ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2009Okinawa: Die richtige Esskultur

KULTUR

Okinawa: Die richtige Esskultur

PP 8, Ausgabe März 2009, Seite 137

Wiegand, Ursula

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Die Bittergurke Goya (rechts) gilt als äußerst wertvoll. Fotos: Ursula Wiegand
Die Bittergurke Goya (rechts) gilt als äußerst wertvoll. Fotos: Ursula Wiegand
Auf der japanischen Insel leben 33 Hundertjährige; von ihnen sind noch 26 aktiv und versorgen sich selbst. Ein japanischer Kardiologe untersuchte die Gründe für die Langlebigkeit.

Warme, weiche Luft und eine entspannte Atmosphäre empfangen die Besucher. Ein lebensfreundliches Umfeld. In der Tat. Prozentual betrachtet leben auf Okinawa weltweit die meisten gesunden Hundertjährigen. Warum? Diesem Geheimnis ist Dr. Makoto Suzuki seit Jahrzehnten auf der Spur. Ihm, zuvor Kardiologe an der Tokyo University, war Folgendes aufgefallen: Vor 34 Jahren gab es 600 Hundertjährige in Japan. Bezogen auf die 47 Präfekturen des Landes errechnete sich ein Durchschnitt von zwölf bis 13. Auf Okinawa lebten jedoch 33 Hundertjährige, also rund dreimal so viele, und von ihnen waren noch 26 aktiv, verrichteten Gartenarbeit und versorgten sich selbst.

„Unter anderem sind gute Gene für Gesundheit bis ins hohe Alter verantwortlich“, betont der agile 74-Jährige, jetzt Professor emeritus der University of the Ryukus (Okinawa). Das Altwerden lohnt sich nach seinen Worten nur bei körperlicher und geistiger Fitness. „Entscheidend dafür sind vier Punkte: Esskultur, körperliche Aktivität, Selbstständigkeit und gegenseitige Hilfe.“ Diese Erkenntnisse und die Nutzanwendung für andere hat er in einem Buch zusammengefasst, das 1990 auf Japanisch, im Jahr 2001 auch auf Englisch („The Okinawa Program“) publiziert wurde. Übersetzungen sind in Korea, China, Italien, Frankreich, den Niederlanden und in der Türkei erschienen. Eine deutsche Übersetzung fehlt bislang.

Eine 83-Jährige in Ogimi brät Goya.
Eine 83-Jährige in Ogimi brät Goya.
Seine Thesen lassen sich im Dorf Ogimi nachprüfen. Von den 3 500 Einwohnern sind 30 Prozent über 65 Jahre sowie 15 Menschen zwischen 100 und 109 Jahre alt. 80-Jährige klettern noch auf Bäume, um Früchte zu ernten. Bei unserer Ankunft läuft gerade ein Kochkurs im Gemeindezentrum. Die alten Damen, sämtlich hübsch gekleidet und frisiert, passen genau auf und helfen dann bei der Zubereitung. Nach dem Essen wird gesungen und getanzt.

Esskultur heißt hier: Fisch, viel frisches Obst und Gemüse. Als äußerst wertvoll gilt „Goya“, eine vitaminreiche Bittergurke mit genoppter Schale. Ingwer und Seetang wirken angeblich als Anti-Aging-Produkte. Zartes Schweinefleisch darf auch nicht fehlen. „Durch langes Garen und mehrmaliges Erneuern des Kochwassers ist es cholesterinfrei“, hebt Suzuki hervor und empfiehlt außerdem Tofu, der auf Okinawa besondere Qualitäten besitze.

„Du hast nur Tofu im Kopf“, hatte der Lehrer einst einer desinteressierten Schülerin vorgeworfen. Von wegen! Die 106-jährige Ushi schnurrt das japanische Alphabet vorwärts und rückwärts herunter. Die frühere Fischersfrau kann nach wie vor schnell addieren und multiplizieren. Sie musste ja den Fang ihres Mannes unter die Leute bringen. Noch mit 100 Jahren hat sie im Dorfladen Goya-Gurken verkauft. Mit dunkler Stimme singt sie ein lustiges Liedchen und imitiert einen Mann, der zu viel Sake getrunken hat. Doch ab und zu genehmigt auch sie sich gern ein Schlückchen.
Ursula Wiegand

Informationen: Flüge nach Okinawa via Tokio mit Japan Airlines. Besuche in Ogimi sollten angemeldet werden.
Auskünfte beim Okinawa Conventions & Visitors Bureau,
Telefon: 00 81/98-8 59 61 23, www.ocvb.or.jp
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige