ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2009Suchterkrankungen: Zu häufig bagatellisiert
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Wehret den Anfängen! Niemand wird als Suchtkranker geboren. Den Ausführungen der Autoren zur voll entwickelten Sucht als Krankheit kann man nur zustimmen, auch dem „zur Entstehung und Verlauf tragen konstitutionelle und verhaltensbestimmte Faktoren bei“. Allerdings vermisse ich jeden Hinweis zur Prävention. So stoße ich mich denn auch an dem letzten Satz: „Hinweise auf Selbstverursachung zielen ins Leere.“ Diese Aussage erscheint zu kurz gegriffen, zu pauschalierend, zu vereinfachend. Man denke nur an das Phänomen „Komasaufen“ oder den in die engere Wahl zum Unwort des Jahres gezogenen Ausdruck „unterhopft sein“ ( noch nicht genügend Bier im Körper!). In dieser oft jahrelangen Phase sind noch keine „fortbestehenden Hirnfunktionsstörungen“ eingetreten. Die lange Reihe physischer und psychischer Schäden unmäßigen Alkoholgenusses unterschiedlichster Tragweite gehören zum Allgemeinwissen, nicht nur zum Alltag von Psychiatern und Notärzten, werden aber meist – von Alkohol am Steuer einmal abgesehen – als eine Art Kavaliersdelikt von der Solidargemeinschaft inklusive GKV achselzuckend zur Kenntnis genommen und beglichen. Ein Verweis auf die persönliche Einzelverantwortung unterbleibt, zu einer Buße Halbwüchsiger etwa in Form von Straßenreinigung oder irgendeiner finanziellen Wiedergutmachung kommt es so gut wie nie. Dieses Hinwegsehen und Bagatellisieren durch die Gesellschaftsmehrheit hat dann zumindest in einem Teil der Fälle nach Jahren Sucht zur Folge. Überspitzt könnte man sagen: „Jede Gesellschaft hat die Süchtigen, die sie verdient.“ Dabei bin ich mir der im Erwachsenenalter oft schwer zu ziehenden Grenze zwischen verantwortbar-schuldhaftem Verhalten und subjektiv nicht mehr beeinflussbarer Krankheit bewusst.
Dr. med. Hubert Bohr, Saarstraße 13, 66798 Wallerfangen

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote