THEMEN DER ZEIT: Porträt

Das Porträt mit Prof. Dr. med. Nguyen Thanh Liem, Facharzt für Kinderchirurgie: Ein wahrer Nationalheld

Dtsch Arztebl 2009; 106(11): A-508 / B-436 / C-422

Merten, Martina

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
Nguyen Thanh Liem führte seine erste endoskopische Operation an Hühnern durch. Das Porträt von Liem beschließt die kleine Artikelserie zu Vietnam (Titelaufsatz in Heft 6/2009 und Bericht über das Dorf der Freundschaft in Heft 9/2009). Foto: Martina Merten
Nguyen Thanh Liem führte seine erste endoskopische Operation an Hühnern durch. Das Porträt von Liem beschließt die kleine Artikelserie zu Vietnam (Titelaufsatz in Heft 6/2009 und Bericht über das Dorf der Freundschaft in Heft 9/2009). Foto: Martina Merten
Ohne Liem würden Dutzende von Kindern in Vietnam nicht mehr am Leben sein. Der Pädiater schaffte es, in einem Land der begrenzten ärztlichen Möglichkeiten erstmals Lebern und Nieren zu transplantieren.

Mit Prof. Dr. med. Nguyen Thanh Liem eine Stunde zu verbringen ist wie mit anderen Menschen Tage. Denn der Direktor des Nationalen Krankenhauses für Pädiatrie in Hanoi besitzt die Gabe, so anschaulich und farbig über die unzähligen Stationen seines bunten Lebens zu erzählen, dass man am Ende tatsächlich glaubt, ihn schon etwas länger zu kennen, und sich darüber wundert, nur so wenig Zeit mit ihm verbracht zu haben.

Dabei ist der Facharzt für Kinderchirurgie kein Mann der großen Gesten. Auch seine Gesichtszüge verändern sich beim Erzählen kaum. Liems Hände ruhen vor ihm auf dem Konferenztisch. Er leitet die vielen Stationen seines bislang 56-jährigen Lebens nicht einmal groß ein. Grund dazu hätte er, schließlich ist der Name Liem allen Ärzten Vietnams bestens vertraut. Auch dem einfachen Mann auf der Straße ist Liem ein Begriff, denn in den großen Tageszeitungen der Hauptstadt berichten Journalisten regelmäßig von ihm. Der Pädiater hat so vielen Kindern das Leben gerettet, dass er aufgehört hat, sie zu zählen. 2004 transplantierte er als erster Facharzt für Kinderchirurgie in Vietnam eine Niere, ein Jahr später führte er die erste Lebertransplantation durch und operierte am offenen Herzen eines Kindes.

Von anderen Ländern lernen
In Deutschland hätte die Regierung Liem sicherlich nicht zum „National Hero of Labour“ erklärt. Schließlich ist das deutsche Gesundheitssystem sehr gut ausgestattet. In einem Land wie Vietnam aber, in dem der Staat gerade einmal 20 Euro pro Kopf im Jahr für die Gesundheit ausgeben kann und viele ihr letztes Geld für eine ärztliche Behandlung hergeben müssen, genießt Liem hohes Ansehen. Es bedurfte jahrelanger Anstrengungen, um die chirurgische Versorgung von Kindern dorthin zu bringen, wo sie heute ist. Aber, sagt Liem – und erstmals spiegelt auch sein Blick die Begeisterung für sein Tun wider –, „wenn man in Vietnam etwas schaffen will, dann schafft man es auch“.

Aufs Liems Leben traf diese Einstellung zu. Vielleicht hat sie ihm von vornherein geholfen, in allem, was er tat, gut zu sein. Es reichte ihm nicht, wie viele seiner Kollegen nur in Vietnam zu praktizieren. Er wollte wissen, wie in anderen Ländern gearbeitet wird. Bereits als 33-Jähriger ging der Pädiater für sechs Monate nach Schweden. Sein Krankenhaus kooperierte mit einem dortigen. Die skandinavischen Kollegen konnten nicht glauben, was Liem ihnen aus Vietnam berichtete: „Als ich ihnen erzählte, dass bei uns nur sechs Prozent aller Kinder nach chirurgischen Eingriffen überleben, dachten sie, sie hätten sich verhört. Sie glaubten, es liege an meinem Englisch.“ Liem lacht.

