ArchivDeutsches Ärzteblatt20/1997Verzahnung ambulant/stationär: Ärztliche Kooperation ist gefordert

POLITIK: Aktuell

Verzahnung ambulant/stationär: Ärztliche Kooperation ist gefordert

Korzilius, Heike

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LNSLNS Unnötige Krankenhauseinweisungen, Doppeluntersuchungen und Doppelinvestitionen sind Schlagworte, die signalisieren, daß beim Übergang der Patienten von der ambulanten in die stationäre Versorgung einiges im argen liegt. Ärzte, Krankenkassen und Politiker sind sich einig: "Hier kann gespart werden." Über das "Wie" wurde im Rahmen eines Symposiums der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) Ende April in Königswinter diskutiert. Aus Sicht der Kassenärzte schafft das 2. GKVNeuordnungsgesetz dringend benötigte Möglichkeiten, Modellversuche für eine bessere Verzahnung zu erproben.


Unbestritten ist bei den Beteiligten im Gesundheitswesen die Prämisse "soviel ambulant wie möglich, soviel stationär wie nötig", um eine kostengünstige, aber dennoch qualitativ hochwertige medizinische Versorgung der Patienten sicherzustellen. Die Erwartungen an eine bessere Verzahnung von ambulantem und stationärem Sektor beispielsweise im Rahmen des ambulanten Operierens sind jedoch nach den Worten des 2. Vorsitzenden der KBV, Dr. med. Eckhard Weisner, nicht erfüllt worden. Für die Krankenhäuser habe es aufgrund ihres ohnehin festgelegten sektoralen Budgets keinen Anreiz gegeben, die Zahl ambulanter Operationen zu steigern. Statt dessen habe eine Verlagerung in den ambulanten Bereich stattgefunden, ohne daß die niedergelassenen Ärzte hierfür angemessen honoriert würden. Weisner hält diesen Mechanismus für kontraproduktiv: "Das Geld muß der Leistung folgen, sonst kehrt sich die Verlagerung aus dem stationären in den ambulanten Sektor wieder um." Beispielsweise betrage die Fallpauschale für eine Nasenscheidewandkorrektur im Krankenhaus 3 070 DM. Der niedergelassene Arzt erhalte für die gleiche Leistung nur 610 DM. Den Grund für derartige Verwerfungen und Versuche, Kosten "abzuschieben", sieht Dr. jur. Rainer Hess, Hauptgeschäftsführer der KBV, in der strikten Abgrenzung der sektoralen Budgets. Sie erschwerten die gemeinsame Nutzung von Ressourcen und stünden einer sektorübergreifenden Zusammenarbeit von niedergelassenen und Klinikärzten im Wege. Er begrüßt deshalb die Möglichkeiten, die das 2. NOG mit der Aufhebung der sektoralen Budgets und der neuen Struktur der vertragsärztlichen Gesamtvergütung durch arztgruppenbezogene Regelleistungsvolumen bietet.


Reformoptionen nutzen
Die vielfach als "Reförmchen" geschmähten Neuordnungsgesetze der Bundesregierung können nach Ansicht von Hess zu echten Strukturveränderungen führen, wenn die Selbstverwaltung die Möglichkeiten der Strukturverträge und Modellversuche nutzt. Das 2. NOG schaffe neue Voraussetzungen, die Verzahnung der ambulanten und stationären Versorgung voranzutreiben. Auch Weisner begrüßt, daß das 2. NOG endlich den rechtlichen Rahmen für erfolgversprechende Modelle wie die Medizinische Qualitätsgemeinschaft Rendsburg oder das Hausarztmodell mit den Ortskrankenkassen schaffe. Diese Modellversuche mit vernetzten Strukturen dienten dazu, die Kosten für veranlaßte Leistungen zu reduzieren und Krankenhauseinweisungen auf das medizinisch notwendige Maß zurückzuschrauben. Unter dem derzeitigen Kostendruck ist es nach Weisners Überzeugung dringend notwendig, sektorales Denken und Handeln zu überwinden. So warte beispielsweise bei der gemeinsamen Nutzung von Großgeräten oder Operationsräumen "noch viel Arbeit auf die Selbstverwaltung." Zudem müsse die Kommunikation zwischen niedergelassenen und Krankenhausärzten verbessert werden. Abhilfe verspricht sich Weisner hier von der elektronischen Datenübermittlung.
Dr. med. Eckart Fiedler, Vorstandsvorsitzender der Barmer Ersatzkasse, erhofft sich ebenfalls erhebliche Einsparungen, wenn es gelingt, die strikte Trennung von ambulantem und stationärem Sektor zu überwinden. Das derzeitige Vergütungssystem fördere Einzelkämpfertum und innerärztliche Verteilungskämpfe. "Es werden zuviele Leistungen vorwiegend aus Gründen der Einkommenserzielung und der Konkurrenz erbracht, auch wenn diese nicht medizinisch indiziert sind," kritisierte Fiedler. Die Kassen forderten deshalb sowohl eine bessere Indikationssteuerung als auch eine bessere Arbeitsteilung. Ärztliche Kooperation müsse im Vordergrund stehen. Vielversprechend im Sinne der Kostenersparnis ist für Fiedler das Modell der Medizinischen Qualitätsgemeinschaften. Nach seinen Vorstellungen sollten die jeweiligen Arztgruppen mit eigenem Honorarbudget ausgerüstet werden. Eine intensive Zusammenarbeit könne zu gemeinsamen Therapie- und Diagnoseempfehlungen oder einer gruppenspezifischen Positivliste für Arzneimittel führen. Geräte und Personal könnten gemeinsam genutzt und die Präsenzzeiten ausgedehnt werden. Die Kosten für veranlaßte Leistungen würden auf diese Weise gesenkt und unnötige Krankenhauseinweisungen vermieden. Schließlich besäßen die niedergelassenen Ärzte den Schlüssel zur Steuerung der Krankenhauseinweisungen.
Außerdem gelte es, das kostentreibende Gegeneinander zwischen Krankenhaus und niedergelassenen Ärzten zu überwinden. Dazu gehöre beispielsweise der EDV-gestützte Datenaustausch zwischen niedergelassenen und Krankenhausärzten. Von den Neuordnungsgesetzen erwartet Fiedler hingegen keine weiteren Lösungsansätze. "Wir werden uns nach der Wahl wieder zusammensetzen, hoffentlich nach Art der Petersberger Gespräche."
Heike Korzilius

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