ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2009Reihe: Psychotherapie bei Älteren – Frage des Empfindens

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Reihe: Psychotherapie bei Älteren – Frage des Empfindens

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Wann ist man alt? Diese Frage wird ganz unterschiedlich beantwortet: Es kommt vor allem auf die eigene Wahrnehmung, das Umfeld und den Kulturkreis an.

D ie Anzahl der Deutschen im Seniorenalter nimmt stetig zu. Mittlerweile ist jeder Vierte 60 Jahre alt oder älter – Tendenz steigend. Ältere Menschen leiden ebenso wie jüngere an psychischen Störungen, die unabhängig vom Altern sind oder damit zusammenhängen. Während ältere Patienten das medizinische Gesundheitssystem stark beanspruchen, sind sie in psychotherapeutischen Kliniken, Ambulanzen und Privatpraxen kaum vertreten. Im Zuge des demografischen Wandels ist jedoch damit zu rechnen, dass der Anteil älterer Patienten, der psychologische und psychotherapeutische Dienstleistungen beansprucht, in den nächsten Jahren steigen wird. Es stellt sich die Frage, wie gut Psychologen und Psychotherapeuten auf die Behandlung dieser Patientengruppe vorbereitet sind.

Foto: Fotolia
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„Altsein“ ist abhängig von verschiedenen Indikatoren
Die neue Serie „Psychotherapie bei Älteren“ will verschiedene Aspekte des Alterns und älterer Patienten darstellen und dabei auch Wissen, Erfahrungen und Einstellungen von Psychotherapeuten, Ärzten und Psychologen gegenüber Senioren beleuchten. Wann ist man alt? Aktuelle Umfragen zeigen, dass es darauf keine einfache Antwort gibt. Wann jemand andere oder sich selbst als „alt“ empfindet, hängt von verschiedenen Faktoren, wie beispielsweise der Lebensqualität, ab. Viele Menschen empfinden sich erst dann als alt, wenn die Schattenseiten des Altwerdens die positiven Seiten überwiegen.

Entscheidend sind auch die Indikatoren, an denen „Altsein“ festgemacht wird. Bei einer repräsentativen Befragung von zwölf- bis 25-jährigen Deutschen meinten 39 Prozent, dass man alt ist, wenn man in Rente geht. 27 Prozent machten das Alter am Auftreten altersbedingter Krankheiten und Gebrechen, 17 Prozent an der Geburt von Enkeln und 14 Prozent an grauen Haaren und Falten fest. Die Bewohner eines Seniorenheims einer nordenglischen Kleinstadt empfanden sich wegen körperlicher Gebrechen wie Arthritis, Diabetes, Sehschwäche und nachlassendem Gedächtnis hingegen nicht als alt. Sie hatten das Gefühl, normal für ihr Alter zu sein, solange sie sich noch selbst versorgen und das Leben genießen konnten. Wirklich „alt“ empfanden sie hingegen Gleichaltrige und Ältere, die gravierende mentale Ausfälle hatten, sehr vergesslich und verwirrt waren, sich nicht mehr konzentrieren konnten, nicht mehr ansprechbar waren oder ihre „frühere Persönlichkeit“ weitgehend verloren hatten. Auch negative Veränderungen im Sozialverhalten, wie zum Beispiel sich gehen lassen, sich nicht anpassen, schlechte Manieren haben, andere beleidigen und Regeln zu ignorieren, werteten die Senioren als Anzeichen echten Alters.

Das Empfinden hängt auch vom Kulturkreis ab
Auch der Kulturkreis beeinflusst das Altersempfinden. Das belegte eine Studie, an der ältere Frauen aus Europa, Indien und Afrika teilnahmen. Die europäischen Frauen um 60 Jahre genossen es, von familiären Verpflichtungen befreit zu sein und empfanden sich als gereift, aber nicht als „alt“. Gleichaltrige Frauen aus Indien und Afrika fühlten sich hingegen gealtert, unselbstständig und ausgegrenzt, vor allem wenn sie verwitwet waren. Im Hinblick auf das Äußere klagten die Europäerinnen über Alterserscheinungen wie schlafferes Bindegewebe und nachlassende Attraktivität. Sie hatten Probleme, sich damit abzufinden und fühlten sich ihrem Körper entfremdet, besonders wenn sie sich innerlich jünger fühlten als sie aussahen. Im Gegensatz dazu hatten die nicht europäischen Frauen ein wesentlich entspannteres Verhältnis zu ihrem Körper. Die Afrikanerinnen beachteten die körperlichen Veränderungen kaum, unter anderem, weil es in ihrer Kultur nicht üblich war. Die Befragten aus Indien berichteten zwar von Veränderungen, wie etwa Gewichtszunahme oder Ergrauen der Haare, hielten sie jedoch für nicht weiter besorgniserregend und betrachteten sie als etwas Natürliches. Kulturelle Unterschiede zeigten sich auch im Umgang mit dem Ende der weiblichen Fruchtbarkeit (Menopause). Während die Afrikanerinnen keine und die Inderinnen nur leichte Beschwerden (zum Beispiel Hitzewallungen) angaben, betrachteten die Europäerinnen die Menopause als gravierenden Einschnitt in ihrem Leben; mehr als ein Drittel litt unter heftigen Beschwerden.

