ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2009Kinder- und Jugendpsychiatrie: Herausforderungen der Zukunft

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Kinder- und Jugendpsychiatrie: Herausforderungen der Zukunft

Gieseke, Sunna

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LNSLNS Auf dem diesjährigen Kongress der Kinder- und Jugendpsychiater stand die Prävention psychischer und psychosomatischer Störungen im Mittelpunkt.

Psychische Störungen beginnen – im Gegensatz zu fast allen anderen komplexen Erkrankungen – bereits früh im Leben. Zudem implizieren sie ein hohes individuelles Leid ebenso wie erhebliche sozioökonomische Folgekosten. Dies berichtete Prof. Dr. med. Johannes Hebebrand, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP), auf dem diesjährigen Kongress der Gesellschaft Anfang März in Hamburg. „Etwa die Hälfte aller Erwachsenen datiert den Beginn der ersten Symptome vor das 14. Lebensjahr“, erklärte Hebebrand. „Psychische Störungen stellen den häufigsten Grund für Arbeitsunfähigkeit vor dem 45. Lebensjahr dar.“ Diese Störungen bedingten zudem, dass Kinder oft nicht den Schulabschluss erreichten, den sie gemäß ihrer kognitiven Fähigkeiten erreichen könnten – und die Bedeutung psychischer Störungen nehme in Zukunft vermutlich noch weiter zu, so Hebebrand.

ADHS ist eine Modekrankheit
Der 31. Kongress – mit mehr als 1 800 Besuchern und 143 Veranstaltungen – stellte daher die Prävention psychischer und psychosomatischer Störungen in den Mittelpunkt. Vor allem sei es wichtig, weiter zu forschen, um die Ursachen psychischer Störungen besser ergründen zu können. Dies zeige sich unter anderem bei dem Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom (ADHS). „Das Syndrom ist eine Modekrankheit geworden“, sagte Dr. Myriam Menter, Vorsitzende von ADHS Deutschland. „Selbst Lehrer glauben inzwischen, sie könnten diese Krankheit treffsicher diagnostizieren. Dabei brauchen wir hierfür gut ausgebildete Kinder- und Jugendpsychiater.“ Das Problem sei allerdings, dass es in Deutschland nicht genügend Experten dafür gebe. „Die Betroffenen müssen bis zu sechs Monate auf einen Therapieplatz warten“, beklagte sich Menter. Eine verlässliche Diagnostik und Therapie psychischer Störungen im Kindes- und Jugendalter sei darüber hinaus ohne die Einbeziehung von Eltern und Lehrern nicht möglich. Daher müssten die Kinder und Jugendlichen wohnortnah betreut werden. Leider seien Kinder und Jugendliche mit psychischen und psychosomatischen Störungen aber ambulant dramatisch unterversorgt. Für 18 Millionen junge Menschen gebe es bundesweit lediglich 700 Praxen, berichtete Hebebrand.

In absehbarer Zeit werde sich die Situation nicht verbessern: Noch immer gebe es keine Anschlussregelung der Sozialpsychiatrie-Vereinbarung ab dem 1. April 2009, sagte Dr. Maik Herberhold, Vorsitzender des Bundesverbandes für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. „Die Gespräche zu einer bundesweiten und kassenübergreifenden Fortführung der Sozialpsychiatrie-Vereinbarung sind am 11. Februar ergebnislos vertagt worden, obwohl die Bundesregierung in einem Gesetzesentwurf die Verpflichtung zu einer solchen Vereinbarung klargestellt hat.“ Dem Spitzenverband der Krankenkassen sei es bislang offensichtlich nicht gelungen, Einigkeit unter den Krankenkassen herzustellen. Herberhold befürchtet nun, dass viele Praxismitarbeiter entlassen werden müssen.
Sunna Gieseke
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