ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2009Börsebius: Freie Fahrt für Opel?

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Börsebius: Freie Fahrt für Opel?

Rombach, Reinhold

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LNSLNS Diese Pharisäer! Wie einfach Populismus geht, demonstrierte Kanzlerkandidat und Außenminister Frank-Walter Steinmeier jüngst in einem Radiointerview mit der Generalforderung „Opel muss leben“. Zustimmende Trillerpfeifen im Hintergrund, als der gute Frank-Walter Opel mit einer ausgepressten Zitrone verglich, die General Motors (GM) nun wegwerfen wolle, und eben dies gelte es zu verhindern. In ein ähnliches Horn brüllten auch die Ministerpräsidentenlöwen exakt der Bundesländer, in denen Opel produziert, die Bänder dürften einfach nicht stillstehen in Rüsselsheim, Bochum, Kaiserslautern und Eisenach. Ein paar Milliarden für eine gute Sache, das wird es doch wohl noch wert sein. Die Parteizugehörigkeit spielte dabei nur insoweit eine Rolle, wie es um die Angst vor möglichen Stimmenverlusten ging. Enttäuschte Arbeitslose sind eben in ihrem Wahlverhalten per se gefährlich.

So ein Unsinn. Opel ist ein Zeichen seiner selbst. Wenn Sie auf der Autobahn unterwegs sind, machen sie doch einfach die Probe aufs Exempel, wie viele Opel unterwegs sind. Ich habe mir die Mühe gemacht und stelle fest, Opel genießt absoluten Minderheitenschutz. Und das ist weiß Gott nicht immer so gewesen. Wer weiß noch, dass zu Zeiten des „Opel Blitz“ mit VW um die Marktführerschaft gerungen wurde?

Nein, es ist einfach so, Opel hat schon in den letzten Jahren gehörig abgewirtschaftet, hat ein riesiges Imageproblem. Der Markt hat längst entschieden, dass Opel einfach nicht gebraucht wird, zu bieder die Modellpolitik, zu wenig innovativ die Technik, zu brav das Design. Die Vorstellung, Opel müsse nur in die rechtliche Selbstständigkeit entlassen werden, um zu reüssieren, ist kindlich. Opel kann alleine gar nicht überleben. Auch nicht mit Milliardengeldspritzen aus dem Füllhorn des Staates, die überdies der – noch halbwegs gesunden – Konkurrenz Schaden zufügen würden.

Wir haben gelernt, dass es bei den Banken und Versicherungen zweierlei Sorten gibt: die einen, die pleitegehen dürfen, und die anderen, die unter allen Umständen gerettet werden müssen, siehe AIG und HRE. Das Zauberwort für Sein oder Nichtsein heißt „systemrelevant“. Das Scheitern eines für ein funktionierendes Wirtschaftsleben unverzichtbaren Hauses darf einfach nicht sein, soll nicht alles zusammenbrechen.

Ähnliches, und hier vereinen sich die Geld- und Gütermärkte wieder auf wundersame, gleichwohl plausible Weise, gilt natürlich auch für die Automobilindustrie. Opel, und das auch noch etwa von der Mutter abgespalten, ist einerseits nicht überlebensfähig und anderseits nicht systemrelevant. Soll der Glaube an eine Erholung der Konjunktur und ein Wiedererstarken der Märkte nicht erschüttert werden, weil jeder Fußkranke durchgeschleppt wird, gibt es nur eine – zugegeben grausame – Konsequenz: Ihr Herren Politiker, lasst Opel endlich pleitegehen! Es nützt unter dem Strich allen.
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