Ältere Menschen tendieren generell dazu, sich innerlich jünger zu fühlen als sie tatsächlich sind. Das zeigte eine Langzeitstudie, die von US-amerikanischen und deutschen Altersforschern um Jacqui Smith von der Universität Michigan durchgeführt wurde. Sie fragten 516 Berliner zwischen 70 und 100 Jahren nach deren „gefühltem“ Alter. Die Senioren schätzten sich im Schnitt 13 Jahre jünger ein. Dieser Wert blieb bei allen Altersgruppen über viele Jahre erhalten. Nur bei den ältesten Teilnehmern wurde die Differenz zwischen realem und gefühltem Lebensalter größer, das heißt, sie fühlten sich immer jünger, je älter sie wurden. Das Phänomen, sich jünger zu fühlen als man ist, lässt sich mit dem psychologischen Konzept der „positiven Illusionen“ erklären. Die meisten Menschen neigen dazu, alles, was sie betrifft, optimistischer und in einem günstigeren Licht zu sehen, als es objektiv ist. Sie halten sich zum Beispiel für fähiger, schöner und klüger als andere und glauben, dass alles Schlechte immer nur die anderen, nicht aber sie selbst trifft. Diese oft unbewusste Haltung dient dem Schutz und Erhalt des Selbstwertgefühls und erfüllt in vielen Fällen einen guten Zweck. So fanden kanadische Wissenschaftler beispielsweise heraus, dass Leute, die zu positiven Illusionen über sich und die Welt neigen, sich wohler in ihrer Haut fühlen und insgesamt besser gelaunt sind als Realisten.

Darüber hinaus führen Illusionisten bessere Beziehungen. Das zeigte zum Beispiel eine Studie, an der US-amerikanische Ehepaare teilnahmen. Sie wurden gebeten, sich selbst und ihren Partner zu beschreiben. Außerdem sollten sie verraten, wie ihr Traummann beziehungsweise ihre Traumfrau aussah. Paare, die gute Beziehungen führten, beschrieben ihre Partner wesentlich positiver als diese sich selbst. Sie hielten also unbewusst die Illusion aufrecht, der Partner sei ihr Traumpartner. Am glücklichsten waren diejenigen Paare, die sich gegenseitig durch die rosarote Brille sahen. Auch im Alter können positive Illusionen nützlich sein und zum Beispiel helfen, kleinere Zipperlein zu ignorieren und das Altern besser zu ertragen. Zu diesem Ergebnis kamen Psychologen von der Universität Nancy, die Rentner befragten, ob sie sich jünger fühlten als sie tatsächlich waren. Diejenigen Senioren, die sich gerne der Illusion hingaben, mindestens 15 Jahre jünger zu sein als es in ihrem Reisepass stand, waren zufriedener und selbstbewusster, hielten sich für gesünder und langweilten sich seltener als solche, die sich so alt fühlten wie sie waren.

Ein weiterer psychologischer Mechanismus, der beim Altersempfinden eine Rolle spielt, ist der soziale Vergleich. So glauben viele Menschen, dass sie jünger aussehen und sich besser gehalten haben als Gleichaltrige. Auch das ist selbstwertdienlich.

Das Altersempfinden hängt darüber hinaus noch von vielen weiteren Faktoren ab, etwa von der Persönlichkeit, Copingstrategien, der Kohorte, dem Geschlecht und Erfahrungen. Es ist daher sehr individuell und variabel, das heißt jeder Mensch denkt anders darüber und kann seine Meinung im Laufe des Lebens ändern. „Man ist so alt, wie man sich fühlt“ – in diesem Sprichwort steckt viel Wahres.
Dr. phil. Marion Sonnenmoser
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1.
Degnen C: Minding the gap: The construction of old age and oldness amongst peers. Journal of Aging Studies 2007; 21(1): 69–80.
2.
Gana L, Alaphilippe D, Bailly N: Positive illusions and mental and physical health in later life. Aging and Mental Health 2004; 8(1): 58–64.
1. Degnen C: Minding the gap: The construction of old age and oldness amongst peers. Journal of Aging Studies 2007; 21(1): 69–80.
2. Gana L, Alaphilippe D, Bailly N: Positive illusions and mental and physical health in later life. Aging and Mental Health 2004; 8(1): 58–64.

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