ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2009Bundesverband der Freien Berufe (BFB): Das neue Leitbild soll auch als Selbstverpflichtung angenommen werden

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Bundesverband der Freien Berufe (BFB): Das neue Leitbild soll auch als Selbstverpflichtung angenommen werden

Dtsch Arztebl 2009; 106(11): A-488 / B-418 / C-406

Gerst, Thomas

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LNSLNS Der Andrang der Gäste zum „Tag der Freien Berufe 2009“ war groß. Anlässlich des 60-jährigen Bestehens des BFB sprach die Bundeskanzlerin. Der BFB-Präsident präsentierte zehn Kernthesen, die das moderne Leitbild der freien Berufe in komprimierter Form beschreiben sollen.

Die Bundeskanzlerin weiß, was sie angesichts der nahenden Bundestagswahl ihren potenziellen Wählern – und als solche dürften die Angehörigen der freien Berufe gelten – schuldig ist. „Ich möchte Ihnen, die Sie für die eine Million Freiberufler und ihre fast drei Millionen Beschäftigten stellvertretend hier sind, auch ein herzliches Dankeschön für das sagen, was Sie für den Aufbau dieser Republik getan haben“ – so umwarb Angela Merkel die Teilnehmer der Festveranstaltung zum 60-jährigen Bestehen des Bundesverbands der Freien Berufe (BFB) am 4. März in Berlin. Und BFB-Präsident Dr. med. Ulrich Oesingmann versäumte in seiner Festansprache nicht – rechtzeitig vor den Wahlen –, auf den möglicherweise entscheidenden Einfluss der Angehörigen der freien Berufe hinzuweisen: „Wir stehen mit den Menschen in Kontakt, reden mit ihnen. Jeder Deutsche geht rund 18 Mal pro Jahr zum Arzt. Diese Kontaktzahl können selbst die tapfersten Wahlkämpfer nicht erreichen!“
Angela Merkel: „Sie verkörpern einen wichtigen Teil des Geistes der sozialen Marktwirtschaft. Sie tragen ganz wesentlich dazu bei, dass diese ein Erfolgsmodell ist.“
Angela Merkel: „Sie verkörpern einen wichtigen Teil des Geistes der sozialen Marktwirtschaft. Sie tragen ganz wesentlich dazu bei, dass diese ein Erfolgsmodell ist.“

Bei aller Anerkennung der Verdienste der freien Berufe für Wirtschaft und Gesellschaft – viel Konkretes hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel für die Festgäste nicht mitgebracht, wenn man einmal von der Zusage absieht, dass auch die freien Berufe von den Regelungen der Kurzarbeit unter bestimmten Voraussetzungen Gebrauch machen könnten. „Es ist zwar heute Geburtstag, aber nicht alle Wünsche werden sofort erfüllt“, sagte Merkel mit Blick auf die vom BFB angeregten Steuererleichterungen bei der Benutzung von Dienstwagen. Hierdurch würde die deutsche Automobilindustrie mehr unterstützt, als dies derzeit durch die Abwrackprämie geschehe, argumentiert der BFB. Da sei etwas Wahres dran, meinte die Kanzlerin; zusagen wollte sie jedoch diesbezüglich nichts. Sehr positiv äußerte sich die Kanzlerin zu der im BFB vorangetriebenen Diskussion um die eigenen Wertvorstellungen und die Definition eines Leitbilds. Dies trage zu einem Selbstbewusstsein bei, auf dessen Grundlage zum Beispiel das „Spannungsfeld zwischen niedergelassenen Ärzten und angestellten Ärzten in Gesundheitsfabriken“ im Sinne des Freiberuflerdaseins leichter aufgelöst werden könne. Die Präzisierung eines Leitbilds der freien Berufe könne auch nützlich sein bei den Auseinandersetzungen auf europäischer Ebene um das Wettbewerbsrecht und die damit einhergehende Regulierung beziehungsweise Deregulierung freiberuflicher Arbeitsmöglichkeiten. Merkel: „Soll ich auf kurzfristige Gewinnmaximierung abstellen, oder stelle ich zum Beispiel auf das Gute der Beratung, der langfristigen Bindung, des Aufbaus von Vertrauen ab?“

