ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2009Essstörungen: Gemeinsam aus der Erkrankung

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Essstörungen: Gemeinsam aus der Erkrankung

Wunderer, Eva

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Der gemeinnützige Verein ANAD bietet seit mehr als 20 Jahren im Großraum München Beratung und Therapie für junge Menschen mit Essstörungen an.

Mehr als 20 Prozent aller Jugendlichen in Deutschland zeigen Anzeichen einer Essstörung. Das ist das erschreckende Ergebnis des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys des Robert-Koch-Instituts (www.kiggs.de). Essstörungen sind mehr als nur Probleme mit dem Essen. Sie sind Bewältigungsversuche für tiefer liegende Probleme, die Betroffenen versuchen ihr mangelndes Selbstwertgefühl durch eine gute Figur aufzubessern, manche haben traumatische Erfahrungen gemacht.

Die Beratungsstelle der ANAD hilft den Betroffenen
In den gängigen Diagnosesystemen (ICD-10, DSM-IV) werden drei Arten von Essstörungen unterschieden: Anorexia nervosa, Bulimia nervosa und nicht näher bezeichnete beziehungsweise atypische Essstörungen, zu denen auch die Binge-eating-Störung zählt. Die Anorexie fällt durch starkes Untergewicht auf. Die Betroffenen halten strenge Diät, manche haben Heißhungeranfälle, wirken dann aber einer Gewichtszunahme durch Erbrechen oder Medikamentenmissbrauch entgegen. Das starke Untergewicht führt zu schwerwiegenden körperlichen Komplikationen, die lebensbedrohlich sein können. Bei der Bulimie liegt das Gewicht zumeist im Normbereich. Leitsymptom sind Heißhungeranfälle, meist mit anschließendem Erbrechen. Auch die Binge-eating-Störung ist durch Essattacken gekennzeichnet. Jedoch unternehmen die Betroffenen nichts, um einer Gewichtszunahme entgegenzuwirken, entsprechend ist ein großer Teil übergewichtig.

Unterstützung bietet seit fast 25 Jahren ANAD e.V. Der gemeinnützige Verein gründete 1984 in München eine Beratungsstelle für Betroffene und deren Angehörige – sie ist inzwischen eine der größten bundesweit. Zweigstellen in Dachau und Weilheim kamen hinzu sowie 1994 die intensivtherapeutischen ANAD Wohngruppen für junge Menschen mit Essstörungen und psychisch bedingtem Übergewicht. ANAD ist Gründungsmitglied und Kooperationspartner im „Therapienetz Essstörung“, der bundesweit ersten integrierten Gesundheitsversorgung in diesem Bereich (Kasten).

Die ANAD Beratungsstellen sind offen für Betroffene, deren Angehörige und Freunde sowie Fachleute, die sich über Essstörungen informieren möchten. Ziel der Gespräche ist meist eine Abklärung der Symptomatik und eine erste Antwort auf die Frage, ob eine Essstörung vorliegt. Gemeinsam mit den Betroffenen werden weitere Schritte geplant: Welches Unterstützungsangebot erscheint individuell passend? Wie bekomme ich einen Therapieplatz? Zusätzlich haben Betroffene die Möglichkeit, ambulante Gruppentherapieangebote oder eine Ernährungstherapie zu nutzen und so einen ersten Schritt aus der Essstörung zu gehen oder beispielsweise in einer Klinik erzielte Erfolge aufrechtzuerhalten. Die Beratungsstellen engagieren sich auch in der Prävention von Essstörungen, beispielsweise durch Multiplikatorenprojekte oder Informationsveranstaltungen an Schulen.
Der gemeinnützige Verein ANAD hilft essgestörten jungen Menschen unter anderem mit Ernährungsberatungen, erlebnispädagogischen Methoden, wie zum Beispiel Klettern, und therapeutischen Gesprächen. Fotos: iStockphoto
Der gemeinnützige Verein ANAD hilft essgestörten jungen Menschen unter anderem mit Ernährungsberatungen, erlebnispädagogischen Methoden, wie zum Beispiel Klettern, und therapeutischen Gesprächen. Fotos: iStockphoto

Nach der Wohngruppe schrittweise in den Alltag
Im Jahr 2007 wurden bei ANAD mehr als 2 800 Beratungen in Anspruch genommen. Der Internetauftritt www.anad.de, der über Essstörungen allgemein und die Angebote von ANAD informiert, wurde im Frühjahr 2008 rund 100 000 Mal pro Monat angeklickt.

Die ANAD Wohngruppen vereinen intensive Therapie mit der schrittweisen Rückführung der Betroffenen in den Alltag und sind demnach für junge Menschen ideal, bei denen eine ambulante Versorgung nicht ausreichend erscheint, die jedoch den Anschluss an ihren schulischen oder beruflichen Alltag nicht verlieren möchten. Patienten mit Essstörungen oder psychisch bedingtem Übergewicht leben sechs Monate zusammen mit Gleichaltrigen in der Münchner Innenstadt und werden rund um die Uhr intensiv betreut. Die Kosten für den Aufenthalt in den Wohngruppen übernehmen Krankenkassen, Jugendämter, Bezirke und andere Kostenträger. Seit Ende 2006 nehmen die Wohngruppen auch männliche Betroffene auf.

Verhaltenstherapeutisch-integratives Konzept
Während ihres Aufenthalts bei ANAD bleiben die Betroffenen in der Schule oder im Beruf integriert. Wer von außerhalb kommt, kann in München eine Schule besuchen oder sich im Rahmen von Praktika für sein weiteres Arbeitsleben orientieren. So entsteht keine „Lücke“ im Lebenslauf, und die Schwierigkeiten, die im Alltag auftauchen, können aufgefangen und konstruktiv bewältigt werden. Das interdisziplinäre Team der ANAD Wohngruppen besteht aus Diplom-Psychologen, Diplom-Sozialpädagogen und Ernährungstherapeuten (Diplom-Ökotrophologen und Diätassistenten). Die ärztliche Leitung hat eine Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie inne, die eng mit niedergelassenen Ärzten kooperiert.

Grundlage der Psychotherapie ist ein verhaltenstherapeutisch-integratives Konzept. In Einzel- und Gruppensitzungen werden vor allem die Ressourcen der Betroffenen gefördert. Dazu trägt auch die sozialpädagogische Betreuung bei, die sich insbesondere um die soziale Integration der Betroffenen bemüht. Dabei helfen vielfältige freizeitpädagogische Aktivitäten, unter anderem therapeutisches Klettern. In der Ernährungstherapie werden Einzel- und Gruppenberatungen durch therapeutisch begleitete Mahlzeiten sowie gemeinsames Kochen und Essen ergänzt. Für Patienten mit komorbider Borderline-Persönlichkeitsstruktur gibt es ein spezielles Gruppenprogramm in Anlehnung an die dialektisch-behaviorale Therapie nach Marsha Linehan.

Gerade bei Jugendlichen ist der Einbezug der Familie wichtig – nicht zuletzt ziehen etliche nach dem Therapieaufenthalt zurück in den elterlichen Haushalt. Entsprechend finden bei ANAD regelmäßig Familiengespräche statt, zudem werden die Eltern in speziellen Seminaren über Essstörungen und das Therapiekonzept der ANAD Wohngruppen informiert. Das Konzept der ANAD intensivtherapeutischen Wohngruppen unterliegt einer fortlaufenden Qualitätskontrolle. Basis dafür ist eine umfangreiche wissenschaftliche Begleitforschung in Zusammenarbeit mit der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein, Campus Lübeck. Erste Ergebnisse unterstreichen die Wirksamkeit des Konzepts.
Dr. Eva Wunderer,
Leitung Wissenschaft ANAD e.V.
E-Mail: wunderer@anad.de

Adresse und Informationen
ANAD e.V., Psychosoziale Beratungsstelle bei Essstörungen, Poccistraße 5,
80336 München, Telefon: 0 89/2 19 97 30,
Fax: 0 89/21 99 73 23,
E-Mail: beratung@anad.de


Das Therapienetz Essstörung
Das Therapienetz Essstörung wurde 2005 gegründet und ist ein Zusammenschluss von Einrichtungen und Fachleuten im Essstörungsbereich. Es wird ständig erweitert, Kooperationspartner waren im Sommer 2008 die AOK Bayern, der Landesverband der bayerischen Betriebskrankenkassen, die Psychosomatische Klinik Roseneck, die Interne Klinik Dr. Argirov, die München Kliniken (Klinikum Harlaching und Schwabing), die Klinik Hochried, die Klinik Heiligenfeld Waldmünchen, die Klinik Windach, das Klinikum Staffelstein, ANAD e.V. und TheraTeam sowie niedergelassene Ärzte und Psychotherapeuten.

Das Therapienetz betreut Betroffene bis zu zwei Jahre lang kostenfrei im Rahmen eines umfassenden Clearing-und-Case-Management-Prozesses. Ein multiprofessionelles Team aus Fachärzten, Diplom-Psychologen, Diplom-Sozialpädagogen und Ernährungstherapeuten unterstützt durch Beratung, Diagnostik und Begleitung im Behandlungsprozess. Bei stationären Behandlungen gibt es ausgewählte Kooperationskliniken, bei ambulanter Behandlung können die Betroffenen unter den vorgeschlagenen Psychotherapeuten des Netzes auswählen. Sollte in der gewünschten Therapieeinrichtung nicht sofort ein Platz zur Verfügung stehen, vermittelt das Therapienetz Überbrückungsangebote. Die Ergebnisse der integrierten Versorgung werden wissenschaftlich ausgewertet, um die Qualität der Maßnahmen zu sichern.
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