Deutsche Firma stellte Geräte
Es lag nicht an seiner Aussprache. In Vietnam wussten Ärzte zum damaligen Zeitpunkt nicht, dass eine konstante Körpertemperatur vor und während einer Operation überlebenswichtig ist. Viele Kinder erlagen aufgrund der Temperaturschwankungen anschließend schweren Infekten. Liem sog während seines Aufenthalts alles Wissenswerte auf. Und er erlernte ein neues Verständnis von Teamarbeit zwischen Fachdisziplinen, das er aus seinem eigenen Land nicht kannte. „Es war nicht einfach, meine Kollegen zu Hause nach meiner Rückkehr von all dem Neuen zu überzeugen. Aber es klappte. Schritt für Schritt.“

Gute zehn Jahre später gelang Liem ein weiterer Quantensprung: Er führte die endoskopische Kinderchirurgie ein. „Wir hatten weder das Wissen noch die Geräte, um endoskopisch zu operieren“, erinnert sich der Arzt. Während eines längeren Aufenthalts in Frankreich ließ ein Kollege den Pädiater in einer kleinen Pariser Praxis an Hühnern üben. Zurück in Hanoi traute Liem sich zunehmend laparoskopische Eingriffe bei Kindern zu. Er nahm Kontakt zu der deutschen Firma Karl Storz auf, die ihm über mehrere Monate Geräte auslieh. Bis sein Krankenhaus irgendwann so weit war, Storz die Geräte abzukaufen.

Wiederum einige Jahre später dachte Liem über Nieren- und Lebertransplantationen bei Kindern nach. Schließlich musste er tagein, tagsaus zusehen, wie viele kleine Jungen und Mädchen ihrem Nierenoder Leberleiden erlagen. Nicht einmal für ein Dialysegerät hatte sein Krankenhaus Geld. In Momenten der Hilflosigkeit, berichtet Liem, habe er sich immer an Menschen im Ausland gewandt. Er ging seine Visitenkarten durch, las Fachaufsätze und versuchte, wo es nur ging, neue Kontakte zu knüpfen. „Jeden, den ich auf internationalen Kongressen getroffen habe, habe ich nach Vietnam eingeladen“, erzählt Liem.

Rettende Hilfe aus Südkorea
Prof. Jean J. Conté, einem Arzt aus Frankreich, schrieb Liem 2004 kurzerhand eine E-Mail, in der er die missliche Lage in Vietnam schilderte. Der Franzose kam tatsächlich nach Vietnam, lehrte Liem und seinen Kollegen am National Hospital of Paediatrics alles Wissenswerte über die Transplantation von Nieren und spendete das erste Dialysegerät. Ein weiterer Kontakt zu Hung Jalee aus Korea verschaffte Liem die notwendige Expertise, um eine Leber zu transplantieren. „Die Koreaner haben sich sicherlich daran erinnert, wie schlecht es ihrem Land vor nicht einmal 20 Jahren ging“, erklärt sich Liem die Hilfsbereitschaft. Das Samsung Medical Center und Hospital in Seoul, an dem der Koreaner Hung arbeitet, spendete dem vietnamesischen Pädiater 200 000 US-Dollar für Geräte. Inzwischen unterstützen Ärzte aus der ganzen Welt Liems Krankenhaus, neben den Franzosen und Koreanern auch australische, schwedische und Kollegen aus den USA.

Am Ende des Gesprächs klopft ein Kollege Liems an die Tür des Konferenzraums. Er erinnert den Arzt an die bevorstehende Operation. Liems Stundenplan ist eng getaktet. „Zumindest samstagnachmittags und sonntags versuche ich, Zeit für meine Tochter zu finden“, sagt Liem. Sie sei erst 14. Für seinen Sohn – er sei 24 Jahre alt – sei immer viel zu wenig Zeit geblieben. Denn Liem hat sich um das Überleben vieler Kinder gekümmert.
Martina Merten
Anzeige

    Leserkommentare

    E-Mail
    Passwort

    Registrieren

    Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

    Fachgebiet

    Zum Artikel

    Alle Leserbriefe zum Thema

    Login

    Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

    E-Mail

    Passwort

    Anzeige