ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2009Martin Luther: Ergänzungen
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. . . Richtig ist, dass es keine bedeutende Persönlichkeit aus dem Mittelalter gibt, über deren Krankheiten man so viel weiß wie bei Luther. Luther pflegte eine ausgiebige Korrespondenz und war fast immer von zahlreichen Freunden umgeben, die ausführlich über alle Unterhaltungen und Beobachtungen berichtet haben, und diese sind veröffentlicht und gut zugänglich. Die genannten Symptome Tinnitus und Ohnmachtsanfälle sind in diesen Dokumenten sehr genau beschrieben und können mit dem heutigen medizinischen Wissensstand einwandfrei gedeutet werden. Der erste schwere Anfall ereignete sich am Abend des 6. Juli 1527, Luther war 43 Jahre alt, und begann mit einem heftigen Sausen im linken Ohr. Dies wurde rasch heftiger und schien bald den ganzen Kopf zu erfassen. Dann „ging ihm eine Ohnmacht zu“ mit Übelkeit, Blässe, Schweißausbruch und einem Vernichtungsgefühl. Luther verlor aber nie das Bewusstsein, sondern betete laut, weil er glaubte, sein Ende sei gekommen. Diese Ereignisse sind durch den Freund Luthers, D. Justus Jonas, der wegen eines geplanten gemeinsamen Abendessens anwesend war, ausführlich geschildert; allein die Gebete, die Luther sprach, sind in über 100 Zeilen wörtlich wiedergegeben. Nach einem tiefen Schlaf war das Unwohlsein verschwunden, nur das Ohrensausen blieb. Diese Anfälle haben sich in unregelmäßigen Abständen wiederholt und sind oft durch genaue Orts- und Zeitangaben dokumentiert. Nach einigen Jahren nahmen die Anfälle an Häufigkeit ab. Dies ist der klassische Verlauf einer Erkrankung des Innenohrs, hier des linken, die 1861, also 330 Jahre später, von Prosper Menière zuerst beschrieben worden ist und seither nach ihm benannt wird. Luther und seine Zeitgenossen empfanden dieses Leiden als Heimsuchungen des Satans. „Weil ich fühle, dass es keine natürliche Krankheit ist, ertrage ich es mutiger und verachte die satanischen Faustschläge auf mein Fleisch“, oder an anderer Stelle „Ich acht, es sey der schwarze zoticht geselle aus der hellen gewest, der mich ynn seinem reich auff erden nicht wol leiden mag.“ Gestorben ist Martin Luther wahrscheinlich an einem Herzinfarkt, der sich auf einer Reise nach Eisleben am 1. Februar 1546 mit einem Kompressionsgefühl des Herzens, Erstickungsnot und Schwäche im linken Arm ankündigte und am 17. Februar nach einem ähnlichen Anfall zum Tode führte. Eine ausführliche Darstellung findet man in: Feldmann, H: Martin Luthers Anfallsleiden: Sudhoffs Archiv 73 (1989) 26–44; oder in: Feldmann, H: Martin Luthers Krankheiten. 1996, Katalog der Ausstellung zum 450. Todestag. Wartburg und Eisenach. Hrsg. von der Wartburg-Stiftung Eisenach 1996, 93–98.
Prof. Dr. med. Dr. h. c. Harald Feldmann, Schillerstraße 2, 48341 Altenberge
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