ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2009Niederlande: Kein Paradies
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LNSLNS In dem Beitrag wurde ein nahezu paradiesisches Bild von der Arbeits- und Lebenssituation des Psychiaters in den Niederlanden gezeichnet: Psychiatermangel, flache Hierarchie, hohes Gehalt, Sprache easy-to-learn, Vermittlungsagenturen regeln das Easy-to-go und so weiter. Dieses Bild scheint doch einseitig. Der Unterzeichner hat viele Jahre in den Niederlanden als Angestellter und in eigener Praxis gearbeitet und möchte vor übertriebenen Erwartungen warnen. Mangel an Psychiatern: Die Niederlande haben viele Ärzte, aber nur wenige wollen Psychiater werden. Das hat seine Gründe: geringerer Lohn als andere Fachärzte, Frustration über Bürokratie und Hierarchie, lange Dienste und so weiter . . . Viele Kollegen fühlen sich ausgebrannt. Die Verwerfungen im Gesundheitssystem haben dazu geführt, dass Psychiater ins Ausland abwandern (u. a. nach Deutschland). Seit den in den letzten Jahren auch in den Niederlanden durchgeführten Gesundheitsreformen sind die niedergelassenen Psychiater in ihrer ökonomischen Existenz bedroht . . . Bürokratie, Hierarchie und andere Gespenster: Viele psychiatrische Einrichtungen sind heute marktwirtschaftlich orientierte Konzerne mit Tausenden von Mitarbeitern. Dementsprechend auch die Hierarchie und Bürokratie . . . Alle Management-Ebenen haben meistens einen finanziellen und einen inhaltlichen Manager. Das finanzielle Management genießt Priorität: Zum klinischen Alltag gehören dann auch fortlaufende Gespräche bezüglich Umsatz, Disease-Management und Marketingstrategien. Meistens enden die Gespräche mit einer Selbstverpflichtungserklärung des Arbeitnehmers, an welcher die Güte seiner Arbeit gemessen wird. Inhaltliches Management: Die Trennung der medizinischen Berufsgruppen ist weniger strikt. Wer in die Niederlande geht, sollte darauf vorbereitet sein, dass eine Krankenschwester eine Leitungsfunktion hat und dem Arzt inhaltliche Weisungen erteilen kann. Ach ja: Der Facharzttitel ist nur fünf Jahre gültig. Dann muss man seine cme vorlegen und wird examiniert . . . Finanziell und sozial: Mich haben die Niederlande nicht reich gemacht. Steuern und Abgaben auf den Lohn betragen schnell 60 Prozent, Kinder bringen keinen Segen (geringes Kindergeld, geringe Freibeträge, Schul- und Studiengeld im Bereich von Tausenden Euro), Auto ein Luxusartikel (Steuern bei Kauf 60 Prozent, laufende Steuern und Versicherungen einige Tausend Euro p.a., Parkhaus Innenstadt ganztägig 60 Euro). Weitere Lebenshaltungskosten haben Schweizer Niveau: zum Beispiel Vierzimmerwohnung Amsterdam 2 500 Euro . . . Qualität des psychiatrischen Handelns: Akute psychiatrische Patienten warten in den Niederlanden teils Wochen bis Monate, bis ihnen geeignete psychiatrische Hilfe zuteil wird . . . In Deutschland aufgestellte Standards der Psychopharmakologie sind oft nicht gebräuchlich: Pharmaka werden vielfach ohne jede labortechnischen Kontrollen verabreicht. Sprache: Nach zwei Wochen waren meine Sprachkenntnisse nicht ausreichend. In der Regel dauert ein Sprachkurs vier Wochen, und es braucht noch zwei weitere Jahre Übung, damit Patienten den deutschen Doktor ohne große Mühe verstehen. Erst nach fünf Jahren werden die Sprachkenntnisse vielleicht so ausgereift sein, dass auch ein Vorankommen in der ärztlichen Hierarchie diskutabel wird . . .

Dr. Peter Hellwege, Friedensweg 4, 50389 Wesseling
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