psychotherapie.

Und das, obwohl der Nutzen hinlänglich bekannt ist und eine Therapie auch aus volkswirtschaflicher Sicht mehr als sinnvoll erscheint. Dennoch: Die Hemmschwelle, einen Psychologischen Psychotherapeuten aufzusuchen, ist wesentlich geringer als noch vor zehn Jahren. Ein Problem ist aber, dass man durch die Inanspruchnahme einer Psychotherapie Nachteile erfahren kann, wenn man zum Beispiel verbeamtet werden oder eine private Kran­ken­ver­siche­rung abschließen möchte. Eine Umfrage der Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) zeigt, dass 40 von 48 privaten Kran­ken­ver­siche­rungen es ablehnen, psychisch Erkrankte zu versichern.

Seit Anfang des Jahres gibt es hier zumindest eine Hürde weniger: Seit dem 1. Januar sind alle privaten Kran­ken­ver­siche­rungen (PKV) per Gesetz dazu verpflichtet, einen Basistarif anzubieten. Dessen Leistungen müssen denen der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) entsprechen – ohne Gesundheitsprüfung und Risikozuschläge. Die Prämie darf zudem den durchschnittlichen Höchstbetrag in der GKV von derzeit rund 500 Euro nicht überschreiten. Psychisch kranke Menschen haben somit erstmals die Chance, sich privat zu versichern. Das blieb ihnen vorher meistens verwehrt, oder aber sie mussten hohe Risikozuschläge zahlen. Allen Arbeitnehmern, die monatlich mehr als 4 050 Euro verdienen, Selbstständigen und Beamten wird dann ein solcher Basistarif angeboten werden müssen – egal mit welcher Vorerkrankung. „Der Gesetzgeber hat mit dem PKV-Basistarif die jahrzehntelange Diskriminierung psychisch kranker Menschen durch die privaten Kran­ken­ver­siche­rungen verringert“, sagte dazu Prof. Dr. phil. Rainer Richter, Präsident der BPtK. Ob sich dies tatsächlich bewahrheitet, ist allerdings unklar. Die privaten Krankenkassen befürchten bereits, dass eher Menschen mit „schlechten Risiken“ in den Basistarif hineingehen, und das werde die Kalkulation der Versicherungsprämien beeinflussen. Günstig wird der Tarif daher mit Sicherheit nicht. Zudem wurden bereits Leistungsbeschränkungen angekündigt. Darüber hinaus ist der Wechsel zeitlich befristet und kann nur noch bis zum 30. Juni 2009 erfolgen. Zumindest wurde aber für junge Menschen mit einer Vorgeschichte in ihrer Krankenakte eine Hürde genommen: Zum Beispiel haben junge Frauen, die in ihrer Jugend an einer Essstörung erkrankten, mit dem Basistarif eine wichtige Wahlmöglichkeit. Das könnte auch zu einem offeneren Umgang mit psychischen Erkrankungen führen.

Auch ältere Menschen haben zum Teil Vorurteile gegenüber einer Psychotherapie – galt man doch früher als „verrückt“ oder „reif für die Klapse“. In diesem Heft beginnt daher in der Rubrik Wissenschaft die neue Serie „Psychotherapie bei Älteren“. Dr. phil. Marion Sonnenmoser wird verschiedene Aspekte des Alterns und älterer Patienten darstellen und dabei auch Erfahrungen und Ansichten von Psychotherapeuten, Ärzten und Psychologen gegenüber Senioren beleuchten. Wann ist man überhaupt alt? Diese Frage wird in dem ersten Beitrag untersucht (dazu mehr auf Seite 130).
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