ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2009Simbabwe: Hoffnung auf Stabilität

POLITIK

Simbabwe: Hoffnung auf Stabilität

Dtsch Arztebl 2009; 106(11): A-496 / B-424 / C-412

Neuber, Harald

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Wegen des innenpolitischen Konflikts entwickelte sich die Cholera-Epidemie in Simbabwe besonders verheerend. Staatliche Institutionen, vor allem auch die des Gesundheitswesens, waren zuletzt kaum mehr arbeitsfähig. Foto: AP Photo/Tsvangirayi Mukwazhi
Wegen des innenpolitischen Konflikts entwickelte sich die Cholera-Epidemie in Simbabwe besonders verheerend. Staatliche Institutionen, vor allem auch die des Gesundheitswesens, waren zuletzt kaum mehr arbeitsfähig. Foto: AP Photo/Tsvangirayi Mukwazhi
Koalitionsregierung in Simbabwe: Unter der neuen Führung könnte die Cholera-Epidemie eingedämmt werden.

Erstmals seit Jahren bestand in Simbabwe Hoffnungen auf ein dauerhaftes Ende des innenpolitischen Konflikts zwischen dem langjährigen Staats- und Regierungschef Robert Mugabe und der Opposition. Mit einem Pakt der verfeindeten politischen Lager wuchs auch die Zuversicht, die verheerende Cholera-Epidemie in den Griff zu bekommen, die in dem südafrikanischen Staat bereits Tausende Menschenleben gefordert hat.

Mitte Februar hat das Kabinett von Premierminister Morgan Tsvangirai seinen Amtseid abgelegt. Der frühere Oppositionsführer aus der Bewegung für Demokratischen Wandel (MDC) gehört damit einer gemeinsamen Regierung mit der Mugabe-Partei ZANU-PF an. Der politische Pakt war mithilfe von Regionalstaaten, vor allem dem benachbarten Südafrika, ausgehandelt worden. Zwar bleibt Mugabe Staats- und Regierungschef, der mitunter bürgerkriegsähnliche Konflikt zwischen den beiden politischen Lagern schien aber zumindest bis zu dem Verkehrsunfall Tsvangirais am 6. März beigelegt.

Nach Angaben der Welthungerhilfe sind seit dem Ausbruch der Cholera im Sommer vergangenen Jahres mehr als 3 300 Menschen an den Folgen der Erkrankung gestorben, 65 000 haben sich infiziert. Die Epidemie hatte sich vor allem in den Wochen nach dem Jahreswechsel massiv ausgebreitet: Bis Ende 2008 hatten nach Angaben von Hilfsorganisationen 1 000 Einwohner des 11-Millionen-Staates ihr Leben verloren, seither starben weitere 2 200. Inzwischen greift die Krankheitswelle auch in andere Staaten der Region über. In Südafrika wurden knapp 10 000 Cholera-Infektionen registriert, ähnliche Berichte gibt es aus Mosambik. In Simbabwe hat sich die Epidemie besonders verheerend entwickelt, weil staatliche Institutionen durch den innenpolitischen Konflikt zuletzt kaum mehr arbeitsfähig waren.

Dabei galt Simbabwe bei Experten in Industrieländern lange Zeit als Modellstaat. Doch trotz reicher Bodenschätze und einem günstigen Klima für die Landwirtschaft leidet die frühere britische Kolonie bis heute unter den Folgen des Kolonialismus. Auch deswegen kam 1980 Robert Mugabe an die Regierung. Der Politiker und seine Partei ZANU-PF sahen und sehen sich in der Tradition der Befreiungsbewegungen gegen die europäischen Kolonialmächte. Mugabe gelang es jedoch nicht, einen eigenständigen und modernen Staat zu entwickeln. Als Fehlentscheidung entpuppte sich vor allem seine Anweisung, weiße Farmer – Nachkommen britischer Einwanderer – in den vergangenen Jahren zu enteignen. Weil die brachliegenden Flächen aus Mangel an Maschinen und Know-how nicht bearbeitet werden konnten, brach die Agrarproduktion ein. Die Arbeitslosigkeit liegt heute bei gut 80 Prozent, die Inflation ist die höchste der Welt. Seit Jahren läuft die Opposition gegen Mugabes Führung Sturm. Tsvangirais MDC distanziert sich von der antikolonialen Rhetorik der Regierung und sucht den wirtschaftlichen Anschluss an die Industriestaaten.

Inmitten dieses Konflikts brach im vergangenen Sommer die Cholera-Epidemie aus. Zwar leiden alle Länder des südlichen Afrikas unter einer unzureichenden Trinkwasserversorgung – das Thema fand auch deswegen in den Millenniumszielen der Vereinten Nationen (UN) Beachtung –, aber in Simbabwe macht die schwierige innenpolitische Lage ein effektives Krisenmanagement fast unmöglich. Nach Angaben des UN-Kinderhilfswerks UNICEF haben in den vergangenen Monaten wegen des Konflikts und der Wirtschaftskrise immer mehr Mitarbeiter der Gesundheitsbehörden ihren Dienst quittiert. Als Gründe seien fehlende Bezahlung, unzureichende Transportmöglichkeiten und begrenztes Arbeitsmaterial angeführt worden. Auch das UN-Koordinationsbüro für humanitäre Hilfe (OCHA) schlägt Alarm. Nach Angaben dieser Behörde können die Krankenhäuser in Simbabwe kaum mehr Notdienste aufrechterhalten. Es herrscht Mangel an allen Ecken und Enden.

Im Schatten der Epidemie und der politischen Krise Simbabwes finden die Cholera-Ausbrüche in anderen Staaten der Region indes kaum die Beachtung der internationalen Medien. Anfang Februar bereits hatte die Erkrankung in Südafrika 50 Todesopfer gefordert. Weil besonders die an Simbabwe grenzenden Provinzen Mpumalanga und Limpopo betroffen sind, wurde zunächst eine Verschleppung der Seuche durch Flüchtlinge vermutet. Gesundheitsexperten verwiesen jedoch darauf, dass auch in Südafrika eine mangelhafte Infrastruktur zu den Infektionen führt. „Wir haben hier immer noch Orte, in denen der eine sich nach der Toilettennutzung die Hände im selben Fluss wäscht, aus dem der andere Trinkwasser schöpft“, sagte die Ärztin Lucille Blumberg gegenüber der Deutschen Nachrichten-Agentur. Auch die südafrikanische Wochenzeitung „Mail & Guardian“ berichtete über Probleme im öffentlichen Dienst der betroffenen Kommunen sowie über marode Abwasser- und Kläranlagen.

Ähnlichen Problemen sieht sich Mosambik gegenüber, von wo bereits Ende der dritten Januarwoche knapp 100 Tote und 10 000 Cholera-Infizierte gemeldet wurden. Die Reaktionen auf die regionale Epidemie sind jedoch unterschiedlich. In Südafrika rief die zuständige Ministerin Barbara Hogan schon Ende Januar die höchste Alarmstufe für alle Gesundheitseinrichtungen des Landes aus. Auch das Internationale Rote Kreuz wies nachdrücklich auf die Notwendigkeit hin, die Seuche einzugrenzen.

Vor allem in Südafrika ist die Epidemie nicht nur ein humanitäres, sondern auch ein wirtschaftliches Problem: Nachdem Cholera-Bakterien vor wenigen Wochen in den Gewässern des Krüger-Nationalparks nachgewiesen wurden, befürchtet die Regierung einen Einbruch des Tourismusgeschäfts. Die Parkverwaltung beteuert, das Trinkwassersystem sei nicht kontaminiert. Weder für Besucher noch für Mitarbeiter des international bekannten Tierparadieses bestünde eine ernsthafte Gefahr, so Raymond Travers, der Sprecher der Parkverwaltung.

In dem am schwersten betroffenen Land Simbabwe versuchen internationale Hilfsorganisationen indes, den schlimmsten je registrierten Ausbruch der Cholera in den Griff zu bekommen. Die Welthungerhilfe hat in den vergangenen Wochen zusätzliche Behandlungszentren für rund 135 000 Personen eingerichtet. Gemeinsam mit einer britischen Partnerorganisation habe man in der Hauptstadt Harare und in den nördlichen Provinzen des Landes entsprechende Strukturen aufgebaut. Von den zehn Provinzen Simbabwes sind die nördlichen besonders von der Cholera-Epidemie betroffen. Die Hilfsorganisationen konzentrieren sich neben der Lieferung von Medikamenten auf die Verteilung von Wassertanks. Auch sei die Elektrizitätsversorgung unzureichend, heißt es aus dem Büro der UN-Organisation OCHA. Schon vor einem Monat hatte die Internationale Föderation der Rotkreuzgesellschaften einen dringenden Spendenaufruf gestartet.

Die Länder der Europäischen Union reagieren auf die politische und humanitäre Krise in Simbabwe mit einer Doppelstrategie. Das Auswärtige Amt in Berlin hatte für Hilfslieferungen Ende Januar bereits zusätzliche Mittel in Höhe von einer Million Euro zur Verfügung gestellt. Seit dem vergangenen Jahr hat das Auswärtige Amt damit humanitäre Projekte in Simbabwe mit 3,2 Millionen Euro unterstützt. Kurz vor der Vereidigung des neuen gemeinsamen Kabinetts aus Kräften des Mugabe-Lagers und der Opposition um Morgan Tsvangirai hatte die EU zudem die bestehenden Sanktionen gegen die Staatsführung in Simbabwe verstärkt. Die Außenminister der 27 Mitgliedstaaten nahmen zusätzliche 60 Personen und Unternehmen aus Simbabwe in eine Schwarze Liste auf, die bislang 166 solcher Namen enthielt. Die aufgelisteten Personen und Firmen müssen mit Reisebeschränkungen und Kontosperrungen im Ausland rechnen. Großbritanniens Außenminister David Miliband begründete die Sanktionsmaßnahmen ausdrücklich mit der humanitären Situation in Simbabwe, um sie mit politischen Forderungen zu verbinden: Zunächst gelte es, die „andauernde Tragödie“ zu beenden, um dann den „demokratischen Wunsch nach einem Wandel“ umzusetzen. Ein gewagtes Vorgehen: Der politische Druck aus der ehemaligen Kolonialmacht Großbritannien auf das Mugabe-Lager könnte die noch fragile Koalitionsregierung ins Wanken bringen. In diesem Fall wären die Hoffnungen auf politische Stabilität und eine nachhaltige Verbesserung der humanitären Lage zunichte gemacht.
Harald Neuber
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema