ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2009Lebensende: Erkenntnistheoretischer Argumentationsfehler
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Die Autoren begründen die Missachtung der Patientenverfügung des prominenten Arztes DeBakey mit dem Wunsch der Ehefrau sowie mit der Abwägung des klinischen Ethikkomitees zwischen dem Selbstbestimmungsrecht und dem möglichen Nutzen der Aortenaneurysma-Operation. Leider ist diese Argumentation ein eklatantes Beispiel für eine erkenntnistheoretisch fehlerhafte Schlussfolgerung, nämlich für den Schluss vom Faktum auf das Sollen (naturalistic fallacy). Die Tatsache, dass die Operation gelang und DeBakey sich hinterher bedankte, ist keine Rechtfertigung für eine fehlerhafte Entscheidung: Die ethische Beurteilung einer Entscheidung kann nämlich nicht nachträglich durch ihre faktischen Konsequenzen begründet werden. Die Schlussfolgerung, dass die Ärzte „mit der Missachtung der Patientenverfügung einen verantwortlichen Umgang mit ihr bewiesen“, ist schon allein dadurch widerlegt, dass – wie die Autoren selbst einräumen – diese Bewertung wohl gänzlich anders ausgefallen wäre, wenn DeBakey bei der Operation verstorben wäre oder sie als schwerster Pflegefall überlebt hätte. Nur hätte er sich dann nicht mehr beschweren können. Diese argumentativen Mängel belegen indirekt die berechtigte Forderung der Autoren, den Bereichen Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin mehr Gewicht in der ärztlichen Ausbildung einzuräumen.

Prof. Dr. med. Gian Domenico Borasio, Lehrstuhl für Palliativmedizin, Interdisziplinäres Zentrum für Palliativmedizin (IZP), Klinikum der Universität
München – Großhadern, 81366 München
Prof. Dr. med. Eckhard Frick, Hochschule für Philosophie München, Philosophische Fakultät SJ, Kaulbachstraße 31, 80539 München
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