Anlässlich des 60-jährigen Bestehens des Bundesverbandes der Freien Berufe präsentierte BFB-Präsident Oesingmann in Berlin zehn Kernthesen, die das moderne Leitbild der freien Berufe in komprimierter Form beschreiben sollen. Gerade angesichts der aktuellen Wirtschaftskrise sei es notwendig, in der Öffentlichkeit und gegenüber der Politik zu verdeutlichen, was die freien Berufe so besonders mache, wie sich ihre Angehörigen vom Dienstleistungsgewerbe unterschieden und wodurch ihre berufsrechtliche Sonderstellung gerechtfertigt sei. Oesingmann verwies vor allem auf die persönliche Leistungserbringung, den rigorosen Vertrauensschutz und die Verpflichtung der Angehörigen der freien Berufe auf das Allgemeinwohl. Kompetenz, Unabhängigkeit, Vertrauen und persönliche Leistungserbringung bildeten die vier Achsen des freiberuflichen Koordinatensystems.
BFB-Präsident Ulrich Oesingmann: „Wir sind mehr als eine Million Selbstständige mit fast drei Millionen Mitarbeitern. Wir schaffen rund zehn Prozent des Bruttoinlandprodukts. In eine Nische kann man uns nicht quetschen.“ Fotos: BFB/Mario Firyn
BFB-Präsident Ulrich Oesingmann: „Wir sind mehr als eine Million Selbstständige mit fast drei Millionen Mitarbeitern. Wir schaffen rund zehn Prozent des Bruttoinlandprodukts. In eine Nische kann man uns nicht quetschen.“ Fotos: BFB/Mario Firyn

„Wir haben den Eindruck, dass die Großbetriebe bei den politischen Entscheidungen der vergangenen Jahre mehr im Vordergrund gestanden haben“, kritisierte Oesingmann. Man sollte sich jedoch wieder mehr auf die kleineren Einheiten besinnen. „Die Notlage, in die unsere Volkswirtschaft mehr und mehr gerät, hat auch damit zu tun, dass ein Werteunterbau fehlt oder zumindest immer mehr wegrutscht.“ Das neu formulierte Leitbild solle jedoch nicht nur nach außen wirken, sondern auch eine Selbstverpflichtung für die Angehörigen der freien Berufe sein, betonte Oesingmann. „Denn mit dem Formulierten bieten wir auch der Öffentlichkeit, der Gesellschaft, den Verbrauchern, Klienten, Patienten und Mandanten eine Messlatte, um deren Erreichen wir uns bemühen und bei unseren Mitgliedern werben.“

Der Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt (SPD) warf Oesingmann vor, sich explizit gegen das Konzept der Freiberuflichkeit mit der Begründung ausgesprochen zu haben, diese passe nicht mehr in die Zeit. Entsprechend würde die Ministerin mit ihrer Gesetzgebung handeln: „Sie versucht, Marktmechanismen auf einem Markt durchzusetzen, wo es keinen Markt geben kann.“ Als Beispiel nannte Oesingmann den Ausbau Medizinischer Versorgungszentren in nicht ärztlicher Trägerschaft.

Kompetenzen der freien Berufe in der Krise nutzen
Vor dem Hintergrund der Wirtschaftsentwicklung betonte er die Kompetenzen der Angehörigen der freien Berufe, die zur Bewältigung der Krise zur Verfügung stünden. „Wir stehen bereit für Beratungen auch schon in den Ministerien, aber nicht erst dann, wenn alles schon fertig ist.“ Oesingmann begrüßte es, dass demnächst Änderungen beim Kurzarbeitergeld geplant seien, die es freiberuflichen Praxen ermöglichten, davon Gebrauch zu machen.

Konkret forderte er, bei den geringwertigen Wirtschaftsgütern die sofortige steuerliche Abzugsfähigkeit wiederherzustellen. Die degressive Abschreibung solle verstärkt werden. Oesingmann sprach sich zudem für erleichterte Steuerstundungen und die Senkung von Vorauszahlungen aus. „Die Liquidität muss in den Kanzleien, Büros und Praxen bleiben und nicht erst abgezogen und dann mühsam wieder zugeführt werden.“
Thomas Gerst

60 Jahre BFB
Bereits im Jahr 1948 bündelten die Kammern und freien Verbände auf Landesebene ihre Kräfte und schlossen sich in Hamburg, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein, Hessen und Niedersachsen zu Landesverbänden zusammen.
Auf Einladung der Arbeitsgemeinschaft der Westdeutschen Ärztekammern fand am 9. Juli 1949 in Bad Nauheim eine gemeinsame Tagung bereits bestehender Organisationen der freien Berufe statt; wenig später erfolgte deren Zusammenschluss im Bundesverband der Freien Berufe mit Sitz in Düsseldorf.
Als zahlenmäßig größte Gruppe innerhalb des neuen Bundesverbandes konnten die Ärzte sicher sein, dass ihre Belange von Beginn an ausreichend Berücksichtigung fanden.

Das Leitbild im Internet:
www.aerzteblatt.de/09/488
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