ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2009Charité-Studie: Diagnose „Obdachlosigkeit“

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Charité-Studie: Diagnose „Obdachlosigkeit“

Meyer, Petra

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LNSLNS Wie viele Menschen in Deutschland auf der Straße leben, weiß niemand genau. Erstmals hat jetzt die Charité in Berlin medizinische und soziodemografische Daten von obdachlosen Patienten erhoben.

Gute Nachrichten gab es in der Vorweihnachtszeit für Obdachlose in Frankreich: Seit dem 1. Dezember 2008 können sie klagen, wenn ihnen kein Wohnraum zur Verfügung gestellt wird. Wie sich die neue Gesetzgebung tatsächlich auf die Obdachlosen dort auswirken wird, muss sich erst noch zeigen. Dass sie fortan ein derart verbrieftes Recht haben, ist bislang einzigartig in der Europäischen Union.

Auch in Deutschland fordern einige Verbände schon seit Jahren ein solches Recht. Dabei weiß man hierzulande noch nicht einmal genau, wie viele Obdachlose es überhaupt gibt; die Zahlen schwanken zwischen 250 000 und einer halben Million. Allein in der Hauptstadt soll es ungefähr 10 000 Menschen geben, deren Leben sich vorrangig auf der Straße abspielt.

Vieles ist bisher Spekulation
Obdachlosigkeit ist eine besonders extreme Form der Armut. Menschen, die dauerhaft auf der Straße leben, sind gesundheitlich stark gefährdet. Trotzdem gibt es in Deutschland nur sehr wenige fundierte Erkenntnisse zur medizinischen Versorgung von Obdachlosen. „Alle bisherigen Angaben sind spekulativ, das wollten wir ändern“, sagt Theresa Bauer, Doktorandin des Instituts für Sozialmedizin der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Sie hat retrospektiv die Patientendaten des Berliner Gesundheitszentrums für Obdachlose ausgewertet.

Seit September 2006 finden Berliner Obdachlose in diesem Zentrum medizinische und psychologische Hilfe sowie rechtliche und soziale Beratung. Außerdem können sie dort duschen, die Kleidung wechseln und in der Suppenküche eine warme Mahlzeit zu sich nehmen. Die Ärztin Jenny De la Torre, die das Zentrum 2006 gegründete hatte, stellte ihre Patientendaten für eine Studie der Charité zur Verfügung. Unter den 560 Patienten, die sie zwischen September 2006 und Juli 2008 erstmals dort behandelte, waren 440 obdachlos, darunter 355 Männer und 85 Frauen.

Die Daten geben Aufschluss über aktuelle Beschwerden sowie Vorerkrankungen, aber auch über soziodemografische Merkmale wie Nationalität, Alter und Familienstand. Überrascht und auch ein bisschen erfreut zeigt sich Bauer vor allem darüber, dass etwa die Hälfte der Obdachlosen erst seit Kurzem obdachlos ist, also seit weniger als sechs Monaten. „Es spielt eine große Rolle, wie lange die Menschen auf der Straße leben“, erklärt sie. „Je früher sie Hilfe aufsuchen, desto einfacher ist es, sie wieder in die Gesellschaft einzugliedern.“ Jenny De la Torre ist indes skeptisch, wenn es darum geht, die Obdachlosen in Heimen unterzubringen. „Es gibt dort meist nur Zwei- oder Dreibettzimmer, aber Menschen brauchen ihre eigenen vier Wände, sonst funktioniert das nicht“, so die Berliner Ärztin.

Die Untersuchung zeigt auch, dass insbesondere bei den obdachlosen Frauen der Anteil der etwa 20-Jährigen größer ist als bei den Männern. Über die Gründe der jungen Frauen, die auf der Straße leben, macht die Studie allerdings keine Aussagen. Die große Mehrheit der Frauen und Männer sind ledig, etwa drei Viertel von ihnen stammen aus Deutschland. Vier von fünf Obdachlosen haben einen Schulabschluss, 15 Prozent sogar das Abitur. Unter den Nichtdeutschen kommt das Gros aus der EU, vor allem viele Männer sind aus Polen. „Interessant ist, dass fast jede zehnte Frau aus einem Nicht-EU-Land wie Thailand, Russland oder den Philippinen stammt“, teilt Theresa Bauer mit.

Bei den nach ICD-10 klassifizierten Vorerkrankungen der Obdachlosen rangieren die Krankheiten des Atmungssystems, wie Asthma oder COPD, ganz oben. Auf Platz zwei folgen Infektionskrankheiten, vor allem virale Hepatitiden, Tuberkulose und HIV. Die Herz-Kreislauf-Erkrankungen liegen an dritter Stelle, gefolgt von Erkrankungen des Nerven- und Verdauungssystems.

Mehr Probleme als andere
Bei der Suchtanamnese zeigt sich, dass von den 440 obdachlosen Patienten 315 mindestens eine Abhängigkeit aufweisen. 58 Prozent von ihnen sind nikotinabhängig und 42 Prozent alkoholsüchtig, 17 Prozent sind drogenabhängig, wobei sie vor allem Cannabinoide konsumieren. Jeder Fünfte, der in das Gesundheitszentrum von De la Torre kommt, leidet unter Hauterkrankungen, gefolgt von Atemwegsinfekten, Verletzungen und Krankheiten des Bewegungsapparats. Zehn Prozent der Patienten werden vorstellig, weil sie obdachlos sind und sich deshalb unwohl fühlen. Die Diagnose „Obdachlosigkeit“ wurde erst vor Kurzem in die ICD-10 aufgenommen.

Dass Obdachlose ein Recht auf medizinische Versorgung haben, steht für De la Torre außer Frage: „Obdachlose sind wie alle Menschen, sie haben nur mehr Probleme als andere.“ Hilfreich für ihre Arbeit wäre es, wenn sie wie früher Patienten in eine Entlausungsstation schicken könnte. „Aber die gibt es ja leider nicht mehr in Berlin“, klagt sie. „Dabei kann ich manchmal schon an den Läusen erkennen, aus welcher Notunterkunft sie kommen.“
Petra Meyer
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