ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2009Supervision: Schwächen wertschätzen

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Supervision: Schwächen wertschätzen

Flassbeck, Jens

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Braucht ein guter Psychotherapeut Unterstützung und Anregung in Form von Supervision, vor allem wenn er nach vielen Berufsjahren als erfahren gelten darf? Auch wenn diese Frage einen komplexen Bedeutungszusammenhang polemisch simplifiziert, steht jeder Psychotherapeut, sobald er seine Ausbildung beendet hat, mehr oder weniger bewusst vor dieser Überlegung. Angrenzende Berufsgruppen, wie Ärzte, Sozialarbeiter oder Pädagogen, sind von der Fragestellung ebenfalls betroffen.

Die Psychotherapeuten Baumann, Meier und Neumann haben ein Buch zu einer allgemeinen Psychotherapiesupervision verfasst. Der etwas sperrige und doch prägnante Titel „Mögen Sie Ihre Klienten und mögen Ihre Klienten Sie?“ ist dabei Ausgang, Weg und Ziel einer guten Psychotherapie. Das Buch liefert keine systematische Einführung und Sichtung der Thematik, vielmehr wird ein eigener, schulübergreifender und ressourcenorientierter Supervisionsansatz vorgestellt, den die Autoren aus ihrer Berufspraxis generiert haben. Im Zentrum stehen dabei die Macken des Psychotherapeuten beziehungsweise Supervisanden. Doch das Ziel ist es nicht, die Fehler, Schwächen und Neurosen des Supervisanden wegzuanalysieren und ihn zum „sozialemotionalen Popeye“ zu trainieren, wie es die Autoren trefflich formulieren. Die persönlichen Macken des Psychotherapeuten werden als wesentliche Ressource aufgefasst. Die Supervision dient dazu, die menschlichen Schwächen wertschätzend aufzudecken, als Teil der Persönlichkeit zu akzeptieren und für die psychotherapeutische Arbeit nutzbar zu machen.

Die Autoren zeigen auf, dass ein Psychotherapeut, der im Reinen mit seinen Macken ist und diesbezüglich Hilfe – zum Beispiel durch den Supervisor oder eine Supervisionsgruppe – annehmen kann, viel besser in der Lage ist, eine echte Beziehung zum Klienten aufzunehmen und diesem wiederum adäquat darin zu unterstützen, einen besseren Umgang mit den symptomatischen Macken zu finden.

Psychotherapie im Allgemeinen und infolgedessen auch der Berufsalltag von Psychotherapeuten ist stark von Idealen und Geboten geleitet: Abstinenz, Objektivität, Empathie, sozioemotionale Kompetenz oder Authentizität, um nur einige wichtige therapeutische Handlungsmaximen zu nennen. Im Gegensatz hierzu wirkt der Ansatz der Autoren unprätentiös und erfrischend. Dem Psychotherapeuten wird quasi sein Über- oder Bessermenschsein genommen, er wird entlastet, darf so sein, wie er ist, und kann dies auch noch wirkungsvoll in die Arbeit einbringen. Allerdings muss er hierfür sein Einzelkämpferdasein verlassen und sich der eigenen Hilfsbedürftigkeit stellen, wofür Supervision ihm den nötigen Schutzraum bietet. Die Autoren schaffen es, durch ihren konsequenten Ansatz und die unzähligen, illustrierenden Fallbeispiele aus der Praxis, festgefahrene Überzeugungsmuster einer Berufsgruppe hintergründig infrage zu stellen und heilsam zu verstören. Auch wenn die Autoren die Thematik auf den Bereich der Psychotherapie eingegrenzt haben, sind der Ansatz und dessen Implikationen ohne Weiteres auch auf den Bereich der Beratung und des Coaching übertragbar.

Die Autoren geben auf die Eingangsfrage eine eindeutige Antwort: Ein guter Psychotherapeut, also einer, der sich der eigenen Hilfebedürftigkeit stellt und seine persönlichen Macken in die Arbeit klientenzentriert einbringt, benötigt unbedingt Supervision. Supervision ist danach der beste langfristige Schutz vor Abstumpfung und Ausbrennen und das wichtigste Qualitätskriterium einer psychotherapeutischen Tätigkeit. Jens Flassbeck

Udo Baumann, Ulrich Meier, Wolfgang Neumann: „Mögen Sie Ihre Klienten und mögen Ihre Klienten Sie?“ Synergieeffekte einer allgemeinen Psychotherapiesupervision. DGVT, Tübingen 2008, 128 Seiten, broschiert, 14,80 Euro
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